Der lan­ge Weg der Sei­den­ka­ra­wa­nen

Seit 2000 Jah­ren ist die Sei­den­stra­ße ein Bin­de­glied zwi­schen Chi­na, Zen­tral­asi­en und Eu­ro­pa. Al­lein schon das Wort ruft fas­zi­nie­ren­de Bil­der her­vor: von Oa­sen im Wüs­ten­sand, Kauf­leu­ten, die mit Stof­fen und Ge­wür­zen han­deln und wun­der­sa­men Rei­sen.

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER

Die Ge­schich­te der jahr­tau­sen­de­al­ten Sei­den­stra­ße zu be­schrei­ben ist ein ris­kan­tes Un­ter­fan­gen für den Au­tor, es er­in­nert an die Her­aus­for­de­rung, der sich der rei­sen­de Kauf­mann mit sei­ner Ka­mel­ka­ra­wa­ne einst un­ter­zo­gen hat. Wie soll er sich auf dem my­thi­schen Tram­pel­pfad durch die un­wirt­li­chen und un­über­seh­ba­ren Räu­me zwi­schen Ori­ent und Ok­zi­dent zu­recht­fin­den? Stän­dig droht ihm Ge­fahr, dass er vom rich­ti­gen Weg ab­irrt, ihn sei­ne Ori­en­tie­rungs­kraft ver­lässt und er sich ab­len­ken lässt von der fas­zi­nie­ren­den Land­schaft und Aben­teu­ern auf sei­nem Weg und so das er­streb­te Ziel ver­fehlt. Denn nicht von ei­ner Tras­se oder Stra­ße spre­chen wir hier, son­dern von ei­nem rie­si­gen Rou­ten­ge­flecht, das be­herrscht wird von was­ser­lo­sen, glü­hend hei­ßen Wüs­ten­stri­chen und den höchs­ten Ge­birgs­ket­ten der Er­de mit tie­fen Schluch­ten und ver­eis­ten Päs­sen.

Ob­wohl man sich ei­ne Rou­te nicht qual­vol­ler, nicht un­wirt­li­cher vor­stel­len kann, wur­de sie über zwei­tau­send Jah­re als trans­kon­ti­nen­ta­le Ver­bin­dung und längs­tes We­ge­netz der vor­mo­der­nen Welt zwi­schen Asi­en und dem Mit­tel­meer­raum auf­recht­er­hal­ten, trotz Ge­fähr­dun­gen durch Krie­ge, Räu­ber, Erd­be­ben, Sand­stür­me. Gro­ße Rei­che ka­men und ver­schwan­den, der Han­dels­weg blieb. Wa­ren die Zei­ten zu un­ru­hig, wähl­te man neue Rou­ten oder fuhr übers Meer, doch nie gab man den Weg ganz auf, kehr­te im­mer wie­der zu ihm zu­rück. Ma­gie des Wor­tes. Die Ge­schich­te der Mensch­heit er­zählt von vie­len le­gen­de­n­um­wo­be­nen Han­dels­adern, dem Pelz­weg nach Si­bi­ri­en et­wa, der ara­bi­schen Stra­ße der Wohl­ge­rü­che, der Bern­stein­stra­ße von der Ost­see zum Mit­tel­meer, doch sie al­le ken­nen nicht die mär­chen­haf­ten Um­ran­kun­gen wie die gro­ße Sei­den­stra­ße, auf der ab dem En­de des 1. Jahr­tau­sends vor Chris­tus die be­rühm­ten chi­ne­si­schen Sei­den­stof­fe aus dem „Himm­li­schen Im­pe­ri­um“in den Wes­ten trans­por­tiert wur­den. Der ve­ne­zia­ni­sche Kauf­mann Mar­co Po­lo ist bis heu­te der be­rühm­tes­te Chi­na-Rei­sen­de auf die­ser Rou­te. Doch in vor­mo­der­ner Zeit kann­te man den Na­men Sei­den­stra­ße noch gar nicht, die ma­gi­sche Wort­schöp­fung mit ih­ren As­so­zia­tio­nen von Exo­tik und Lu­xus wür­de als Mar­ken­na­me ih­rem Ur­he­ber heu­te je­de Aus­zeich­nung für Emo­tio­nal Bran­ding ver­schaf­fen.

Da­bei war es ein deut­scher Pro­fes­sor, der viel ge­reis­te Geo­graf Fer­di­nand von Richt­ho­fen, der das Wort 1877 präg­te und in wis­sen­schaft­li­cher Prä­zi­si­on über die „cen­tral­asia­ti­schen Sei­den­stra­ßen“er­zähl­te. Auf den Plu­ral leg­te er Wert, denn er kann­te all die Ve­räs­te­lun­gen und Aus­läu­fer, die zu­sam­men­ge­rech­net ei­ne hal­be Erd­um­run­dung aus­mach­ten. Sei­ne ge­nia­le Wort­schöp­fung fin­det sich heu­te in vie­len Spra­chen, sie setz­te sich so­gar im Chi­ne­si­schen durch. 1936 er­schien dann Sven Hed­ins be­rühm­tes Buch „Die Sei­den­stra­ße“, der gro­ße schwe­di­sche For­scher be­reis­te Chi­na und Zen­tral­asi­en be­reits mit dem Au­to.

Das best­ge­hü­te­te Ge­heim­nis Os­t­a­si­ens war in an­ti­ker Zeit die Her­stel­lung der Sei­de. Wann die Chi­ne­sen erst­mals die Ent­wick­lung vom Ei des Sei­den­spin­ners über die Rau­pe bis hin zum Schlüp­fen des Schmet­ter­lings aus dem Ko­kon be­ob­ach­te­ten und merk­ten, dass man aus ei­nem un­zer­stör­ten Ko­kon ei­nen Fa­den ge­win­nen konn­te, ist im Le­gen­den­dun­kel ver­bor­gen. Je­der Bau­er in Chi­na pflanz­te nach der Ent­de­ckung auf Ge­heiß des Herr­schers auf sei­nem Grund Maul­beer­bäu­me, de­ren Blät­ter der Rau­pe Nah­rung lie­fer­ten. Der nächs­te Schritt war die Ein­rich­tung von Sei­den­we­be­rei­en, bald war Sei­de im Über­fluss da und Chi­nas Kai­ser er­kann­ten die enor­men wirt­schaft­li­chen Mög­lich­kei­ten, die im Han­del mit dem Lu­xus­pro­dukt steck­ten.

Um Chris­ti Ge­burt flo­rier­te be­reits der Ex­port der Sei­de auf der Sei­den­stra­ße ins Rö­mi­sche Reich, die Aus­fuhr von Rau­pen­ei­ern und Maul­beer­sa­men aus Chi­na war un­ter To­des­stra­fe ver­bo­ten: So blieb das Mo­no­pol jahr­hun­der­te­lang auf­recht. Auch wenn man ver­sucht hät- te, die Rau­pe in den Wes­ten zu schmug­geln: Sie hät­te die lan­ge Rei­se gar nicht über­lebt. Die wohl­ha­ben­den Gran­den in Rom ver­fie­len dem exo­ti­schen Ge­we­be ganz und gar, Ge­we­be aus Lei­nen und Sei­den­fä­den wur­den von den vor­neh­men Rö­me­rin­nen als Un­ter­klei­dung ge­tra­gen. Hor­ren­de Prei­se wur­den für die Sei­de im Wes­ten be­zahlt, „so viel kos­ten uns un­ser Lu­xus und un­se­re Frau­en“, jam­mer­te Pli­ni­us. Sie wä­re bil­li­ger ge­we­sen, wenn die Chi­ne­sen mit den Rö­mern di­rekt ge­han­delt hät­ten, aber der Han­del er­folg­te über vie­le Zwi­schen­händ­ler. Kei­ner hat die gan­ze Stre­cke von 6000 Ki­lo­me­tern je zu­rück­ge­legt, im­mer ver­lief der Han­del über Oa­sen, Sta­tio­nen, Stütz­punk­te, im­mer fie­len Zöl­le an, die Wa­re wur­de im­mer teu­rer. Durch die Wüs­te. Stel­len wir uns die ers­te Grup­pe von Händ­lern vor: Sie macht sich et­wa um 100 vor Chris­tus von Chi­nas al­ter Haupt­stadt Chan­gan, dem heu­ti­gen Xi­an, auf, sie

Gro­ße Rei­che ka­men und ver­schwan­den, doch der Han­dels­weg blieb.

Die Pres­se/Pe­tra Wink­ler

Zwei bis drei Jah­re konn­te in der An­ti­ke der Trans­port von Chi­na bis ans Mit­tel­meer dau­ern.

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