Ge­schütz­te Tie­re auf dem Bau

Kä­fer, Krö­te oder Zie­sel: Fast je­des grö­ße­re Bau­pro­jekt in Wi­en ist mit ge­schütz­ten Tier­ar­ten kon­fron­tiert, die auf dem Bau­grund le­ben. Be­kannt sind nur ei­ni­ge pro­mi­nen­te Fäl­le.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON MIR­JAM MARITS

Zu Ge­sicht be­kommt man ihn so gut wie nie. Wenn über­haupt, fin­det man nur sei­nen Kot und auch den nur, wenn man ei­nen Spür­hund da­bei hat: Der Juch­ten­kä­fer (oder Ere­mit ge­nannt) ist ei­ne so sel­te­ne wie un­ter Ar­ten­schutz (über die Flo­ra-Fau­na-Ha­bi­tat-Richt­li­nie der EU) ste­hen­de Kä­fer­art. Und gera­de des­we­gen von gro­ßer Be­deu­tung: In Deutsch­land hat der Kä­fer da­zu bei­ge­tra­gen, dass sich das Stutt­gart-21-Pro­jekt ver­zö­gert hat und die Bau­plä­ne ad­ap­tiert wer­den muss­ten. (Was den „Spie­gel“zu der Schlag­zei­le „Ein Kä­fer, sie zu knech­ten“in­spi­riert hat.)

Und auch in Wi­en könn­te die­se bis­her eher un­be­kann­te Kä­fer­art bald ei­ne nicht un­wich­ti­ge Rol­le spie­len: Im Hörndl­wald in Hiet­zing, wo Pro men­te ei­ne Kli­nik für Burn-out-Pa­ti­en­ten er­rich­ten möch­te, will die Bür­ger­initia­ti­ve (BI) Ret­tet den Hörndl­wald den Kä­fer ent­deckt ha­ben. Ge­nau­er ge­sagt: des­sen Kot. Kom­men­de Wo­che wird die BI der Stadt ein Gut­ach­ten über­ge­ben, in dem ein Ex­per­te das Vor­kom­men des Kä­fers auf dem ge­plan­ten Bau­land nach­weist. Das könn­te, so hofft Mer­ten Mau­ritz von der Bür­ger­initia­ti­ve, der An­fang vom En­de der Kli­nik sein. „Uns geht es dar­um, das Pro­jekt mög­lichst lang hin­aus­zu­zö­gern, da­mit es für Pro men­te un­in­ter­es­sant wird.“ Um­sie­deln statt Pro­jek­te ver­wer­fen. Dass bei ge­plan­ten Bau­vor­ha­ben auf dem Bau­grund ei­ne ge­schütz­te Tier­art – da­von gibt es in Wi­en im­mer­hin 700 – nach­ge­wie­sen wird, ist an sich nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches. Viel­mehr ist da­von „je­des grö­ße­re Bau­pro­jekt in der Stadt be­trof­fen“, wie die Lei­te­rin der MA22 (Um­welt­schutz), Ka­rin Büchl-Kramm­er­stät­ter, sagt. Sie stört, dass die Tier­ar­ten – wie zu­letzt die eben­falls ge­schütz­te Wan­der­krö­te, die auf ei­nem ge­plan­ten Bau­land beim Nord­bahn­hof vor­kommt – da­bei als Ver­hin­de­rer dar­ge­stellt wer­den. „Wi­en hat ein sehr stren­ges Na­tur­schutz­ge­setz“, sagt sie. „Aber nur weil ei­ne ge­schütz­te Tier­art auf ei­nem Bau­grund vor­kommt, heißt das nicht, dass sie das Pro­jekt ver­hin- dert.“Tat­säch­lich gibt es ei­ne – auch dank sehr ak­ti­ver und lau­ter Bür­ger­initia­ti­ven – klei­ne Zahl an pro­mi­nen­ten Fäl­len, bei de­nen, je nach Sicht­wei­se, ge­schütz­te Tier­ar­ten Bau­pro­jek­te ver­zö­gern oder gro­ße Bau­pro­jek­te Tie­re be­dro­hen. Von ei­ner Viel­zahl der Fäl­le, in de­nen die MA 22 mit dem Pro­jekt­wer­ber an Lö­sun­gen im Sin­ne des Na­tur­schut­zes fin­det, er­fährt die Öf­fent­lich­keit so gut wie nie. „Aus un­se­rer Sicht läuft das in den meis­ten Fäl­len sehr gut“, sagt Büchl-Kramm­er­stät­ter.

„Uns geht es dar­um, dass der Be­stand der ge­schütz­ten Ar­ten nicht be­ein­träch­tigt und ih­nen Er­satz­le­bens­raum ge­bo­ten wird und den In­di­vi­du­en nichts pas­siert.“Wie das ge­lingt? Bei Neu­bau­ten kann es et­wa sein, dass der Bau­trä­ger für Ge­bäu­de­brü­ter wie Mau­er­seg­ler Ni­schen zum Nis­ten er­rich­ten muss. Oder der Bau­trä­ger ein Er­satz­grund­stück für die Tie­re zur Ver­fü­gung stel­len muss.

Bei Bau­ar­bei­ten beim Ver­tei­ler­kreis Fa­vo­ri­ten et­wa wur­den vor ei­ni­gen Jah­ren Feld­hams­ter ge­fun­den – die­se wur­den da­mals mit Le­bend­fal­len ein­ge­fan- gen und auf ei­nem Grund­stück in der Nä­he aus­ge­las­sen. Von den Wech­sel­krö­ten am Nord­bahn­hof (die vor Jah­ren schon den Bau der Park-&-Ri­de-An­la­ge in Erd­berg ver­zö­gert ha­ben) und dem Juch­ten­kä­fer im Hörndl­wald hat die MA 22 bis­her nur aus den Me­di­en er­fah­ren, „das sind bei­des Pro­jek­te, die noch nicht ein­mal bei uns ein­ge­reicht wur­den“. Dass dies pas­sie­ren wird, ist aber wahr­schein­lich: Denn ne­ben ei­ner Bau­be­wil­li­gung be­nö­ti­gen der­ar­ti­ge Bau­vor­ha­ben ei­ne na­tur­schutz­recht­li­che Be­wil­li­gung, die nur aus­ge­stellt wird, wenn si­cher­ge­stellt wird, dass kei­ne ge­schütz­ten Tier­ar­ten ge­fähr­det sind.

Ob es den Juch­ten­kä­fer im Hörndl­wald tat­säch­lich gibt – der Vor­wurf, Um­welt­schüt­zer könn­ten den Kä­fer dort ab­sicht­lich aus­ge­setzt ha­ben, geis­ter­te schon durch die Me­di­en – oder nicht, sei gar nicht so wich­tig: Da der Bau­grund im Land­schafts­schutz­ge­biet liegt, „wird es dort meh­re­re ge­schütz­te Tier­ar­ten ge­ben“, sagt Büchl-Kramm­er­stät­ter. Ein ar­ten­schutz­recht­li­ches Ver­fah­ren dürf­te es al­so so­wie­so ge­ben. Der Zie­sel soll sie­deln. Die wien­weit be­kann­tes­te Tier­art, die auf ei­nem ge­plan­ten Bau­land lebt, ist wohl der Zie­sel in Stam­mers­dorf: Hin­ter dem Hee­res­spi­tal wol­len die Bau­trä­ger Ka­bel­werk und Do­nau­ci­ty Wohn­bau ins­ge­samt 950 Woh­nun­gen er­rich­ten. Al­lein: Weil dort ei­ne Ko­lo­nie der streng ge­schütz­ten Zie­sel lebt, konn­te mit dem Bau noch nicht be­gon­nen wer­den.

„Wir ha­ben dort drei Jah­re ver­lo­ren“, sagt Man­fred Was­ner, Ge­schäfts­füh­rer bei Ka­bel­werk. In Über­ein­stim­mung mit der MA 22 wird ver­sucht, die Na­ge­tie­re – mit­hil­fe von Fut­ter­an­rei­zen, Tun­neln und Brü­cken – da­zu zu be­we­gen, auf ein be­nach­bar­tes Grund­stück über den March­feld­ka­nal zu über­sie­deln. So­bald nach­ge­wie­sen wer­den kann, dass die Hälf­te der rund 200 Zie­sel das Er­satz­grund­stück an­ge­nom­men hat, kann – 50 Me­ter vom nächs­ten Zie­sel­bau ent­fernt – mit den Bau­ar­bei­ten be­gon­nen wer­den. Was­ner hofft, dass die ers­ten 200 Woh­nun­gen ab Herbst er­rich­tet wer­den kön­nen. En­de 2019 soll die ge­sam­te Sied­lung fer­tig sein, „so­fern die Zie­sel es ge­stat­ten“. Der­zeit frei­lich herrscht Still­stand: Die Tie­re hal­ten Win­ter­schlaf.

Ob es den Juch­ten­kä­fer im Hörndl­wald tat­säch­lich gibt, sei gar nicht so wich­tig.

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