Bal­la­de über Ame­ri­kas Un­der­dogs

Coun­try-Sän­ger Wil­ly Vlau­tin zeich­net im Ro­man »Die Frei­en« ein Panorama der Verlierer, die den Fähr­nis­sen trot­zen – oder da­rin un­ter­ge­hen.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON THO­MAS VIEREGGE

Als Lead­sän­ger und Song­wri­ter der Al­ter­na­tiv-Coun­try-Band Richmond Fon­tai­ne sind die la­ko­ni­schen Drei-Mi­nu­ten-Bal­la­den über die Un­der­dogs, die Müh­se­li­gen und Be­la­de­nen Ame­ri­kas, das Me­tier des Wil­ly Vlau­tin. Ir­gend­wann aber ha­ben die Ge­schich­ten das Song-For­mat ge­sprengt, und es war na­he­lie­gend, sie in ei­nen grö­ße­ren Rah­men zu stel­len. Dass sein De­büt­ro­man, „The Mo­tel Li­fe“, gleich in den li­te­ra­ri­schen Zir­keln ein­schlug und schließ­lich Hol­ly­wood als Vor­la­ge dien­te für ein glän­zend be­setz­tes Road­mo­vie, be­stärk­te die schrift­stel­le­ri­schen Am­bi­tio­nen des Mu­si­kers aus Port­land, der Hoch­burg der al­ter­na­ti­ven Le­bens­kul­tur im Wes­ten der USA.

In „Die Frei­en“, sei­nem neu­en und mitt­ler­wei­le vier­ten Werk, ver­schränkt er die Schick­sa­le von vier Prot­ago­nis­ten in ei­ner Kle­in­stadt im Bun­des­staat Wa­shing­ton, die vom Le­ben schwer ge­beu­telt wur­den. Da ist Le­roy, ein von den Kriegs­trau­ma­ta im Irak ge­zeich­ne­ter, von De­pres­sio­nen ge­plag­ter und be­ne­bel­ter Sol­dat, der seit Jah­ren in ei­nem Wohn­heim mehr ve­ge­tiert denn lebt. Er steht pro­gram­ma­tisch für ei­ne ver­lo­re­ne Ge­ne­ra­ti­on, die phy­sisch und mehr noch psy­chisch ver­wun­det aus ei­nem Krieg zu­rück­kehrt – und wie sein On­kel, ein Viet­nam-Ve­te­ran, kei­nen An­schluss mehr fin­det an den vor Op­ti­mis­mus strot­zen­den Ame­ri­can Way of Li­fe, von der Ge­sell­schaft ver­ges­sen, an den Rand ge­drängt und oh­ne Per­spek­ti­ve. Nur mit Al­ko­hol und Ta­blet­ten und dank der Für­sor­ge von Ver­wand­ten hal­ten sich die­se Ex-GIs am Le­ben.

Als Le­roy in ei­nem lich­ten Mo­ment auf­wacht und sich end­lich bei kla­rem Ver­stand wähnt, fasst er den fa­ta­len Ent­schluss, Selbst­mord zu ver­üben, um der täg­li­chen Höl­le ein für al­le­mal zu ent­rin­nen – wie es sein On­kel letzt­lich vor­ex­er­ziert hat. Der Ver­such miss­lingt, und er däm­mert im Kran­ken­haus da­hin, be­flü­gelt von Sci­ence-Fic­tion-Fan­ta­si­en und auf­ge­wühlt von mar­tia­li­schen Alb­träu­men und Ge­walt­de­li­ri­en über ei­ne fa­schis­ti­sche Mi­liz, ge­nannt die „Frei­en“– ei­ne bö­se An­spie­lung auf den Grün­dungs­my­thos der Na­ti­on und die Schluss­stro­phe der US-Hym­ne. Licht­bli­cke in der Düs­ter­nis. Auch die 16-jäh­ri­ge Jo, ei­ne Streu­ne­rin, von zu Hau­se aus­ge­ris­sen, miss­braucht und dro­gen­süch­tig, ist auf Zwi­schen­sta­ti­on im Spi­tal. Sie hat sich schon auf­ge­ge­ben, bis Pau­li­ne sie aus ih­rer Apa­thie reißt. Es ist ein Licht­blick in der Düs­ter­nis, in die Vlau­tin sei­ne bei­den jun­gen Haupt­fi­gu­ren ver­sin­ken lässt. Wä­ren da nicht stil­le Hel­den wie Pau­li­ne, die jo­via­le und trotz al­ler Rück­schlä­ge re­so­lu­te Kran­ken­schwes­ter, die sich rüh­rend um ih­re Pa­ti­en­ten und ih­ren kau­zi­gen Va­ter küm­mert, man könn­te glatt den Mut ver­lie­ren in Vlau­tins Welt der Verlierer und Ver­sa­ger, der von Ar­mut und Ar­beits­lo­sig­keit be­droh­ten klei­nen Leu­te. Mit­un­ter trennt nur ei­ne un­be­zahl­te Strom­rech­nung, ei­ne fäl­li­ge Hy­po­thek oder der Ver­lust des Jobs sie vom so­ge­nann­ten Whi­te Trash.

Ei­ner wie Fred­die trägt hart an den Schick­sals­schlä­gen, und trotz­dem lässt er sich nicht un­ter­krie­gen – we­der von den Schul­den, die die Ope­ra­ti­on sei­ner Toch­ter ver­ur­sacht hat, noch von der Tren­nung von Frau und Kin­dern und schon gar nicht von sei­nem Chef, ei­nem Ekel. Fred­die schlägt sich mit zwei Jobs durch: un­ter­tags in ei­nem Far­ben­ge­schäft, wo er zwi­schen­durch den in der Nacht­schicht als Be­treu­er in Le­roys Wohn­heim ver­säum­ten Schlaf nach­holt. Er hält an sei­ner Rou­ti­ne fest, am Früh­stücks­ri­tu­al in Hea­ven’s Door Do­nuts und am Fern­seh­schlaf im un­ge­heiz­ten Haus. Mit ei­nem Fuß sieht er sich schon im Ge­fäng­nis, als er sich breit­schla­gen lässt, im Kel­ler ei­ne Ma­ri­hua­na-Plan­ta­ge zu be­her­ber­gen.

Im­mer­hin: Für Fred­die und Pau­li­ne hält Wil­ly Vlau­tin so et­was wie ein Hap­py End be­reit – wenn­gleich nicht un­be­dingt ein Hol­ly­wood-taug­li­ches. Dass sie sich treu ge­blie­ben sind, dass sie den Fähr­nis­sen der Kri­se und der Re­zes­si­on ge­trotzt und da­bei ih­re Hu­ma­ni­tät be­wahrt ha­ben, ist Sieg ge­nug.

Lee Po­sey

Wil­ly Vlau­tin nennt John St­ein­beck und Ray­mond Car­ver als li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der. Sein De­büt „The Mo­tel Li­fe“war Vor­la­ge für ei­nen Film.

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