He­ro­in – die neue al­te Dro­ge der wei­ßen Mit­tel­schicht

Die grŻs­sie­ren©e Dro­ge­ne­pi­de­mie in den USA treiãt ©ie To©es­rŻ­ten jun­ger wei­ßer Ame­ri­kŻ­ner Żuf Re­kor©hö­hen. Ihr Ur­sprung liegt in ©er hem­mungs­lo­sen Ver­schreiãung opi­oi©er Schmerz­mit­tel, ©ie vor Żl­lem in l´n©li­chen Ge­gen©en zu fŻtŻ­len PŻr­ty©ro­gen ge­wor©en s

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON OLI­VER GRIMM

Jen wirkt auf den ers­ten Blick nicht wie ei­ne He­ro­in­süch­ti­ge, und auch auf den zwei­ten merkt man nicht, dass sie im Zu­ge ei­ner Er­satz­the­ra­pie Metha­don nimmt. Die 28-Jäh­ri­ge ist auf­ge­schlos­sen, ih­re Ant­wor­ten sind über­legt und nüch­tern. Man wür­de nicht ver­mu­ten, dass sie vor ei­nem Jahr ei­ne Über­do­sis er­wisch­te. Und man ist er­staunt, nach dem Ge­spräch zu er­fah­ren, dass sie bei ih­rem ers­ten Auf­ent­halt in der Ent­zugs­an­stalt Keysto­ne Hall in der Stadt Nashua im US-Teil­staat New Hamp­shire ver­bo­te­ner­wei­se He­ro­in in ihr Zim­mer zu schmug­geln ver­such­te, in­dem sie es un­ter ih­rem Ba­by ver­steck­te. „Wenn man süch­tig ist, über­schrei­tet man Gren­zen, wie man es vor­her nie für mög­lich ge­hal­ten hät­te“, sagt Jen, mit ih­rem vier­ten Kind im fünf­ten Mo­nat schwan­ger, im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“.

Dann er­zählt sie, wie sie zur He­ro­in­süch­ti­gen wur­de, und es ist ei­ne Ge­schich­te, die man auf ähn­li­che Wei­se nicht nur in Neu­eng­land, son­dern auch im Mitt­le­ren Wes­ten und in den Süd­staa­ten hö­ren könn­te. Jens Dro­ge­n­alb­traum be­gann vor fünf Jah­ren nach der Ge­burt ih­rer ers­ten Toch­ter. „Mir wur­de ein Zahn ge­zo­gen, dann hat­te ich chro­ni­sche Rü­cken­schmer­zen. So be­kam ich Per­cocet ver­schrie­ben.“Das ist ein Schmerz­mit­tel, wel­ches das star­ke Opi­oid Oxy­codon ent­hält. Opi­oi­de ma­chen, wenn man nicht acht­gibt, sehr schnell kör­per­lich ab­hän­gig – vor al­lem dann, wenn die ärzt­li­che Auf­sicht ver­sagt. So wie es bei Jen der Fall war: „Mich hat da­mals nie­mand vor den Fol­gen ge­warnt.“

Ei­ni­ge Jah­re lang stei­ger­te sie die Oxy­codon-Do­sen, doch die Pil­len sind teu­er. Ein Dol­lar pro Mil­li­gramm be­trägt der Preis auf dem Schwarz­markt. Das klingt nach we­nig, doch Süch­ti­ge brau­chen rasch ein­zel­ne Do­sen von 30 Mil­li­gramm und mehr. Man­che Opi­oid-Ab­hän­gi­gen ver­pul­vern täg­lich bis zu 1000 Dol­lar. So viel Geld hat­te Jen nicht. Al­so stieg sie vor ein­ein­halb Jah­ren auf He­ro­in um, denn das kos­tet nur ein Fünf­tel des Stra­ßen­prei­ses von Oxy­codon. Es folg­te das Üb­li­che: Vor­stra­fe, Ar­beits­lo­sig­keit. Da­bei kommt Jen aus ei­ner gu­ten Fa­mi­lie. „Ich hat­te

To­des­fäl­le in den USA

Op­fer von He­ro­in und an­de­ren Opi­oi­den im Jahr 1999

To­des­fäl­le in den USA

Op­fer von He­ro­in und an­de­ren Opi­oi­den im Jahr 2014 ei­ne recht gu­te Kind­heit, mit Bal­lett­un­ter­richt und Kla­vier­stun­den. Mein Va­ter sag­te mir, dass wir ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te von Al­ko­ho­lis­mus ha­ben. Al­so ha­be ich stets dar­auf ge­ach­tet, nur ja kei­nen Al­ko­hol zu trin­ken.“ Hill­bil­ly-He­ro­in. Der eit­ri­ge Weis­heits­zahn, der we­he Rü­cken, die Sport­ver­let­zung: Es ist in den USA er­staun­lich ein­fach, vom Haus­arzt ein Schmerz­mit­tel mit dem Sucht­po­ten­zi­al von He­ro­in ver­schrie­ben zu be­kom­men. Die Sta­tis­tik zeich­net ein kras­ses Bild: im Jahr 1993 ge­neh­mig­te die Drug En­force­ment Ad­mi­nis­tra­ti­on (das ist die für die Straf­ver­fol­gung von Dro­gen­de­lik­ten zu­stän­di­ge Bun­des­be­hör­de) den US-Phar­ma­kon­zer­nen die Her­stel­lung von 3,52 Ton­nen Oxy­codon. 2015 wa­ren es 141,375 Ton­nen: ein An­stieg um das Vier­zig­fa­che.

Das all­ge­mei­ne Schmerz­emp­fin­den der Ge­sell­schaft dürf­te kaum in die­sem Aus­maß ge­stie­gen sein, ein Groß­teil des re­zept­pflich­ti­gen Opi­oi­ds lan­det wohl auf dem Schwarz­markt. Vie­le Ärz­te sind in Fra­gen der Schmerz­the­ra­pie man­gel­haft aus­ge­bil­det und ver­schrei­ben ih­ren Pa­ti­en­ten si­cher­heits­hal­ber eher zu vie­le Pil­len als zu we­ni­ge. An­de­re han­deln kri­mi­nell. Ame­ri­can Pain, ei­ne Schmerz­kli­nik in Flo­ri­da, ver­dien­te mit dem be­trü­ge­ri­schen Aus­stel­len von Re­zep­ten an Dro­gen­ab­hän­gi­ge in den Jah­ren 2008 bis 2010 mehr als 40 Mil­lio­nen Dol­lar. 90 Pro­zent der Pil­len gin­gen an Süch­ti­ge aus an­de­ren US-Staa­ten, al­len

10.574 8257

5925 4397 3036 3278 3041 2399 2088 2009 1878 2080 2089 1779 Frau­en Män­ner vor­an Ken­tu­cky und West Vir­gi­nia. Erst als dort die töd­li­chen Über­do­sen ra­sant stie­gen, macht das FBI dem Spuk ein En­de.

„Hill­bil­ly-He­ro­in“wird Oxy­codon scherz­haft ge­nannt. Doch zum Scher­zen ist Po­li­zei­kräf­ten und Ge­sund­heits­be­hör­den nicht zu­mu­te. Denn das Phä­no­men von re­zept­pflich­ti­gen, teu­ren Schmerz­mit­teln, die den Ein­stieg ins bil­li­ge­re He­ro­in er­öff­nen, ist zu ei­ner ge­sund­heits­po­li­ti­schen Kri­se ge­wor­den. Ver­gan­ge­ne Wo­che ver­öf­fent­lich­te die „New York Ti­mes“ei­ne alar­mie­ren­de Ana­ly­se von Sta­tis­ti­ken über He­ro­in­sucht und Dro­gen­to­des­fäl­le: Die heu­ti­ge Ge­ne­ra­ti­on von 25- bis 34-jäh­ri­gen wei­ßen Ame­ri­ka­nern ist seit dem Viet­nam­krieg die ers­te, die hö­he­re Ster­be­ra­ten auf­weist als ih­re Vor­gän­ger­ge­ne­ra­ti­on. „Der jet­zi­ge Trend gleicht je­nem der HIV-Epi­de­mie in den spä­ten Acht­zi­ger- und frü­hen Neun­zi­ger­jah­ren“, sag­te Ro­bert

Der ty­pi­sche Be­ginn ei­nes Dro­genŻlã­trŻums: ZŻhn­schmer­zen, Per­cocet. Erst­mŻls seit Viet­nŻm sterãen heu­te mehr Jun­ge Żls in ih­rer Vorg´nger­ge­nerŻ­ti­on.

An­der­son, Lei­ter der Ab­tei­lung für Sterb­lich­keits­sta­tis­ti­ken in den Cen­ters for Di­sea­se Con­trol, ei­ner US-Ge­sund­heits­be­hör­de, zur „Ti­mes“.

Die Zah­len sind er­schüt­ternd: Un­ter jun­gen Wei­ßen ist die Ra­te der töd­li­chen Ver­gif­tun­gen (das sind fast aus­schließ­lich Sucht­gift­vor­fäl­le) von 1999 bis 2014 von sechs auf 30 Fäl­le pro 100.000 Per­so­nen ge­stie­gen. 25- bis 34-Jäh­ri­ge ster­ben heu­te fünf­mal so häu­fig an Über­do­sen (ein­schließ­lich je­ner von Schmerz­mit­teln) wie im Jahr 1999, bei den 35- bis 44-Jäh­ri­gen stieg die­se To­des­ra­te um das Drei­fa­che.

Um die­se Zah­len bes­ser zu ver­ste­hen: Laut dem „Epi­de­mio­lo­gie­be­richt Dro­gen 2015“des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums in Wi­en gab es in Ös­ter­reich im Jahr 2014 85 To­des­fäl­le, bei de­nen He­ro­in oder ein an­de­res Opi­oid im Spiel war. Das sind um­ge­rech­net rund 1,46 To­des­fäl­le pro 100.000 Per­so­nen zwi­schen 15 und 64 Jah­ren. Wei­ße Op­fer, neu­er Dis­kurs. Be­mer­kens­wer­ter­wei­se sind die dro­gen­be­ding­ten Ster­be­ra­ten schwar­zer und his­pa­ni­scher jun­ger Ame­ri­ka­ner im sel­ben Zei­t­raum ge­sun­ken. Das ist ei­ne pa­ra­do­xe Fol­ge des un­aus­ge­spro­che­nen Ras­sis­mus, der die

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