Die un­an­ge­neh­men Wahr­hei­ten

Die Gren­zen Ös­ter­reichs neh­men lei­der wie­der Kon­tu­ren an. Die Idee, un­se­ren Nach­barn auf dem Bal­kan nicht nur fi­nan­zi­ell, son­dern auch mit Po­li­zei und Sol­da­ten zu hel­fen, ist sinn­voll.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON R A I N E R N OWA K

So­zi­al­de­mo­kra­tisch ist ei­ne (noch) le­ben­de Fremd­spra­che, die nicht leicht zu er­ler­nen ist. Es gilt, all­täg­li­che kon­kre­te Be­grif­fe oder Ge­gen­stän­de mit völ­lig neu­en For­mu­lie­run­gen zu be­schrei­ben, die hel­fen, sich bes­ser und woh­ler zu füh­len. Da heißt dann Ober­gren­ze „Richt­wert“und ei­ne Grenz­be­fes­ti­gung mit Zäu­nen nen­nen die lin­gu­is­ti­schen Ta­len­te in der SPÖ-Zen­tra­le „Tü­ren mit Sei­ten­tei­len“. Noch be­ra­ten die Gre­mi­en dem Ver­neh­men nach, wie man den Schwenk oder die 180-Grad-Dre­hung in der Flücht­lings­fra­ge nen­nen sol­le. Gu­te Chan­cen auf ei­ne Nen­nung durch Wer­ner Fay­mann hat: „na­tür­li­che Ka­li­brie­rung des aus Hu­ma­nis­mus, Staats­ver­ant­wor­tung und Volks­ver­bun­den­heit ge­tra­ge­nen Kur­ses“. Aber das ist ziem­lich lang und kom­pli­ziert.

In Wahr­heit kön­nen die So­zi­al­de­mo­kra­ten heil­froh sein, dass sie mit ih­rem neu­en Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, Hans Pe­ter Do­sko­zil, end­lich je­man­den in der Re­gie­rung ha­ben, der drei Din­ge be­herrscht: Kl­ar­text re­den, lö­sungs­ori­en­tiert ar­bei­ten und dem Ko­ali­ti­ons­part­ner kom­pro­miss­be­reit be­geg­nen. Vor al­lem die­se Kom­pe­tenz ist im SPÖ-Re­gie­rungs- team völ­lig neu – spie­gel­ver­kehrt ver­hielt es sich bis­her auch so in Rein­hold Mit­ter­leh­ners Trup­pe. Nun ar­bei­ten In­nen­mi­nis­te­rin Jo­han­na Mikl-Leit­ner und Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz mit dem SPÖ-Po­li­zis­ten so zu­sam­men, als wä­ren sie fast ein Team. Da­zu ge­hört es auch, ge­mein­sam sinn­lo­se Kri­tik zu über­hö­ren. Wenn Au­ßen- und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter die Be­reit­schaft si­gna­li­sie­ren, Be­am­te und Sol­da­ten bei Be­darf nach Ma­ze­do­ni­en, Kroa­ti­en und Slo­we­ni­en zur As­sis­tenz zu schi­cken, ist dies nicht groß­zü­gig, son­dern lo­gisch und be­weist je­ne So­li­da­ri­tät, die der Rest Eu­ro­pas ver­mis­sen lässt. Denn in der Mi­nu­te, in der Deutsch­land und Ös­ter­reich ernst­haft nach dem Er­rei­chen von Ta­geskon­tin­gen­ten die Gren­zen schlie­ßen, wird das Pro­blem an die Bal­kan­län­der, aber auch an Ita­li­en wei­ter­ge­ge­ben. Ja, das be­deu­tet die tem­po­rä­re Rück­kehr der Bren­ner-Gren­ze, die nicht nur die Süd­ti­ro­ler schmerzt.

Wie das künf­ti­ge „Grenz­ma­nage­ment“(statt Grenz­si­che­rung) ge­nau funk­tio­nie­ren wird, lässt sich noch nicht sa­gen. Ob es wirk­lich schreck­li­che Bil­der und den Ein­satz von Ge­walt ge­ben wird, wie die Pes­si­mis­ten und die Be­für­wor­ter ei­ner völ­lig of­fe­nen Flücht­lings­po­li­tik fürch­ten, lässt sich nicht völ­lig aus­schlie­ßen, mit­tels ei­nes gu­ten Ein­sat­zes von ge­schul­ten Be­am­ten und ei­ner ent­spre­chen­den bau­li­chen In­fra­struk­tur lässt sich das Ri­si­ko wohl deut­lich mi­ni­mie­ren. Vor al­lem aber: Bis­her kann kei­ner ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve nen­nen. Auf Eu­ro­pa zu war­ten und hof­fen ist kei­ne. Ähn­lich chan­cen­reich ist die so­for­ti­ge Durch­set­zung des Welt­frie­dens.

Es hat ei­ne Zeit lang ge­dau­ert, bis sich die un­an­ge­neh­me Wahr­heit durch­ge­setzt hat, dass die Gren­zen nicht ein­fach of­fen blei­ben kön­nen, son­dern für ei­ni­ge Zeit wie­der kon­trol­liert wer­den müs­sen. Po­li­tik heißt, auf plötz­lich völ­lig ve­rän­der­te Rah­men­be­din­gun­gen mit Ve­rän­de­run­gen zu re­agie­ren. All je­nen, die die­se Auf­ga­be sach­lich und oh­ne po­pu­lis­ti­sches Ge­tö­se so­wie fern mie­ser Stim­mungs­ma­che an­ge­hen, ge­hört un­se­re Un­ter­stüt­zung. Ganz ge­nau wie den Tau­sen­den, die noch im­mer und täg­lich den tat­säch­lich Asyl ver­die­nen­den Flücht­lin­gen aus Sy­ri­en beim Le­ben in Ös­ter­reich hel­fen.

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