Kunst­his­to­ri­sche Blu­men­be­trach­tun­gen

Au­ri­kel. Wenn man in Zei­ten ver­hüll­ter Nackt­sta­tu­en ei­ne Pflan­ze, die man nur aus Ge­mäl­den und al­ten Bü­chern kann­te, plötz­lich vor sich sieht, kann sich ein Kreis schlie­ßen.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOL­TRON

Als man jüngst in vor­aus­ei­len­der Un­ter­wer­fung die an­ti­ken Sta­tu­en Roms ver­hüll­te, um die im Schat­ten mar­mor­ner Nackt­heit ge­führ­ten Ge­schäfts­ge­sprä­che mit dem Staats­gast nicht zu ge­fähr­den, emp­fand ich schmerz­lich Scham für Eu­ro­pa. Doch da man we­nig mehr tun kann, als sein Un­be­ha­gen, ja ei­gent­lich Ent­set­zen über die­sen dümm­li­chen Akt der Selbst­ver­leug­nung zu äu­ßern, floh ich zur Be­ru­hi­gung des Ge­müts in mei­nen Blu­men­markt des Ver­trau­ens.

Die­ses war ei­ne gu­te Idee, denn in­mit­ten fast or­di­när far­ben­präch­ti­ger Pri­mel­neu­züch­tun­gen stand ei­ne klei­ne Pflan­ze, die ich bis­her le­dig­lich auf al­ten Kunst­wer­ken be­wun­dert hat­te: ei­ne schwarz-gelb blü­hen­de Au­ri­kel. Ein Pracht­ge­schöpf! Vie­le Jah­re lang hing ein Aus­druck des wahr­schein­lich bes­ten Bil­des die­ser fast un­wirk­li­chen Schön­heit über mei­nem Schreib­tisch, doch be­geg­net war ich der Pflan­ze nie.

Be­sag­ter ko­lo­rier­ter Druck stammt aus dem 1807 er­schie­ne­nen drit­ten Band der „New il­lus­tra­ti­on of the se­xu­al sys­tem of Ca­ro­lus von Lin­na­eus“, und die­ser wird von Fach­leu­ten als ei­nes der groß­ar­tigs­ten al­ler bo­ta­ni­schen Bü­cher be­zeich­net. Der Bri­te Ro­bert John Thorn­ton (1768-1837), Arzt und Pflan­zen­lieb­ha­ber, hat­te Künst­ler sei­ner Zeit auf­ge­ru­fen, sich der pflanz­li­chen Se­xu­al­sys­te­me in Bild und Wort an­zu­neh­men. Die Kos­ten da­für wa­ren enorm, das In­ter­es­se des Pu­bli­kums blieb aus, das opu­len­te Werk wur­de nicht voll­endet, Thorn­ton, Er­be ei­nes statt­li­chen Ver­mö­gens, starb ver­armt und er­leb­te die Wert­schät­zung des von ihm ge­stif­te­ten Er­bes bo­ta­ni­scher Kunst nicht. In Sze­ne ge­setz­te Blü­ten. Die Bü­cher und Bild­plat­ten sind heu­te fast nicht mehr zu krie­gen, und wenn, dann sind sie nicht zu be­zah­len. Nur ganz we­ni­ge Ex­em­pla­re sind voll­stän­dig er­hal­ten. Das Ab­bild der Au­ri­kel stammt aus dem drit­ten Band, der „Temp­le of Flo­ra“heißt und der be­rühm­tes­te ist. Die Blü­ten­pflan­zen sind auf die­sen Dru­cken in Sze­ne ge­setzt wie sonst nur por­trä­tier­te Per­sön­lich­kei­ten. Un­ge­wohnt dun­kel-mys­te­riö­se Hin­ter­grün­de rei­chen tief hin­ein in Land­schaf­ten, je­weils pas­send zur Hei­mat der im Vor­der­grund ab­ge­bil­de­ten Blü­ten­pflan­ze: Hin­ter der blau­en ägyp­ti­schen Was­ser­li­lie be­schat­ten Pal­men ein Mi­na­rett. Die ame­ri­ka­ni­sche Schlüs­sel­blu­me blüht über den Fels­klip­pen ei­nes dra­ma­ti­schen Mee­res. Hin­ter den Tul­pen er­streckt sich ei­ne Deich­land­schaft. Al­pen­blu­me statt Tul­pe. Die Au­ri­keln blü­hen, wie es sich für Al­pen­pflan­zen ge­hört, am Fu­ße ei­nes Ge­bir­ges. Tat­säch­lich ent­stan­den die zwei­fär­bi­gen Gar­ten­au­ri­keln aus ei­ner Kreu­zung der gel­ben Al­pen-Au­ri­kel und der ro­sa blü­hen­den, nur in den Kal­k­al­pen be­hei­ma­te­ten Be­haar­ten Pri­mel. Aus un­er­find­li­chen Grün­den kam Letz­te­re in Ti­rol in zahl­rei­chen, ganz un­ter­schied­li­chen Blü­ten­far­ben vor, und Züch­ter brach­ten dank die­ses Gen­pools die wil­des­ten Au­ri­kel-Blü­ten her­vor.

Die Al­pen­blu­me lös­te die Tul­pe zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts als teu­re Lieb­ha­ber­pflan­ze ab. Doch nach die­ser Hausse hat man die sen­sa­tio­nel­le Früh­lings­blü­he­rin of­fen­bar weit­ge­hend ver­ges­sen. Um­so grö­ßer mein Ent­zü­cken, als ich erst­mals ei­nem le­ben­di­gen Ex­em­plar ge­gen­über­stand und selbst­re­dend so­fort heim­hol­te. So ge­se­hen hat die Ver­hül­lung der Nack­ten in Rom mei­ne Rei­se durch die Kunst­ge­schich­te Eu­ro­pas be­rei­chert und ei­nen al­ten Kreis ge­schlos­sen.

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