FAK­TEN

Als »jüngs­te Self­made-Mil­li­ar­dä­rin der Welt« wur­de Eliz­a­beth Hol­mes von ein­fluss­rei­chen För­de­rern und Me­di­en hoch­ge­ju­belt, Kri­tik an In­trans­pa­renz bei­sei­te ge­wischt. Ihr Ver­spre­chen ei­ner me­di­zi­ni­schen Re­vo­lu­ti­on liegt nun in Trüm­mern.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON OLI­VER GRIMM

Das Schrei­ben der Be­hör­de, da­tiert mit 25. Jän­ner, ist knap­pe vier Sei­ten lang und in sprö­dem Bü­ro­kra­te­neng­lisch ver­kün­det es mög­li­cher­wei­se das To­des­ur­teil über ei­nes der fas­zi­nie­rends­ten bio­tech­no­lo­gi­schen Un­ter­neh­men aus Si­li­con Val­ley.

Die be­hörd­li­che Prü­fung von Ther­a­nos, ei­nes mil­li­ar­den­schwe­ren Blut­dia­gnos­tik-An­bie­ters, ha­be meh­re­re recht­li­che Ver­stö­ße of­fen­ge­legt, al­len vor­an Prak­ti­ken, „die ei­ne un­mit­tel­ba­re Ge­fähr­dung der Ge­sund­heit und Si­cher­heit der Pa­ti­en­ten dar­stel­len“. Im Schrei­ben der Cen­ters for Me­di­ca­re and Me­di­caid Ser­vices (das ist je­ne USBe­hör­de, die für die Kon­trol­le me­di­zi­ni­scher La­bors ver­ant­wort­lich ist) wird dies als Si­tua­ti­on be­schrie­ben, „in der so­for­ti­ge Kor­rek­tu­ren er­for­der­lich sind“, weil an­sons­ten „Per­so­nen, die von dem La­bor be­dient wer­den, oder der Ge­sund­heit und Si­cher­heit der All­ge­mein­heit je­der­zeit ernst­haf­te Ver­let­zun­gen, Scha­den oder Tod“dro­hen.

Ein La­bor, des­sen Blut­tests mög­li­cher­wei­se To­des­fol­gen zei­ti­gen: So et­was hört man als Ge­schäfts­part­ner un­gern. Was ge­nau im Ar­gen liegt, ist dem Schrei­ben nicht zu ent­neh­men. Denk­bar ist zum Bei­spiel, dass Tests der Blut­ge­rin­nung fal­sche Er­geb­nis­se brin­gen. Das könn­te bei Schlag­an­fall­pa­ti­en­ten, de­nen auf Ba­sis sol­cher La­bor­be­fun­de blut­ver­dün­nen­de Me­di­ka­men­te ver­ab­reicht wer­den, töd­li­che in­ne­re Blu­tun­gen ver­ur­sa­chen.

Die Dro­ge­rie­markt­ket­te Wal­greens kün­dig­te je­den­falls am Don­ners­tag an, bis auf Wei­te­res kei­ne Blut­pro­ben an die­ses La­bor in Ne­wark, Ka­li­for­ni­en, zu schi­cken. Zehn Ta­ge hat Ther­a­nos nun Zeit, um der Be­hör­de die Kor­rek­tur der Miss­stän­de zu stel­len. Miss­lingt dies, dro­hen Sank­tio­nen, die von täg­li­chen Geld­stra­fen von 10.000 Dol­lar bis zur zwangs­wei­sen Schlie­ßung rei­chen.

Die­se Hi­obs­bot­schaft stellt das Le­bens­werk ei­ner der schil­lernds­ten Per­sön­lich­kei­ten der ame­ri­ka­ni­schen Bio­tech­no­lo­gie­bran­che in Fra­ge. Als Eliz­a­beth Hol­mes sie­ben Jah­re alt war, zeich­ne­te sie ei­nen de­tail­lier­ten Bau­plan für ei­ne Zeit­ma­schi­ne. Mit neun Jah­ren las sie Her­man Mel­vil­les Ro­man „Mo­by Dick“in ei­nem Zug durch. Als 16-Jäh­ri­ge sprach sie so flie­ßend Man­da­rin, dass es gut ge­nug für Spe­zi­al­kur­se an der St­an­ford Uni­ver­si­ty war (sie ab­sol­vier­te den Lern­um­fang von drei Jah­ren Man­da­rin auf Col­le­ge-Ni­veau noch vor ih­rem High­school-Ab­schluss).

Ther­a­nos

ist ei­ne Fir­ma mit Sitz in Pa­lo Al­to, Ka­li­for­ni­en, die La­bord­ia­gno­sen er­stellt. Aus ei­nem Bluts­trop­fen al­lein ver­spricht das Un­ter­neh­men, zahl­rei­che Be­fun­de er­ar­bei­ten zu kön­nen. In meh­re­ren Dut­zend Dro­ge­rie­märk­ten in Ka­li­for­ni­en und Ari­zo­na konn­te man bis­her um 2,99 Dol­lar sol­che Tests er­wer­ben.

Eliz­a­beth Hol­mes

hat Ther­a­nos mit 19 Jah­ren ge­grün­det und auf ei­nen Buch­wert von neun Mil­li­ar­den Dol­lar hoch­ge­zo­gen. Schwe­re Kri­tik von Auf­sichts­be­hör­den wirft nun ei­nen Schat­ten auf die Zu­kunft der Fir­ma.

Ein paar Jah­re spä­ter, mit 19 und nach nur ei­nem Jahr Stu­di­um des Che­mie­in­ge­nieur­we­sens in St­an­ford, mel­de­te sie ihr ers­tes Pa­tent an: ei­ne Test­me­tho­de, die aus nur ei­nem Bluts­trop­fen zahl­rei­che dia­gnos­ti­sche Schlüs­se zieht und die­se Er­geb­nis­se per draht­lo­ser In­ter­net­ver­bin­dung an den be­han­deln­den Arzt schickt. Ihr Pro­fes­sor dräng­te sie, das Stu­di­um zu be­en­den, be­vor sie sich in den Dschun­gel von Si­li­con Val­ley stürzt. „Wo­zu?“, warf sie ihm ent­ge­gen. „Ich weiß be­reits, was ich wis­sen will.“ Ei­ne wie Ste­ve Jobs. Hol­mes ver­ließ die Uni und grün­de­te ih­re Fir­ma: Ther­a­nos, ei­ne Ver­knüp­fung der Wör­ter The­ra­py und Dia­gno­sis. Rasch of­fen­bar­te sich, dass die heu­te 32-jäh­ri­ge Hol­mes das Zeug zum Tech­no­lo­gie­star hat. Das ge­reich­te auch der Fir­ma selbst zum kauf­män­ni­schen Nut­zen. „Wir brauch­ten kei­ne Wer­bung. Wir ha­ben mit ihr die bes­te Pu­b­li­ci­ty, die man krie­gen kann“, froh­lock­te der frü­he­re Kon­zern­vor­stand der Groß­bank Wells Far­go, Richard Ko­va­ce­vich, der im Ther­a­nos-Auf­sichts­rat sitzt. Nicht nur der schwar­zen Roll­kra­gen­pull­over we­gen, die rasch zu ih­rem Mar­ken­zei­chen wur­den, ver­glich man die Toch­ter ei­nes in der po­li­ti­schen Sze­ne von Wa­shing­ton eben­so wie in den bes­se­ren Krei­sen der West­küs­te ver­netz­ten Er­folgs­paa­res bald mit Ste­ve Jobs, dem ver­stor­be­nen Grün­der von App­le. Hol­mes ver­bin­det ho­he In­tel­li­genz mit ju­gend­li­cher At­trak­ti­vi­tät und je­ner rau­nen­den Ge­heim­nis­tue­rei, die auch Jobs’ Ruhm als ei­ner der wich­tigs­ten Grün­der­fi­gu­ren un­se­rer Zeit fes­tig­te.

Denn das Ver­spre­chen von Ther­a­nos klingt eben­so be­tö­rend, wie es Jobs’ eins­ti­ge An­kün­di­gung ei­ner völ­lig neu­en Art der mo­bi­len Kom­mu­ni­ka­ti­on tat. Sie be­haup­tet, mit ih­rer Tech­no­lo­gie den al­lein in den USA jähr­lich rund 70 Mil­li­ar­den Dol­lar (64 Mil­li­ar­den Euro) um­fas­sen­den Markt für me­di­zi­nisch-dia­gnos­ti­sche Blut­tests re­vo­lu­tio­nie­ren zu kön­nen. Statt wie bis­her mit ei­ner für vie­le Men­schen ein­schüch­tern­den Na­del zu­zu­ste­chen und meh­re­re Phio­len mit Blut zu fül­len, die in auf­wen­di­gen Tests auf den Blut­zu­cker­ge­halt, die An­zahl der Blut­plätt­chen und an­de­re wich­ti­ge Ei­gen­schaf­ten ge­tes­tet wer­den, soll ein klei­nes Na­del­piek­sen in den Fin­ger bloß ei­nen Trop­fen Blut lie­fern, aus dem die Ma­schi­nen und Com­pu­ter­pro­gram­me von Ther­a­nos Hun­der­te von dia­gnos­ti­schen Er­kennt­nis­sen zie­hen kön­nen. Statt 50 Dol­lar oder mehr für ei­nen her­kömm­li­chen Cho­le­ste­r­in­test zu be­zah­len, kos­tet der Test von Ther­a­nos bei Wal­greens bloß 2,99 Dol­lar.

Doch Hol­mes hat­te nicht nur ei­ne gu­te Idee, son­dern auch die per­sön­li­chen Kon­tak­te, um Start­ka­pi­tal zu sam- meln. Der Ven­ture-Ca­pi­tal-In­ves­tor Ti­mo­thy Dra­per, ein Nach­bar und Freund der Fa­mi­lie, gab ihr die ers­te Mil­li­on. Ein frü­he­rer Spit­zen­ban­ker und Stu­di­en­kol­le­ge ih­res Va­ters mach­te sie mit dem Si­li­con-Val­ley-Ma­gna­ten Don Lu­cas be­kannt, der einst mit sei­ner In­ves­ti­ti­on in den Soft­ware­ent­wick­ler Ora­cle auf ei­ne Gold­mi­ne stieß. Lu­cas wie­der­um stell­te Hol­mes dem Ora­cle-Grün­der Lar­ry Ell­ison vor, und bei­de Her­ren stie­gen bei Ther­a­nos ein. In Sum­me hat Hol­mes mehr als 400 Mil­lio­nen Dol­lar an Ka­pi­tal ge­sam­melt, Ther­a­nos wird mit rund neun Mil­li­ar­den Dol­lar be­wer­tet. Da sie knapp mehr als die Hälf­te der An­tei­le hält, ist die Be­zeich­nung als „jüngs­te Self­made-Mil­li­ar­dä­rin der Welt“, mit der sie vom Ma­ga­zin „For­bes“ge­kürt wur­de, wohl zu­tref­fend. Ge­or­ge Shultz und sei­ne Freun­de. Doch schon seit ei­ni­gen Jah­ren meh­ren sich die kri­ti­schen Stim­men. Sie ge­ben zu be­den­ken, dass Hol­mes’ Tech­no­lo­gie in kei­nem re­nom­mier­ten wis­sen­schaft­li­chen Jour­nal ei­ner kri­ti- schen Prü­fung durch an­de­re For­scher un­ter­zo­gen wur­de. John Io­an­n­i­dis, ein Me­di­zin­pro­fes­sor an der St­an­ford Uni­ver­si­ty, kri­ti­sier­te im Fe­bru­ar vo­ri­gen Jah­res im re­nom­mier­ten „Jour­nal of the Ame­ri­can Me­di­cal As­so­cia­ti­on“die „Schein­for­schung“von Ther­a­nos. Dar­un­ter ver­ste­he er ein Phä­no­men, das „in ei­ner Mi­schung aus mög­li­cher­wei­se bril­lan­ten Ide­en, ag­gres­si­ven Un­ter­neh­mens­an­kün­di­gun­gen und mas­sen­me­dia­lem Hy­pe ei­ne to­ta­le Un­ge­wiss­heit dar­über er­zeugt, wel­chen Be­le­gen man trau­en kann“.

Be­denk­lich ist auch die Un­ter­neh­mens­struk­tur von Ther­a­nos. Im zwölf­köp­fi­gen Bo­ard, al­so ge­wis­ser­ma­ßen dem Auf­sichts­rat, sitzt mit Wil­li­am Fo­e­ge, dem pen­sio­nier­ten Di­rek­tor der Cen­ters for Di­sea­se Con­trol der US-Ge­sund­heits­be­hör­de, ein ein­zi­ger Me­di­zi­ner mit fach­lich ein­schlä­gi­ger Aus­bil­dung. Doch Fo­e­ge wird im März 80, und auch die meis­ten an­de­ren Bo­ar­dMit­glie­der sind hoch­be­tagt: al­len vor­an der 95-jäh­ri­ge Ge­or­ge Shultz, Fi­nanz­mi­nis­ter un­ter Richard Ni­xon und Au­ßen­mi­nis­ter un­ter Ro­nald Rea­gan; der 92-jäh­ri­ge Hen­ry Kis­sin­ger, Ni­xons Au­ßen­mi­nis­ter; der 77-jäh­ri­ge frü­he­re de­mo­kra­ti­sche Se­na­tor Sam Nunn und der 88-jäh­ri­ge Wil­li­am Perry, Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter von Bill Cl­in­ton. Hol­mes hat­te Shultz im Jahr 2011 bei ei­ner Kon­fe­renz ken­nen­ge­lernt und an Bord von Ther­a­nos ge­holt. Shultz brach­te ein hal­bes Dut­zend sei­ner (sehr) al­ten po­li­ti­schen Freun­de mit, die al­le­samt in der Hoo­ver In­sti­tu­ti­on an der St­an­ford Uni­ver­si­ty Be­ra­ter­ho­no­rar­no­ten le­gen. Acht der zwölf Auf­sichts­rä­te sind ehe­ma­li­ge Po­li­ti­ker, ho­he Be­am­te oder Mi­li­tärs im Ru­he­stand. Wel­chen Ein­blick sie in das ope­ra­ti­ve Ge­schäft von Ther­a­nos neh­men kön­nen, ist frag­lich. „Sie hat ei­ne äthe­ri­sche Qua­li­tät, will sa­gen: Sie sieht aus wie 19“, schwärm­te Kis­sin­ger ge­gen­über dem „New Yor­ker“. „Sie führt das Un­ter­neh­men mit in­tel­lek­tu­el­ler Do­mi­nanz. Sie kennt ihr The­ma.“ Se­ri­en­wei­se Flops. Schon vor dem fa­ta­len Be­hör­den­brief die­ser Wo­che war die kauf­män­ni­sche Zu­kunft von Ther­a­nos frag­wür­dig. Denn nach fast zwölf Jah­ren ist noch im­mer un­klar, wo­mit die­se Fir­ma ei­gent­lich Geld ver­die­nen und ih­re ho­he Be­wer­tung recht­fer­ti­gen will, die sie un­ge­fähr auf ei­ne Ebe­ne mit den bei­den eta­blier­ten Bran­chen­füh­rern für Blut­tests, die Un­ter­neh­men Quest und La­bo­ra­to­ry Cor­po­ra­ti­on of Ame­ri­ca, stellt.

Meh­re­re Ge­schäfts­ide­en ver­lie­fen im Sand. Zu­nächst ver­such­te Hol­mes, Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler wie Pfi­zer und Gla­xoS­mit­hK­li­ne als Käu­fer ih­rer Dia­gno­se­tech­no­lo­gie für die kli­ni­schen Tests neu­er Phar­ma­zeu­ti­ka zu ge­win­nen. Doch die Ma­schi­nen funk­tio­nier­ten nicht zu­ver­läs­sig. Pfi­zer hat sei­ne Zu­sam­men­ar­beit vor Jah­ren be­en­det, Gla­xoS­mit­hK­li­ne er­klär­te, nie im Be­reich kli­ni­scher Tests mit Ther­a­nos zu­sam­men­ge­ar­bei­tet zu ha­ben.

Auch die nächs­te Idee, ein Dia­g­no-

Ein La­bor, des­sen Blut­tests laut Be­hör­den­be­fund töd­li­che Fol­gen ha­ben kön­nen. Mit 19 grün­de­te Hol­mes ih­re Fir­ma. Die Uni ver­ließ sie: »Ich weiß, was ich wis­sen will.« Nach knapp zwölf Jah­ren ist noch im­mer un­klar, wo­mit die Fir­ma Geld ver­die­nen will.

se­ge­rät für den Haus­ge­brauch, war ein Fehl­schlag. Ther­a­nos en­ga­gier­te Pro­dukt­de­si­gner von App­le, doch die Ma­schi­ne war zu groß. Er­folg­los blieb auch der Ver­such, dem Pen­ta­gon trag­ba­re Dia­gno­se­ge­rä­te zu ver­kau­fen. Sie wa­ren eben­falls zu schwer und zu­dem noch nicht be­hörd­lich zu­ge­las­sen.

Wie es nun mit Ther­a­nos wei­ter­geht, ist of­fen. Hol­mes ent­hält sich seit Mit­te De­zem­ber öf­fent­li­cher Aus­sa­gen. Sie hat zwei PR-Be­ra­ter en­ga­giert und den Lei­ter des pro­blem­be­haf­te­ten La­bors in Ne­wark ge­feu­ert. Die der­zei­ti­gen Blut­tests lau­fen auf her­kömm­li­chen, zu­ge­kauf­ten Ma­schi­nen. Ei­ne fun­da­men­ta­le Re­vo­lu­tio­nie­rung des Test­we­sens ist da­mit nicht mög­lich. „Wir müs­sen wach­sen“, sag­te Hol­mes Bru­der Christian, Ther­a­nos’ Lei­ter für Pro­dukt­ent­wick­lung vor ei­nem Jahr zum „New Yor­ker“. „Wenn wir das nicht kön­nen, wer­den wir ge­killt.“

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