Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜL­LER

Ve­nus im Papp­kar­ton. Auf ein­mal ist es in Eu­ro­pa un­mo­ra­lisch, Nack­te zu ver­hül­len – und sei es auch nur für ei­ne hal­be St­un­de. Die Auf­re­gung um Roms Sta­tu­en ist be­un­ru­hi­gend un­sou­ve­rän.

Ich glau­be, es war der ka­tho­li­sche Ver­le­ger Theo­phil Her­der-Dor­neich († 1987), des­sen Bü­cher­schrank ein Fries zier­te, auf dem ein bi­bli­sches The­ma mit auch nack­ten Men­schen dar­ge­stellt war. Ka­men zar­ter be­sai­te­te Be­su­cher, so ver­hüll­te er den Fries mit ei­nem ex­tra da­für an­ge­brach­ten Vor­hang. War das Ver­rat an sei­ner Kul­tur, vor­aus­ei­len­de Un­ter­wer­fung – oder bloß der Ver­such, Rück­sicht auf Gäs­te zu neh­men?

Die Ver­hül­lung von Sta­tu­en auf dem Weg des ira­ni­schen Prä­si­den­ten Ro­ha­ni im rö­mi­schen Ka­pi­tol hat in Eu­ro­pa ei­ne pi­kier­te Ent­rüs­tung aus­ge­löst, die un­se­rem Selbst­be­wusst­sein ein schlech­te­res Zeug­nis aus­stellt als die Ver­hül­lung selbst. Die ei­gent­li­che Fra­ge wä­re doch: Ist un­se­re Be­reit­schaft, bei Ro­ha­nis Atom­rüs­tung, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Sy­ri­en-En­ga­ge­ment ein Au­ge zu­zu­drü­cken und so Mil­li­ar­den­de­als zu lu­krie­ren, der gu­te Ver­such, ei­nen Schlüs­sel­spie­ler im Mitt­le­ren Os­ten zu zäh­men – oder zah­len wir da­mit dem Hen­ker nur un­se­ren ei­ge­nen Strick? Statt­des­sen regt man sich über die ka­pi­to­li­ni­sche Ve­nus auf. Als ob an­ti­ke Stand­bil­der künf­tig nur noch in der Bur­ka aus dem Haus dürf­ten. Ro­ha­ni hat die von ihm gar nicht be­gehr­te Ver­hül­lung so ge­deu­tet: Den Ita­lie­nern sei es ein­fach wich­tig, dass sich ih­re Gäs­te wohl­fühl­ten. Das wird wohl wirk­lich das Mo­tiv ir­gend­ei­nes Pro­to­koll­chefs ge­we­sen sein, der nun zit­tert, dass ihm sei­ne Höf­lich­keit, zur kul­tu­rel­len Selbst­preis­ga­be sti­li­siert, auf den Kopf fällt.

Rück­sicht­nah­me auf Gäs­te und was ih­nen pein­lich sein könn­te, ist Teil un­se­rer Kul­tur. „Tja, wenn es Sie stört, dass ich abends ger­ne in Un­ter­ho­sen her­um­lau­fe, hät­ten Sie eben nicht zum Din­ner kom­men sol­len“– das ist un­se­re Sa­che nicht. Da­bei hät­te Ro­ha­ni, einst Stu­dent in Glas­gow, den An­blick mar­mor­ner Run­dun­gen wohl ver­kraf­tet. Aber prin­zi­pi­ell geht bei der Rück­sicht auf das Scham­ge­fühl an­de­rer auch das Ar­gu­ment ins Lee­re: Wir pas­sen uns dort ja auch an – al­so sol­len sie sich hier uns an­pas­sen. Dass der Ro­bus­te­re Rück­sicht nimmt auf den Ver­letz­li­che­ren, ist ei­ne Sa­che der Rit­ter­lich­keit, nicht der Re­zi­pro­zi­tät. Kein Zei­chen der Un­ter­wer­fung, son­dern der Sou­ve­rä­ni­tät.

Na­tür­lich gibt es ei­ne Gren­ze zwi­schen Takt­ge­fühl und dem Be­stre­ben, sich, sa­gen wir, in den Mast­darm ei­nes wich­ti­gen Gas­tes vor­zu­ar­bei­ten. Dass Pre­mier Hol­lan­de ein Staats­ban­kett mit Ro­ha­ni im No­vem­ber aus­fal­len ließ, weil die­ser kei­nen Wein auf dem Tisch ak­zep­tiert hät­te, fand ich stark. Aber zu tun, als wä­re aus­ge­rech­net ei­ne halb­stün­di­ge un­ver­lang­te Sta­tu­en­ver­hül­lung der Auf­takt zum Un­ter­gang des Abend­lan­des, ist be­un­ru­hi­gend un­sou­ve­rän. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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