Über die Ge­fähr­lich­keit von Bäl­len in der Oper

Nicht, dass wir den Opern­ball weg­dis­ku­tie­ren woll­ten, aber ein Blick ins Re­per­toire lehrt: Wenn im Opern­haus Bäl­le ver­an­stal­tet wer­den, zei­tigt das oft bö­se Fol­gen. Ei­ne nicht ganz erns­te Ana­ly­se.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WILHELM SINKOVICZ

Die Wie­ner Staats­oper rech­net dies­mal re­la­tiv ge­nau. „Heut ist Fa­schings­diens­tag“, singt An­ja Ha­re­ros die­ser Ta­ge des Öf­te­ren. Die Ti­tel­fi­gur aus „Ara­bel­la“von Richard Strauss ver­lobt sich auf dem Fia­ker­ball an­no 1860 mit ih­rem Man­dry­ka. Punkt­ge­nau schafft man es zwar nicht, aber je­den­falls fin­den al­le Auf­füh­run­gen des Werks in die­ser Spiel­zeit im Fa­sching statt. Auch wenn es in der ak­tu­el­len Pro­duk­ti­on arg ver­frem­det wird und die­se we­nig von dem Ring­stra­ße-Charme ver­sprüht, den Text­dich­ter Hu­go von Hof­manns­thal sei­ner ka­pri­ziö­sen Com­tes­se ei­gent­lich zu­ge­dacht hat: „Ara­bel­la“ist ei­nes der gar nicht so we­ni­gen Stü­cke, in de­nen ein Ball ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt. Po­li­ti­scher Meu­chel­mord. Nicht un­be­dingt ein Opern­ball. Ob­wohl so­gar der zu Mu­sik­thea­ter-Eh­ren ge­kom­men ist. Vor al­lem na­tür­lich in der gleich­na­mi­gen Ope­ret­te des eins­ti­gen „Pres­se“Mu­sik­kri­ti­kers Richard Heu­ber­ger, des­sen bril­lan­te Kom­po­si­ti­on nur des­halb so sel­ten auf­ge­führt wird, weil das Pu­bli­kum schon wäh­rend der heik­len Ou­ver­tü­re hö­ren kann, ob gu­te Ein­stu­die­rungs­ar­beit ge­leis­tet wur­de.

Heu­ber­gers „Opern­ball“spielt üb­ri­gens nicht in Wi­en – wie man auf­grund po­pu­lä­rer Ver­fil­mun­gen des Su­jets mit Hans Mo­ser und Theo Lin­gen mei­nen möch­te –, son­dern in Pa­ris. Ein an­de­rer „Opern­ball“er­eig­net sich in Stock­holm – die­sem wid­met die Staats­oper in der lau­fen­den Sai­son gleich zwei Auf­füh­rungs­se­ri­en: Ver­dis „Bal­lo in ma­sche­ra“the­ma­ti­siert den his­to­ri­schen Mord an Schwe­dens Kö­nig Gus­tav III., den Meis­ter­li­bret­tist Scri­be vier Jahr­zehn­te nach der rea­len Blut­tat auf die Büh­ne brach­te – für Ros­si­ni ge­dich­tet, fiel das Li­bret­to nach dem Rück­zug des Bel­can­to­meis­ters in die Kü­che dem Kol­le­gen Au­ber zu.

Gi­u­sep­pe Ver­di war von der Vor­la­ge fas­zi­niert und be­stell­te ei­ne Neu­dich­tung, die frei­lich we­gen des Ein­spruchs der Zen­sur erst lan­ge nach der Urauf­füh­rung in ih­rer Ori­gi­nal­ge­stalt ge­zeigt wer­den durf­te. Vir­tuo­se Tra­gö­die. Für die Pre­mie­re muss­te Kö­nig Gus­tav in ei­nen ame­ri­ka­ni­schen Gou­ver­neur ver­wan­delt wer­den. Der Wir­kung des Stücks tat das kei­nen Ab­bruch: Die dra­ma­tur­gi­sche Zu­spit­zung der Hand­lung bis zum ab­schlie­ßen­den Mord ge­hört zu den vir­tu­os ge­bau­ten Tra­gö­di­en der Opern­ge-

Ei­ni­ge be­rühm­te Ver­di-Opern mün­den in Bäl­le, oder wach­sen aus sol­chen her­aus.

schich­te. Wo­bei die­ses Fi­na­le nicht die ein­zi­ge Ball­sze­ne ist, die Ver­di schlüs­sig in ei­ne Opern­hand­lung in­te­griert. So­wohl in „La tra­viata“als auch im „Ri­go­let­to“steht ein Ball am Be­ginn der Hand­lung. Viel­leicht er­in­nert man sich bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten dar­an, dass auch die Ari­en, die wir als Herz­stü­cke jeg­li­cher Opern­mu­sik be­trach­ten, ur­sprüng­lich – den­ken wir an Mon­te­ver­dis „Or­feo“– aus Tanz­ein­la­gen zwi­schen un­end­li­chen Re­zi­ta­ti­ven „her­aus­ge­wach­sen“sind. Aus der fran­zö­si­schen Oper war das Bal­lett nicht weg-

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