»Griss glaubt, sie ist klü­ger als die Bür­ger«

Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat Nor­bert Ho­fer über Jörg Hai­der, An­ti­se­mi­tis­mus in der FPÖ und die zu groß­zü­gi­ge Un­ter­stüt­zung für die Flücht­lin­ge.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Sie wer­den stets als das freund­li­che, zi­vi­li­sier­te Ge­sicht der FPÖ be­schrie­ben. War­um sind Sie ei­gent­lich in der FPÖ? Nor­bert Ho­fer: Mein Va­ter war Di­rek­tor ei­nes mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­mens und hat­te die Ge­le­gen­heit, in der Mit­tags­pau­se im­mer nach Hau­se zu kom­men. Und da ha­ben wir im­mer das „Mit­tags­jour­nal“ge­hört. Da ent­stand im Lauf der Jah­re In­ter­es­se für Po­li­tik. Als jun­ger Mann woll­te ich dann auch po­li­tisch et­was ma­chen. Und ha­be mich bei der FPÖ ge­mel­det. War­um bei der FPÖ? Ich kom­me aus ei­nem ÖVP-Haus. Mein Va­ter war ÖVP-Ge­mein­de­rat. Mein Groß­va­ter war Christ­de­mo­krat in der NS-Zeit – war nicht lus­tig. Aber mein Va­ter hat oft ge­sagt: Mei­ne Par­tei hat sich so ver­än­dert. In­wie­fern ver­än­dert? Für mei­nen Va­ter war die ÖVP im­mer ei­ne Un­ter­neh­mer­par­tei – und auch christ­lich-so­zi­al. Und dann sieht man, dass die KMU nicht die Un­ter­stüt­zung be­kom­men, die not­wen­dig ist. Die­se Dis­kus­sio­nen gab es je­den Tag bei uns zu Hau­se. Und das prägt. Und dann war für mich die Ent­schei­dung: Wel­che Par­tei passt am bes­ten zu mir? Wel­che Rol­le hat Jörg Hai­der hier ge­spielt? Jörg Hai­der hat bei je­dem, der da­mals po­li­tisch ak­tiv ge­wor­den ist, ei­ne Rol­le ge­spielt. Weil er ein­fach Din­ge ge­sagt hat, die vor­her nie­mand ge­sagt hat. Das war na­tür­lich ei­ne Mo­ti­va­ti­on. Aber ich sa­ge heu­te noch im­mer al­len: Leu­te, schaut euch die Par­tei­pro­gram­me an! Man kann im­mer be­geis­tert von ei­ner Per­son sein. Aber die Per­son geht viel­leicht wie­der. Als Hai­der ge­gan­gen ist, bin ich ge­blie­ben. War­um? Weil mir die Li­nie wich­ti­ger war als die Per­son. Aber von Ih­rer Per­sön­lich­keit her hät­ten Sie bes­ser zum prag­ma­ti­schen frei­heit­li­chen Re­gie­rungs­la­ger ge­passt als zur fun­da­men­tal­op­po­si­tio­nel­len Stra­che-Frak­ti­on. Das BZÖ war ein Ret­tungs­boot der­je­ni­gen, die in der Re­gie­rung ver­sagt ha­ben. Ich kann nicht als ei­ne der ers­ten Maß­nah­men ei­ne Un­fall­ren­ten­be­steue­rung vor­neh­men. Das ist nicht sehr so­zi­al. Sie gel­ten in­ner­halb der FPÖ wirt­schafts­und so­zi­al­po­li­tisch als „Lin­ker“. Se­hen Sie das auch so? So­zi­al­po­li­tisch na­tür­lich. Aber wirt­schafts­po­li­tisch bin ich für ei­ne Po­li­tik frei von wirt­schafts­po­li­ti­schen Dog­men. Man muss im­mer schau­en: Was braucht die Zeit? Bei­spiel Pri­va­ti­sie­rung. Es ist wirk­lich sinn­voll, Be­rei­che zu pri­va­ti­sie­ren, die ein Pri­va­ter bes­ser ma­chen kann. Bei der Fra­ge der Ver­sor­gung mit Mit­teln des täg­li­chen Be­darfs – Was­ser­ver­sor­gung, Was­ser­ent­sor­gung, Müll, In­fra­struk­tur, Ener­gie – sieht es an­ders aus: Das kann öf­fent­lich sein. Aber ei­ne Flug­ge­sell­schaft muss nicht vom Staat be­trie­ben wer­den. Frü­her gab es in der FPÖ im­mer die Un­ter­schei­dung in Li­be­ra­ler und Na­tio­na­ler. Wo wür­den Sie sich denn da ein­ord­nen? Es gab vom VdU aus­ge­hend ei­gent­lich drei Stand­bei­ne: das so­zia­le, das hei­mat­ver­bun­de­ne pa­trio­ti­sche und das li­be­ra­le. Zwi­schen die­sen Säu­len be­wegt man sich. Wel­cher man nä­her ist, hängt letzt­lich vom Po­li­tik­feld ab, wel­ches gera­de be­ackert wird. Im ak­tu­el­len Par­tei­pro­gramm, bei dem Sie fe­der­füh­rend wa­ren, be­kennt sich die FPÖ wie­der zur deut­schen Volks- und Kul­tur­ge­mein­schaft. Jörg Hai­der hat­te das zu­vor strei­chen las­sen. Und es steht nun auch das Be­kennt­nis zu den Volks­grup­pen drin­nen. Das liegt viel­leicht dar­an, dass ich Bur­gen­län­der bin. Bei uns ist es völ­lig nor­mal, mit Volks­grup­pen auf­zu­wach­sen. Hier zu sa­gen „Wir sind deutsch­spra­chig, und ihr seid Un­garn, Kroa­ten oder Ro­ma“ist für uns völ­lig nor­mal. Des­we­gen kann man das gu­ten Ge­wis­sens auch in ein Par­tei­pro­gramm hin­ein­schrei­ben. Sie sind Mit­glied ei­ner Bur­schen­schaft, ei­ner Mit­tel­schul­ver­bin­dung. War­um? Als ich nach Pin­ka­feld ge­zo­gen bin, hat mich ein Freund ge­fragt, ob ich nicht Eh­ren­mit­glied wer­den will. Und das ha­be ich ge­macht. Sie wa­ren al­so nicht schon als Schü­ler bei der Bur­schen­schaft? Nein. Zu­vor war ich noch nie bei ei­ner Bur­schen­schaft.

Nor­bert Ho­fer,

ge­bo­ren am 2. 3. 1971 in Vorau, ist Bun­des­prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der FPÖ. Nach der Ma­tu­ra an der HTL für Flug­tech­nik in Ei­sen­stadt war er als Sys­temin­ge­nieur bei der Lau­da Air be­schäf­tigt. Po­li­tisch be­gann er in der FPÖ Bur­gen­land: Er war Lan­des­par­tei­se­kre­tär und Klub­di­rek­tor. Seit 2006 sitzt er im Na­tio­nal­rat. Seit 2013 ist er Drit­ter Na­tio­nal­rats­prä­si­dent. Ho­fer ist ver­hei­ra­tet, hat vier Kin­der und ist seit ei­nem Pa­ra­glei­ter­un­fall geh­be­hin­dert. Wie se­hen Sie jetzt das NS-Ver­bots­ge­setz? Man soll­te nicht dar­an rüt­teln. Vor al­lem hat das heu­te noch mehr von Be­deu­tung als vor ein paar Jah­ren: Wir ha­ben Zu­wan­de­rung aus Län­dern, die ganz stark an­ti­se­mi­tisch ge­prägt sind. Da sind die Men­schen da­mit auf­ge­wach­sen, dass Ju­den die Bö­sen sind. Da muss man ganz klar sa­gen: „Wenn ihr hier­her kommt, gibt es ei­ne Gren­ze, die nicht über­schrit­ten wer­den darf.“ Wie weit ver­brei­tet ist An­ti­se­mi­tis­mus in der FPÖ heu­te noch? Ha­ben Sie in letz­ter Zeit ir­gend­et­was von ei­nem Funk­tio­när ge­hört, was in die­se Rich­tung ge­hen wür­de? Su­san­ne Win­ter . . . Und des­we­gen ha­be ich sie aus­ge­schlos­sen. Sie wa­ren das? Ja. Ich bin da­für be­kannt, dass ich, wenn so et­was pas­siert, aus­schlie­ße. Da darf es kei­ne Mil­li­me­ter Spiel­raum ge­ben. Und das ha­ben al­le ver­in­ner­licht? Bis hin­un­ter zum klei­nen Ge­mein­de­rat? Ja. Wir set­zen auch die ent­spre­chen­den Si­gna­le. Ich war in Is­ra­el. Mit­ten in Kampf­hand­lun­gen. Zehn Me­ter ne­ben mir ist ei­ne Frau er­schos­sen wor­den. Ich war in ei­nem Ra­ke­ten­bun­ker. Ich war als ers­ter Frei­heit­li­cher in der Knes­set ein­ge­la­den. Und die­se Si­gna­le sind schon so stark, dass je­mand, der in die­sem Ge­dan­ken­gut ver­haf­tet ist, wis­sen muss: Die FPÖ ist nicht sei­ne Hei­mat. Ha­ben Sie 1994 für oder ge­gen den EU-Bei­tritt ge­stimmt? Da­ge­gen. War­um? Ich bin für die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on. Aber im Rah­men ei­ner ech­ten Sub­si­dia­ri­tät. Eu­ro­pa soll fö­de­ral, die Mit­glied­staa­ten sol­len nicht ent­mün­digt sein. Soll man die Min­dest­si­che­rung für Asyl­be­rech­tig­te kür­zen? Ich glau­be, man muss das ge­sam­te Sys­tem um­stel­len. Wenn die Bür­ger nicht mit da­bei sind, geht es nicht. Vie­le Leu­te, auch bei mir zu Hau­se in Pin­ka­feld, ver­ste­hen nicht, wie­so sie we­ni­ger Pen­si­on als Men­schen be­kom­men, die gera­de nach Ös­ter­reich ge­kom­men sind. Macht die ÖVP gera­de den Schmied statt den Schmiedl, um der FPÖ das Was­ser ab­zu­gra­ben? Ich ha­be den Ein­druck, die ÖVP ver­sucht, die Dau­men­schrau­ben so fest an­zu­zie­hen, bis der Re­gie­rungs­part­ner ab­springt. Und stün­de die FPÖ dann be­reit? Nein. Da müss­te es vor­her auf je­den Fall Neu­wah­len ge­ben. Ihr bur­gen­län­di­scher Lan­des­par­tei­chef, Hans Tschürtz, will un­be­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen das Tag­geld kür­zen. Wie se­hen Sie das? Wenn das Tag­geld 80 Euro am Tag aus­macht, dann sind das 2400 Euro im Mo­nat. Wel­che Fa­mi­lie, auch mit zwei Kin­dern, hat 2400 Euro net­to? Das sind Sum­men, die nicht in Ord­nung sind. Ha­ben Sie po­li­ti­sche Vor­bil­der? Da bin ich vor­sich­tig. Es passt je­der Po­li­ti­ker in sei­ne Zeit. Kirch­schlä­ger war in sei­ner Zeit der rich­ti­ge Prä­si­dent. Kreis­ky war in sei­ner Zeit der rich­ti­ge Kanz­ler. Man soll­te sich von meh­re­ren das Bes­te neh­men. Wo wür­den Sie denn woh­nen, soll­ten Sie die Prä­si­dent­schafts­wahl ge­win­nen? In Wi­en. Aber ich wür­de Mürz­steg nicht brau­chen. Weil ich am Wo­che­n­en­de zu Hau­se in Pin­ka­feld sein will. Wel­che Spra­chen spre­chen Sie? Deutsch und Eng­lisch. Ich war ja bei der Lau­da Air. Das Blö­de ist: Ich ha­be Fran­zö­sisch ge­lernt. Und ha­be es wie­der kom­plett ver­lernt. Was hal­ten Sie von Andre­as Khol? Er hat ein sehr be­weg­tes po­li­ti­sches Le­ben hin­ter sich. Und ich ha­be Re­spekt vor sei­ner Le­bens­leis­tung. Und von Irm­gard Griss? Ich hat­te vor Kur­zem ein Ge­spräch mit ihr. Ich ha­be den Ein­druck, dass sie selbst glaubt, dass sie klü­ger als die Bür­ger ist. Das ge­fällt mir nicht. Alex­an­der Van der Bel­len? Ist für mich un­wähl­bar. War­um? Weil er aus­schließt, dass er ei­ne Par­tei mit der Re­gie­rungs­bil­dung be­auf­tragt, die vom Wäh­ler das Ver­trau­en da­für be­kom­men hat. Per­sön­lich kann ich mit ihm gut. Aber ich glau­be nicht, dass er der rich­ti­ge Prä­si­dent wä­re. Ru­dolf Hund­stor­fer? Er ist per­sön­lich ein net­ter Mensch, der aber lei­der in der Ar­beits­markt­po­li­tik, der So­zi­al­po­li­tik und der Be­hin­der­ten­po­li­tik nicht das um­ge­setzt hat, was ich gern ge­se­hen hät­te.

Ge­ry Wolf

Zu Hau­se in Pin­ka­feld: „Kirch­schlä­ger war in sei­ner Zeit der rich­ti­ge Prä­si­dent, Kreis­ky der rich­ti­ge Kanz­ler.“

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