Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA STEI­NER

Ich pfei­fe bei Mails auf die Groß­schrei­bung. Und wer mich am Han­dy an­ruft, muss et­was Wich­ti­ges zu sa­gen ha­ben. Über Eti­ket­te in Zei­ten von WhatsApp.

Manch­mal ha­ben wir ei­nen vir­tu­el­len Gast. Er heißt Sa­rah, und wenn ich nicht auf­pas­se, dann er­wischt er mich da­bei, wie ich am Sams­tag­mor­gen halb nackt Rich­tung Bad schlur­fe. Da­mit das nicht pas­siert, ha­ben wir ein klei­nes Ri­tu­al ein­ge­führt. „Ma­ma, sag ,Gu­ten Mor­gen‘ zu Sa­rah“, ruft Mar­le­ne – dann weiß ich, ich muss mir schnell et­was über­zie­hen, be­vor ich am Mo­ni­tor vor­bei­kom­me, wo ih­re Freun­din gera­de via Sky­pe zu­ge­schal­tet ist. „Hal­lo, Sa­rah“, ru­fe ich und win­ke. „Hal­lo“, winkt sie zu­rück.

Mehr sa­ge ich nicht, mehr wä­re ur pein­lich – und man ver­ab­schie­det ihn auch nicht, den Sky­peGast. So will es die Eti­ket­te. Be­haup­te ich. Denn ei­ne of­fi­zi­el­le Eti­ket­te in Zei­ten von WhatsApp gibt es nicht, das wä­re auch schwie­rig, im­mer­hin ver­än­dert sich die Art, wie wir kom­mu­ni­zie­ren, schnel­ler, als so ein Knig­ge ge­druckt ist. Zum Bei­spiel ha­ben wir 2015 viel we­ni­ger te­le­fo­niert als 2014, und 2014 we­ni­ger als 2013, statt­des­sen schrei­ben wir Nach­rich­ten: Te­le­fo­nie­ren gilt als un­höf­lich, wer an­ruft, ist nur zu faul zum Tip­pen und er­wischt sein Ge­gen­über ga­ran­tiert im Su­per­markt an der Kas­sa, wo er nach sei­nem Han­dy kra­men muss.

Und nein: Klin­geln­las­sen ist kei­ne Op­ti­on! Men­schen, die an­ru­fen, spre­chen näm­lich ga­ran­tiert auch auf die Mail­box, und die Mail­box ist das Äqui­va­lent zum Fax, ge­hört al­so ei­gent­lich ins 20. Jahr­hun­dert: „Gu­ten Mor­gen. Sie ha­ben 37 neue Nach­rich­ten. Ers­te Nach­richt von 06XX/XXX XXX XX, emp­fan­gen um 8 Uhr, 37 Mi­nu­ten, am 22. Jän­ner . . .“Wer hat bit­te so viel Zeit? Au­to­kor­rek­tur. Al­so ein SMS schrei­ben oder gleich ein Mail, und hier kommt die gu­te Nach­richt: Wäh­rend das Te­le­fo­nie­ren im­mer kom­pli­zier­ter wird (darf man über­haupt noch je­man­den an­ru­fen, der nicht schon in den Kon­tak­ten steht?), ist das Tex­ten viel ein­fa­cher ge­wor­den – nicht nur durch die Touch-Tas­ta­tu­ren der Smart­pho­nes, die ei­nen da­von be­freit ha­ben, vier­mal auf die Sie­ben drü­cken zu müs­sen, wenn man ein sim­ples „S“ha­ben will, son­dern auch, weil für Nach­rich­ten und kur­ze Mails mitt­ler­wei­le Son­der­re­geln gel­ten. Die Groß­schrei­bung ist längst nicht mehr ob­li­ga­to­risch, auf die An­re­de in SMS kann man ge­trost pfei­fen, oh­ne un­höf­lich zu wir­ken, und klei­ne Tipp­feh­ler sind auch okay, so­lan­ge sich der Sinn oh­ne grö­ße­re Mü­he er­schließt. Falls man doch ei­ne Nach­richt ge­sen­det hat, die miss­ver­ständ­lich ist, schickt man ei­ne zwei­te nach, mit dem kor­ri­gier­ten Wort und dem Zu­satz: „Scheiß Au­to­kor­rek­tur“.

Und da­mit en­det die­ser Kurz-Knig­ge: In die­sem Zu­sam­men­hang, und nur in die­sem, ist das Wört­chen „scheiß“näm­lich er­laubt.

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