Wir, Meis­ter des Schlafs?

Ei­ne Hy­po­the­se will er­klä­ren, wie der Mensch Mensch ge­wor­den ist: durch die Kür­ze und In­ten­si­tät sei­ner Nacht­ru­he. Aber das ist eher Spe­ku­la­ti­on.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Der ent­schei­den­de Schritt in der Ge­schich­te der Mensch­heit war der von den Bäu­men her­ab, auf Dau­er, auch in der Nacht, dann sind un­se­re nächs­ten Ver­wand­ten meist hoch oben. Die­ser Schritt sorg­te für ein gro­ßes Ge­hirn und ei­ne ge­schick­te Hand – und im Zu­sam­men­spiel bei­der ei­ne hö­he­re Kul­tur –, er brach­te all das, was uns ei­gen ist. Un­ter­nom­men hat ihn vor et­wa 1,8 Mio. Jah­ren Ho­mo erec­tus; der noch frü­he­re Aus­tra­lo­pi­the­cus nur war ge­le­gent­lich un­ten, sein Kör­per­bau zeigt es.

Aber wie kam H. erec­tus da­zu, und was war das Ent­schei­den­de an die­sem Schritt? Wo die Un­ter­schie­de zwi­schen uns und un­se­ren nächs­ten Ver­wand­ten, den Schim­pan­sen, her­rüh­ren, ist un­klar, in den Ge­nen ha­ben sich nur zwei Kan­di­da­ten ge­fun­den, bei­de hel­fen beim Spre­chen, ei­ner im Ge­hirn (Foxp2) und ei­ner, der un­se­re Kie­fer von Mus­kel­wüls­ten be­freit hat. Das ist schon fast al­les, der Rest der Dif­fe­renz liegt im Dun­keln. Und just von dort soll sie kom­men, die Dif­fe­renz, aus dem Dun­kel, das ist die jüngs­te Idee zur Men­sch­wer­dung des Af­fen, sie stammt von Da­vid Sam­son und Charles Nunn (Du­ke) und heißt Sleep In­ten­si­ty Hy­po­the­sis: Ihr zu­fol­ge hat der Mensch sich selbst er­schla­fen, in­dem er sich auf die Er­de bet­te­te und we­ni­ger, aber bes­ser ge­nutz­te Zeit mit Ru­hen ver­brach­te als al­le an­de­ren Pri­ma­ten. Das konn­te er, weil er sei­nem Schlaf ei­ne Ar­chi­tek­tur gab, die die In­tel­li­genz kei­men ließ (Evo­lu­tio­na­ry An­thro­po­lo­gy 24, S. 225).

Ge­mach! Nichts liegt so im Dun­keln wie der Zu­stand, in dem wir ein Drit­tel un­se­res Le­bens ver­brin­gen: „Um das We­sen des tie­fen dun­keln Schlafs weiß man nichts in Ost und West“, be­dau­er­te der ja­pa­ni­sche Mönch Mu­bai­sai Eki­rin 1597 in sei­ner „Haus­haltsen­zy­klo­pä­die“. Und Mit­te des 20. Jahr­hun­derts setz­te Al­lan Recht­schaf­fen, ei­ner der füh­ren­den Schlaf­for­scher, fort: „Wenn Schlaf nicht ei­ne ab­so­lut le­bens­wich­ti­ge Funk­ti­on er­füllt, dann ist er der größ­te Feh­ler, den die Evo­lu­ti­on je ge­macht hat.“Le­bens­wich­tig ist er, der Schlaf, so viel weiß man, al­ler­dings nur ex ne­ga- ti­vo: Rat­ten ster­ben an sei­nem Ent­zug ra­scher als an dem von Nah­rung, auch Men­schen bre­chen dar­un­ter rasch zu­sam­men, Fol­te­rer al­ler Zei­ten wuss­ten und wis­sen es, und man selbst fühlt sich nach ei­ner Nacht oh­ne rech­ten Schlaf „wie ge­rä­dert“.

War­um? Das weiß man nicht, man weiß nicht ein­mal, was Schlaf ist, es gibt nur ei­ne va­ge De­fi­ni­ti­on, sie kreist um die Ru­he. Aber es ruht fast nichts, Herz und Lun­ge pum­pen – gott­lob –, nur die Ske­lett­mus­ku­la­tur ist er­schlafft – auch gott­lob, man wür­de im Bett her­um­sprin­gen und sich und an­de­re ge­fähr­den –, und die Sin­ne ha­ben die Auf­merk­sam­keit ge­dämpft. Im Ge­gen­zug wird ein Or­gan höchst auf­ge­regt, das Zen­tral­or­gan: 1953 be­ob­ach­te­te Eu­ge­ne Aser­ins­ky Men­schen beim Schla­fen und sah hef­ti­ges Au­gen­rol­len in Pha­sen, in de­nen das Ge­hirn ähn­lich ak­tiv wie im Wach­zu­stand ist, man nann­te das den pa­ra­do­xen Schlaf, be­kann­ter als REM (Ra­pid Eye Mo­ve­ment). Hirn­müll­ab­fuhr. Heu­te ist das Bild kom­ple­xer, vie­le Pha­sen wech­seln ein­an­der ab, aber wo­zu? Über die al­te Le­bens­weis­heit, man mö­ge wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen über­schla­fen, ist man kaum hin­aus: Ir­gend­wie lernt man im Schlaf – ob nur in REM oder auch sonst, ist um­strit­ten –, man geht den Tag noch ein­mal durch, ver­fes­tigt Wich­ti­ges, ent­sorgt Un­wich­ti­ges. Und zwar nicht nur me­ta­pho­ri­schen Müll, das ist ei­ner der ra­ren Fun­de der Schlaf­for­schung: Das Ge­hirn hat ein Ent­sor­gungs­sys­tem für über­flüs­si­ge bis ge­fähr­li­che Stoff­wech­sel­pro­duk­te, ak­tiv ist es im Schlaf, Mai­ken Ne­der­gaard (Ro­ches­ter) hat das 2013 be­merkt (Sci­ence 342, S. 372).

Das gilt wohl nicht nur für uns: Vie­le Tie­re schla­fen, ob al­le, ist wie­der un­klar, und von je­nen, die schla­fen, tun es nicht al­le gleich: Man­che hal­ten im­mer ein Au­ge of­fen und die zu­ge­hö­ri­ge Hirn­hälf­te wach. Man kann­te die­sen uni­he­mi­sphä­ri­schen Schlaf schon von Del­fi­nen und En­ten, nun hat ihn John Les­ku (Mel­bourne) auch bei Kro­ko­di­len be­merkt. Er ver­mu­tet, dass die­ser Schlaf die Norm ist, und der uns Ver­trau­te­re, der der Säu­ge­tie­re, die Aus­nah­me (Jour­nal of Ex­pe­ri­men­tal Bio­lo­gy 218, S. 3175).

Aber auch der der Säu­ge­tie­re ist uns nicht wirk­lich ver­traut, das be­ginnt bei der Dau­er: Win­zi­ge Fle­der­mäu­se schla­fen 20 St­un­den am Tag, rie­si­ge Gi­raf­fen gan­ze vier, Faul­tie­re 15 bis 20, das sind häu­fig zi­tier­te Eck­da­ten, sie ha­ben we­nig Be­lang, sind oft an Tie­ren in Ge­fan­gen­schaft er­ho­ben, die si­cher und wohl ver­sorgt sind: In der Na­tur schla­fen Faul­tie­re nur 9,6 St­un­den, man be­merk­te es spät. Noch we­ni­ger weiß man über die Qua­li­tät des Schlafs, sei­ne Ar­chi­tek­tur; für die De­tails braucht man EEGs.

Im­mer­hin, Sam­son hat sie­ben Mo­na­te lang sei­ne Näch­te zu Ta­gen ge­macht und den Schlaf von Orang-Utans im Zoo von In­dia­na­po­lis pro­to­kol­liert: Sie schla­fen et­was län­ger als wir, ver­brin­gen aber nur zwölf Pro­zent der Zeit in REM, bei uns sind es 22, es fol­gen Ma­ka­ken mit et­was über und Schim­pan­sen mit et­was un­ter 20.

Das ist das Fun­da­ment, auf ihm tür­men Sam­son/Nunn ein luf­ti­ges Ge­rüst: War­um schla­fen Men­schen nicht mehr oben? Es lie­ge an ih­rer Kör­per­grö­ße, sie ha­be die Ge­fahr des Her­ab­fallens er-

Was ist Schlaf? Ru­he? Na ja, im Schlaf ruht fast nichts, Herz und Lun­ge pum­pen, gott­lob! Kei­ner hat so viel REM-Schlaf wie der Mensch? Ach was, das Schna­bel­tier hat viel mehr.

höht! Aber Orang-Utans sind auch nicht schmal, sie schla­fen im­mer oben. An­de­re hin­ge­gen hal­ten es wie wir, man­che Schim­pan­sen blei­ben un­ten, Ka­the­li­j­ne Ko­op (Cam­bridge) be­merk­te es (Ame­ri­can Jour­nal of Phy­si­cal An­thro­po­lo­gy 148, S. 351). Aber wir sind doch die Meis­ter des REM!? Un­ter Pri­ma­ten viel­leicht, sonst bei Wei­tem nicht, das Schna­bel­tier weist über 50 Pro­zent REM auf, son­der­lich klug ist es da­von nicht ge­wor­den, merkt Schlaf­for­scher Je­ro­me Sie­gel (UC Los An­ge­les) in den „New York Ti­mes“zu Sam­son/Nunn an.

Kommt hin­zu, dass der Ent­schluss zum Hin­ab­stei­gen vor der Tat fal­len muss­te: al­so oben. Kommt noch hin­zu, zen­tral, dass es den Schlaf des Men­schen nicht gibt: Nur wir schla­fen acht St­un­den am Stück, auch das nur im mitt­le­ren Al­ter, Spa­nier tei­len den Schlaf in zwei Pha­sen – Sies­ta –, Ja­pa­ner in vie­le, Ni­cker­chen am Tag, wo und wann im­mer mög­lich. Leo­nar­do da Vin­ci ver­such­te noch ei­ne Va­ri­an­te – al­le vier St­un­den ei­ne Vier­tel­stun­de –, ihm folg­te kei­ner. Wie auch im­mer: Die Hy­po­the­se hat Charme, aber um das We­sen des tie­fen dunk­len Schlafs weiß man so we­nig in Ost und West, dass man sie am bes­ten über­schläft, in al­ler Ru­he.

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