Als in ein Dorf mit 102 Ein­woh­nern 500 Flücht­lin­ge ka­men

Am An­fŻng wŻr mŻn scho­ckiert, ©Żnn Żr­rŻn­gier­ten sich ©ie Ein­woh­ner ©Żmit, un© nun leãt mŻn mit Żll ©en Fol­gen – po­si­ti­ven wie ne­gŻ­ti­ven: DŻs klei­ne Dorf Sum­te in Nie©er­sŻch­sen ãe­herãergt in ei­nem ehe­mŻ­li­gen Bü­ro­kom­plex mehr Żls 500 Flücht­lin­ge.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON ERICH KOCINA

Ge­fragt hat man sie nicht. Nur in­for­miert. Dass sie bald ei­ne Flücht­lings­un­ter­kunft hier im Dorf ha­ben wür­den. „Schei­ße!“Das war der ers­te Ge­dan­ke, der Dirk Ham­mer ein­fuhr, als er im Ok­to­ber des Vor­jah­res da­von er­fah­ren hat­te. Ihm war ein Mail mit dem Vor­ha­ben der nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung zu­ge­spielt wor­den. Ein Mail, in dem es schon als Tat­sa­che fi­xiert wor­den war. Das Bü­ro­dorf, ei­ne leer ste­hen­de Ein­rich­tung am We­strand des Dor­fes, rund 300 Me­ter Luft­li­nie von Ham­mers Haus ent­fernt, wür­de künf­tig Flücht­lin­ge be­her­ber­gen. Von 1000 Men­schen war die Re­de. „Man muss na­tür­lich hel­fen als Christ“, ha­be er ge­dacht, „aber 1000 Leu­te, das sind zu vie­le“. Denn Sum­te selbst hat gera­de ein­mal 102 Ein­woh­ner.

„Frem­der Mann! Ge­he nicht so nah her­an. Stö­re un­se­re Ar­beit nicht. Ste­chen in der Not ist Pflicht.“Es ist ein klei­nes Schild an ei­nem Haus na­he der Ort­s­ein­fahrt. Mit Frem­den­feind­lich­keit hat das nichts zu tun – ein Im­ker warnt da­vor, dass Be­su­cher es mit sei­nen Bie­nen zu tun be­kom­men könn­ten. Wo­bei Be­su­cher hier sel­ten sind. Es gibt kaum ei­nen Grund, nach Sum­te zu kom­men, wenn man nicht hier wohnt. Im Herbst, da war das an­ders. Da wan­der­ten plötz­lich Hun­der­te von Jour­na­lis­ten und Ka­me­ra­teams durch die we­ni­gen Stra­ßen des Or­tes, spra­chen Men­schen an, mach­ten Fo­tos und schick­ten ih­re Be­rich­te in die gan­ze Welt.

„Der Emp­fang ist ganz schlecht“, ruft Dirk Ham­mer in sein Han­dy. „Bit­te ru­fen Sie spä­ter noch ein­mal an!“Ein aus­tra­li­scher Sen­der hat gera­de um ein In­ter­view ge­be­ten. Ja, es ist jetzt wie­der ru­hi­ger als im Ok­to­ber und No­vem­ber. Doch das In­ter­es­se ist nach wie vor da. Kein Wun­der, ist doch die Aus­gangs- la­ge spek­ta­ku­lär wie sonst kaum wo. Und Ham­mer ist ei­ner der we­ni­gen Be­woh­ner, die noch be­reit sind, mit Jour­na­lis­ten über­haupt zu re­den.

Er ha­be da­mals in ei­ner Face­boo­kG­rup­pe ei­nen of­fe­nen Brief ge­schrie­ben. Adres­siert an Grit Rich­ter, die Bür­ger­meis­te­rin von Amt Neu­haus, je­ner Ge­mein­de, in der ne­ben Sum­te sechs wei­te­re Ort­schaf­ten zu­sam­men­ge­fasst sind. „War­um wird nicht mit uns ge­spro­chen?“Und über­haupt, wenn schon Städ­te mit 60.000 Ein­woh­nern bei 1500 Flücht­lin­gen jam­mern, wie soll­te das dann erst in Sum­te klap­pen?

„Wie soll das ge­hen?“Das war auch der ers­te Ge­dan­ke, den die Bür­ger­meis­te­rin hat­te, als sie we­ni­ge Ta­ge zu­vor ei­nen An­ruf aus dem nie­der­säch­si­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um be­kom­men hat­te. „Es gibt kei­nen Bus, nichts zum Ein­kau­fen.“Doch „Das geht nicht“sei kei­ne Op­ti­on ge­we­sen. Und so mach­te sie zu­nächst ein­mal das, was die Bür­ger ver­lang­ten – ei­ne Ein­woh­ner­ver­samm­lung. Nicht in Sum­te, da gibt es gar kei­nen ge­eig­ne­ten Raum, son­dern im Ho­tel Hannover in Amt Neu­haus.

An die 500 bis 600 Leu­te wa­ren es dann, die dort zu­sam­men­sa­ßen und hit­zig dis­ku­tier­ten. Nicht nur aus Sum­te, son­dern aus den Ge­mein­den der Um­ge­bung. Auch ein paar Leu­te von der NPD, die Pla­ka­te hoch­hiel­ten. Mit de­nen woll­te man aber nichts zu tun ha­ben. „Un­ter den Ein­woh­nern“, er­zählt Rich­ter, „gab es we­nig Wi­der­stand.“Aber Fra­gen. Und Sor­gen. Ob die Po­li­zei denn nun rund um die Uhr vor Ort sei. Ob man die Stra­ßen­be­leuch­tung nicht aus­bau­en könn­te, um dunk­le Ecken zu ver­mei­den. Und ob man die Häu­ser tags­über denn nun leer ste­hen las­sen kön­ne. Der ers­te Bus. Knap­pe drei Wo­chen spä­ter kommt der ers­te Bus mit Flücht­lin­gen in Sum­te an. In die­ser Zeit ist viel pas­siert. Es wur­den neue La­ter­nen auf­ge­stellt. Geh­we­ge wur­den her­ge­rich­tet. Die Ab­was­ser­lei­tun­gen wur­den aus­ge­baut. Und aus dem ehe­ma­li­gen Bü­ro­kom­plex wur­de ein Quar­tier ge­macht. Mit Schlaf­sä­len, Kü­che, Auf­ent­halts­räu­men. Es muss­te schnell ge­hen, er­zählt Jens Mei­er. Der Kreis­ge­schäfts­füh­rer des Ar­bei­ter-Sa­ma­ri­ter-Bun­des Hannover-Land sorg­te da­für, dass das La­ger be­wohn­bar wur­de. Und seit er mit sei­nem Team die ers­ten Flücht­lin­ge be­grüß­te – ver­folgt von Hun­der­ten Ka­me­ras und Pres­se­fo­to­gra­fen – küm­mert er sich auch dar­um, dass es läuft.

Für rund 750 Men­schen ist das La­ger aus­ge­legt, mehr wä­re nicht mög­lich ge­we­sen. Der­zeit sind rund 500 Flücht­lin­ge hier. Wenn Mei­er den lan­gen Gang, von dem aus die ein­zel­nen Hal­len be­geh­bar sind, ent­lang­mar­schiert, be­grü­ßen ihn die Men­schen wie ei­nen Star. Her­zen und um­ar­men ihn. „Mr. Mei­er, wie geht’s?“Er hat ei­nen Du­sch­wa­gen or­ga­ni­siert, Shut­tle­bus­se, da­mit die Men­schen zum Su­per­markt nach Neu­haus kom­men, oder Aus­flü­ge nach Lü­ne­burg, den Ver­wal­tungs­sitz des Land­krei­ses. Und Deutsch­kur­se auf­ge­stellt – ein pen­sio­nier­ter Leh­rer hilft eh­ren­amt­lich mit. „Wich­tig ist, ei­nen ge­re­gel­ten Ta­ges­ab­lauf her­zu­stel­len“, sagt er. Denn Nichts­tun sei Gift.

Und na­tür­lich galt es, zwi­schen Flücht­lin­gen und Be­woh­nern zu ver-

Ein­woh­ner

hat das Dorf Sum­te in Nie­der­sach­sen. Ge­mein­sam mit Del­li­en, Haar, Kaar­ßen, Neu­haus, Sta­pel und Trip­kau ge­hört es zur Ge­mein­de Amt Neu­haus.

Flücht­lin­ge

kön­nen im „Bü­ro­dorf“un­ter­ge­bracht wer­den, in dem bis vor ei­ni­gen Mo­na­ten ei­ne In­kas­sofir­ma ih­ren Sitz hat­te. Der­zeit sind es rund 500 Men­schen aus 25 Na­tio­nen. mit­teln. Vor al­lem, um Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den. Nein, man darf nicht auf ir­gend­ei­ner Wie­se mit of­fe­nem Feu­er gril­len. Lee­re Fla­schen lässt man auch nicht ein­fach her­um­lie­gen. Und dann war da noch ein Va­ter, der sein Kind auf den Rü­cken ei­nes Pfer­des setz­te. Was der Be­sit­zer der wert­vol­len Ara­ber­pfer­de nicht so gut fand. Aber all das ließ sich schnell re­geln. „Füt­tern ver­bo­ten“steht nun an ei­nem Zaun. Mitt­ler­wei­le auch auf Ara­bisch.

Al­les wun­der­bar, al­so? Bür­ger­meis­te­rin Rich­ter sieht es po­si­tiv. Sie freut sich dar­über, dass im La­ger vie­le Men-

Der ers­te Ge©Żn­ke ©er Bür­ger­meis­te­rin wŻr: »Wie soll ©Żs ge­hen?« Ernst zu neh­men©e Vorf´lle gŻã es nicht. Aãer ©Żs KlimŻ im Dorf hŻt sich ver´n©ert.

schen aus der Ge­gend Ar­beit ge­fun­den ha­ben. Und auch, dass die Flücht­lin­ge zum Teil schon in Kon­takt mit Ein­hei­mi­schen ste­hen – sie be­trie­ben et­wa ei­nen ei­ge­nen Stand auf dem Weih­nachts­markt. „Bis jetzt war die Angst un­be­grün­det“, sagt auch Dirk Ham­mer. Und doch hat sich et­was ver­än­dert. „Es gibt schon auch Span­nun­gen, die das Dorf ne­ga­tiv ge­prägt ha­ben.“Es ist kom­pli­zier­ter ge­wor­den zwi­schen den Be­woh­nern. Es wird mehr ge­strit­ten: „102 Ein­woh­ner, 102 Meinungen.“

Im­mer, wenn die Span­nung zu groß wird, gibt es ein Tref­fen beim Feu­er­wehr­haus, „qua­si ei­ne The­ra­pie­grup­pe“. Dort re­de man auch al­les aus, so re­spekt­voll, wie es nur geht. Und doch ist so man­che zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hung we­gen der Si­tua­ti­on in die Brü­che ge­gan­gen. „Das Pro­blem gab es vor­her nicht“, sagt Ham­mer. „Und ja, es be­las­tet.“

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