LE­XI­KON

Die Presse am Sonntag - - Globus -

Der „Ele­fan­te blan­co“

ist die ge­wal­ti­ge Bau­rui­ne ei­nes nie fer­tig­ge­stell­ten Kran­ken­hau­ses im Stadt­teil Vil­la Lu­ga­no im Süd­wes­ten der ar­gen­ti­ni­schen Haupt­stadt Bu­e­nos Ai­res. Der Na­me der Ge­gend geht zu­rück auf die gleich­na­mi­ge Stadt im Schwei­zer Kan­ton Tes­sin: Der aus dem Tes­sin stam­men­de Aus­wan­de­rer Jos´e Fer­di­nan­do Sol­da­ti kauf­te dort ei­ne Farm und nann­te den Ort im Ok­to­ber 1908 nach Lu­ga­no. krank wur­den und Jah­re brauch­ten, um aus­zu­hei­len. Wie be­ses­sen mau­er­te und flies­te Jo­na­tan an der Blei­be, hof­fend, sie ein­mal ver­kau­fen zu kön­nen.

Bis heu­te kön­nen sie nicht glau­ben, dass das ge­lang. Ei­nes Mor­gens, vier Jah­re nach dem Ein­zug, klopf­te je­mand an und frag­te nach dem Preis. Wie viel ist ei­ne Woh­nung wert in ei­nem bau­fäl­li­gen ver­seuch­ten Ge­bäu­de oh­ne Hei­zung, Gas und Ab­was­ser? Ei­ne Im­mo­bi­lie oh­ne Adres­se und Chan­ce, je in ein Grund­buch ein­ge­tra­gen zu wer­den? 40.000 Pe­sos be­ka­men sie, da­mals et­wa 7000 Euro. Fast ge­nug für den Kauf ei­ner klei­ne­ren Hüt­te in der Nä­he: Wohn­kü­che, Kli­ma­an­la­ge, Flach­bild-TV und Mons­ter-Bo­xen, der Haus­herr rappt. Da­hin­ter drei Schlaf­ko­jen, Vor­hän­ge statt Tü­ren. Eng wie auf ei­nem Schiff, aber tro­cke­ner als im „hos­pi­ta­li­to“.

Fast al­le Fa­mi­li­en sind nun fort, aus­be­zahlt von der Stadt, das war bil­li­ger als die rich­ter­lich an­ge­ord­ne­te Sa­nie­rung. Das Ge­bäu­de ist ab­ge­rie­gelt, doch im ers­ten Stock spie­len Knirp­se Fuß­ball, Hun­de streu­nen um­her, es riecht nach Kot und Urin. In ei­ner Ecke rau­chen Jun­kies Pa­co, Ar­gen­ti­ni­ens Crack. Re­lik­te frü­he­rer Ein­bau­ten sind zu se­hen, Mau­ern ein­ge­bro­chen, Wasch­be­cken und Klos her­aus­ge­ris­sen.

„Das hört sich viel­leicht ko­misch an“, sagt Jo­na­tan. „Aber manch­mal fehlt mir das Le­ben dort.“Er er­zählt vom Zu­sam­men­halt der Be­woh­ner, der es er­mög­lich­te, so­gar die Dro­gen­händ­ler zu ver­trei­ben. In der „ver­bor­ge­nen Stadt“häuf­ten sich Dieb­stäh­le, Ban­den­kämp­fe, Mor­de. „Aber wir ha­ben es ge­schafft, die­se Pest drau­ßen zu hal­ten.“ End­lich, das Le­ben. Im Au­gust kam Al­ma zur Welt, Lo­las vier­tes Kind. Sie soll ei­ne ge­sün­de­re Kind­heit ha­ben. Die Fa­mi­lie zieht aufs Land, in ein Dorf, 100 Ki­lo­me­ter west­lich der End­zeit­ku­lis­se. „Ein klei­nes Häu­schen“, sagt Jo­na­tan, „ein biss­chen Wie­se da­vor, ein biss­chen da­hin­ter. Da kann ich mich in ei­nen Ses­sel set­zen, tief Luft ho­len und sa­gen: ,Hey, das ist das Le­ben!‘“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.