»Sim Ci­ty« für Sa­dis­ten

Auf Steam fin­den sich vie­le klei­ne In­die-Spie­le von un­ter­schied­li­cher Qua­li­tät. Bei »Pri­son Ar­chi­tect« ha­ben die Ent­wick­ler al­les rich­tig ge­macht und auf An­hieb ei­nen Klas­si­ker ab­ge­lie­fert.

Die Presse am Sonntag - - Spielzeug - VON NI­KO­LAUS JILCH

Wer hat nicht im­mer schon da­von ge­träumt, sein ei­ge­nes Ge­fäng­nis zu pla­nen, zu bau­en und zu füh­ren? Wie war das? Sie nicht? Das ist scha­de, denn „Pri­son Ar­chi­tect“er­mög­licht das auf ge­ra­de­zu bril­lan­te Art und Wei­se.

Das klei­ne In­die-Spiel, das man sich et­wa bei der Platt­form Steam (um 28 Euro) ho­len kann, ge­hört zu den bis­her bes­ten Er­geb­nis­sen der Gat­tung „Ear­ly Ac­cess“, mit der Spie­lern er­mög­licht wird, auch un­fer­ti­ge Va­ri­an­ten ei­nes Spie­les zu spie­len und In­put zu ge­ben. Lei­der wird die­ses Prin­zip oft miss­braucht, was zu un­fer­ti­gen Spie­len führt, die zwar Po­ten­zi­al und Fans ha­ben – aber kei­ne Ent­wick­ler mehr.

In­tro­ver­si­on Soft­ware, das bri­ti­sche Stu­dio hin­ter „Pri­son Ar­chi­tect“, hat aber al­les rich­tig ge­macht und nach meh­re­ren Jah­ren of­fe­ner Ent­wick­lung ein rund­um ge­lun­ge­nes Ma­nagement­spiel vor­ge­legt, das ge­neig­ten Ge­fäng­nis­ar­chi­tek­ten stun­den­lan­ge Be­schäf­ti­gung ga­ran­tiert. Zaun nicht ver­ges­sen. Das Prin­zip er­in­nert an den ewi­gen Klas­si­ker „Sim Ci­ty“: Zu­erst müs­sen Ge­bäu­de als Li­ni­en in den Sand ge­zo­gen wer­den: ei­ne Ge­mein­schafts­zel­le, dann ei­ne Du­sche, ei­ne Kan­ti­ne, ei­ne Kü­che und ein Bü­ro für den Ge­fäng­nis­di­rek­tor. Nach ein paar Mi­nu­ten kom­men die ers­ten Häft­lin­ge – und wer bis da­hin kei­nen Zaun um sein ers­tes klei­nes Ge­fäng­nis ge­baut hat, dem wer­den sie so­gleich wie­der ent­flie­hen.

Über­haupt flie­hen Häft­lin­ge gern, was die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung des Spiels dar­stellt. Wenn ir­gend­wann hun­der­te schwe­re Jungs im Ge­fäng­nis her­um­lau­fen, braucht es auch ei­ne Men­ge an Auf­se­hern und Hun­de­staf­feln, um et­wai­ge Tun­nel auf­zu­spü­ren. Ab und zu muss man die Zel­len durch­su­chen las­sen und er­tapp­te Übel­tä­ter in Ein­zel­haft ste­cken, um ih­nen ei­ne Lek­ti­on zu er­tei­len. Ein er­fah­re­ner Ar­chi­tekt kann sich auch ei­nen Hoch­si- cher­heits­knast mit To­des­zel­le bau­en und sei­ne In­sas­sen mit ei­ner gräss­li­chen Um­ge­bung quä­len, dann wird „Pri­son Ar­chi­tect“tat­säch­lich zu „Sim Ci­ty für Sa­dis­ten“. Aber ein An­fän­ger wird schnell fest­stel­len: Geht es den In­sas­sen gut, geht es dem Di­rek­tor gut. Und auch wenn in je­der Ecke ei­ne Über­wa­chungs­ka­me­ra hängt, wird er gut be­ra­ten sein, sei­nen In­sas­sen al­le An­nehm­lich­kei­ten zu bie­ten, die man sich vor­stel­len kann.

War­um? Weil ei­ni­ger­ma­ßen zuf­rie­de­ne Häft­lin­ge sel­te­ner ran­da­lie­ren, we­ni­ger Schlä­ge­rei­en aus­lö­sen und in der Fol­ge we­ni­ger Auf­se­her ab­murk­sen, was in schlecht ge­führ­ten Ge­fäng­nis­sen schon vor­kom­men kann. Wer sei­ne In­sas­sen bei Lau­ne hal­ten will, kann ei­nen Hof an­le­gen, ei­ne Ka­pel­le bau­en, sie für das Ge­fäng­nis ar­bei­ten las­sen und so­gar Klas­sen­räu­me er­öff­nen, da­mit sie ler­nen, wie sie in Werk­stät­ten Tü­ren und an­de­re Pro­duk­te aus Holz her­stel­len. Ne­ben­ef­fekt: Die Pro- duk­te kön­nen für Geld nach au­ßen ver­kauft wer­den. Mit ge­nü­gend Geld kann ein Ar­chi­tekt so­gar das Ge­biet für sein Ge­fäng­nis er­wei­tern und theo­re­tisch ewig wei­ter­bau­en. Vor­sicht. Ein Tipp am Ran­de: Es ist kei­ne gu­te Idee, ei­nen Me­tall­de­tek­tor in der Nä­he der Du­schen zu plat­zie­ren. Denn wenn die Häft­lin­ge das Was­ser auf­dre­hen und es bis zum De­tek­tor rinnt, hat die Kran­ken­ab­tei­lung auf ei­nen Schlag mit zig Lei­chen zu kämp­fen. Über­haupt soll­te die Du­sche gleich in der Zel­le mon­tiert wer­den, denn wo im­mer vie­le Häft­lin­ge zu­sam­men­kom­men, gibt es Stunk und Schlä­ge­rei­en.

Glau­ben Sie nicht? Dann spei­chern Sie Ihr Ge­fäng­nis doch ab und stei­gen als Häft­ling(!) wie­der ein. Dann ist es Ih­re Auf­ga­be, die Schwach­stel­len zu su­chen und aus dem ei­ge­nen Ge­fäng­nis aus­zu­bre­chen. Sol­che ge­nia­len Fea­tu­res sucht man bei den meis­ten 60-Euro-Spie­len ver­ge­bens.

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Di­cke Mau­ern sind ein An­fang: „Pri­son Ar­chi­tect“.

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