»Bunt wie bei den Te­letub­bies«

Der 24-jäh­ri­ge Elec­tro-Pop­per Jack Gar­ratt hat die BBC-Ta­len­te­wahl ge­won­nen und ist schon vor Er­schei­nen sei­nes ers­ten Al­bums, »Pha­ses«, der neue Star der bri­ti­schen Pop­mu­sik.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON SA­MIR H. KÖCK

Sän­ger Ja­mie Woon, des­sen Kar­rie­re auch mit ei­ner gu­ten BBC-List-Plat­zie­rung be­gon­nen hat, be­klag­te den gro­ßen Stress, den sie aus­löst. Wie geht es Ih­nen da­mit? Jack Gar­ratt: Eh ganz gut. Aber es ist schon so, dass man plötz­lich Er­war­tun­gen ent­spre­chen muss, die nicht die ei­ge­nen sind. Der Druck baut sich aber nicht vom Ma­nage­ment oder von der Plat­ten­fir­ma her auf, son­dern von den Jour­na­lis­ten. Ich bin ziem­lich froh, dass mein ers­tes Al­bum, „Pha­se“, das nun am 19. Fe­bru­ar er­schei­nen wird, schon auf­ge­nom­men war, be­vor ich auf die­se re­nom­mier­te Lis­te ge­nom­men wur­de. Un­ge­wöhn­lich für ei­nen jun­gen Künst­ler ist, dass Sie in Zei­ten wie die­sen ei­nem Ma­jor­La­bel ver­trau­en. War­um? Ich se­he es um­ge­kehrt. Universal hat mir ver­traut, hat mich ma­chen las­sen, was mir vor­schweb­te. Nie­mand hat mir Di­rek­ti­ven er­teilt. Na­tür­lich ken­ne ich ein paar Hor­ror­ge­schich­ten von Leu­ten, die früh bei Ma­jor-La­bels un­ter­schrie­ben ha­ben, aber ich muss schon mei­ne ei­ge­nen Er­fah­run­gen ma­chen. Und die sind bis­lang sehr gut. „Eh-Oh!“von den Te­letub­bies war ein frü­hes Lieb­lings­lied von Ih­nen. Was be­ein­druck­te Sie dar­an? Die Far­big­keit des Songs. Und die wirkt nach. Auch mei­ne Lie­der sol­len die­se Bunt­heit ab­strah­len wie da­mals „EhOh!“. Das Ku­rio­se ist, dass ich spä­ter mit sei­nem Kom­po­nis­ten, And­rew McCro­rie-Shand, ge­ar­bei­tet ha­be. Das war viel­leicht ein Spaß. Ha­ben Sie da­bei auch et­was ge­lernt? Der Mann ist ein Voll­pro­fi, was Fern­seh­mu­sik an­langt. Ich ha­be mir ei­ni­ges punk­to Ar­ran­ge­ments ab­ge­schaut. Stevie Won­der ist der Mu­si­ker, der Sie ganz be­son­ders be­ein­flusst hat. Was mö­gen Sie an sei­ner Kunst? Ihn ver­eh­re ich seit Kind­heits­ta­gen. Das Auf­re­gen­de ist, dass ich ihn heu­te, wo ich selbst Mu­sik ma­che, mit ganz neu­en Oh­ren hö­re, oh­ne dass sein Werk an Fas­zi­na­ti­on ein­büßt. Und das hat nichts mit der ana­lo­gen Tech­no­lo­gie zu tun, de­rer er sich da­mals be­dien­te. Mei­ne Theo­rie ist, dass, wenn er schon mit 17 Jah­ren ei­nen Lap­top ge­habt hät­te, sei­ne Mu­sik ganz die­sel­be wä­re. Er hat­te al­les in sei­nem Kopf. Ja, er schrieb Hits, aber sol­che, die Jahr­zehn­te spä­ter im­mer noch in­ter­es­sant sind. Er hat­te aber auch ei­ne po­li­ti­sche Agen­da. Er kämpf­te da­für, dass Mar­tin Lu­ther King ein Na­tio­nal Ho­li­day in den USA zu­ge­dacht wird. Gä­be es für Sie auch et­was Po­li­ti­sches, für das Sie kämp­fen wür­den? Da­für füh­le ich mich zu jung. Ich ma­ße mir nicht an, et­was von Po­li­tik zu ver­ste­hen. Ha­ben Sie denn nicht ein­mal ein Bauch­ge­fühl zu ak­tu­el­len Ge­scheh­nis­sen wie der Flücht­lings­kri­se? Die ist na­tür­lich be­ängs­ti­gend. Aber das zu kom­men­tie­ren, fin­de ich sehr hei­kel. Vie­le spre­chen über die Flücht­lin­ge, als wä­ren sie Tie­re. Das gab es schon ein­mal in der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te, und es führ­te in den Ab­grund. Set­zen Sie mit Ih­rem De­büt­al­bum des­halb eher auf Es­ka­pis­mus? Sound­mä­ßig auf je­den Fall. Das Schö­ne an der Mu­sik ist ja auch, dass man sich in Ge­füh­len ver­lie­ren kann, für die ei­nem im wirk­li­chen Le­ben die Er­fah­rung fehlt. Bei den Ge­schich­ten, die ich er­zäh­le, hal­te ich mich an et­was, was Tom Waits ein­mal ge­sagt hat: „Er­zäh­le die tra­gischs­ten Er­eig­nis­se aus­schließ­lich mit den schöns­ten Me­lo­di­en.“ Sie hal­ten Kon­takt mit dem be­rühm­ten Pro­du­zen­ten Rick Ru­bin, je­nem Mann, der Gi­gan­ten von John­ny Cash bis La­dy Ga­ga pro­du­ziert hat. Wor­über un­ter­hal­ten Sie sich? Es hat so­fort ge­funkt, als wir ein­an­der tra­fen. Dar­über bin ich sehr froh, denn er ist nicht wahn­sin­nig kom­mu­ni­ka­tiv. Es ist ein Pri­vi­leg, dass er mich an sei­nen Ge­dan­ken teil­ha­ben lässt. Wir tau­schen re­gel­mä­ßig Ide­en aus. Per E-Mail. Gab er Ih­nen auch Ez­zes be­züg­lich Ih­res Al­bums? Nein. Dies­be­züg­lich hät­te ich mich nicht ge­traut, ihn an­zu­spre­chen. Be­vor

1991

ge­bo­ren in High Wy­com­be, Bucking­hamshire. Die Mut­ter ist Mu­sik­schu­lleh­re­rin, der Va­ter Po­li­zist.

1997

hört Jack Gar­ratt pau­sen­los „Eh-Oh!“von den Te­letub­bies.

Ab 2003

be­schäf­tigt er sich mit Gi­tar­re, Schlag­zeug, Pia­no, Har­mo­ni­ka, Man­do­li­ne und Uku­le­le.

2010

nimmt er Lie­der im Blues-Idi­om für ein nie­mals er­schie­ne­nes akus­ti­sches Al­bum na­mens „Ni­ckel And Di­me“auf, ein Jahr spä­ter be­ginnt der Mul­ti­in­stru­men­ta­list, sei­ne Sounds und Lie­der auf dem Lap­top zu kre­ieren.

2014

er­scheint sei­ne ers­te EP, „Rem­nix“.

2015

folgt die zwei­te EP, „Sy­nes­the­si­ac“. Er ge­winnt den Kri­ti­ker­preis bei den Brit Awards.

2016

ge­winnt er die ein­fluss­rei­che BBCTa­len­te­wahl. Das ers­te Al­bum, „Pha­ses“, er­scheint am 19. Fe­bru­ar auf Is­land Re­cor­ds (Universal). ich mit ei­nem Ka­li­ber wie ihm zu­sam­men­ar­bei­te, muss ich ein­mal selbst et­was auf die Rei­he be­kom­men. Hat­ten Sie ei­ne Stra­te­gie für Ihr De­büt­al­bum? Mei­ne Stra­te­gie war, zu ver­drän­gen, dass ich an ei­nem Al­bum ar­bei­te. Im Zu­stand der Ab­sichts­lo­sig­keit fließt Mu­sik halt am bes­ten. Plä­ne im Hin­ter­kopf las­sen mich im­mer ver­kramp­fen. Wie wich­tig war es für Sie, Re­geln zu bre­chen? Im­mens wich­tig. Das Pu­bli­kum ist viel klü­ger als die Mu­sik­in­dus­trie. Es braucht Sounds, die ei­ne Her­aus­for­de­rung dar­stel­len. Ih­re Vi­de­os sind sehr ein­dring­lich. Ha­ben Sie künst­le­ri­schen Ein­fluss dar­auf? Na­tür­lich. Aber ich las­se den Re­gis­seu­ren ge­nug Spiel­raum, dass es auch ih­nen Spaß macht. War es Ih­re Idee, sich für „Brea­the Li­fe“ins Was­ser zu le­gen? Leicht­sin­ni­ger­wei­se, ja. Es dau­er­te lan­ge, bis ich wie­der frei­wil­lig schwim­men ging. Der Dreh hat zwölf St­un­den ge­dau­ert. Es war der Hor­ror. Sie ha­ben ei­nen in­ter­es­san­ten Freund im Film­ge­schäft. Ist Aa­ron Paul, der Darstel­ler des Jes­se Pink­man in „Brea­king Bad“, ein Fan Ih­rer Mu­sik? Zu mei­ner Freu­de, ja. Er tauch­te ei­nes Abends bei ei­ner mei­ner Shows in Los An­ge­les auf. Er moch­te, was er sah, und lud mich ein, auf ei­ner Par­ty bei ihm zu Hau­se zu sin­gen. Seit­her sind wir be­freun­det. Ich ha­be Aa­ron als je­man­den ken­nen­ge­lernt, der für Mu­sik brennt. Bren­nen Sie auch für die Mu­sik an­de­rer? Wenn ich Mu­sik auf­neh­me, hö­re ich nichts an­de­res. Aus die­sem Grund lern­te ich Kend­rick La­mars wun­der­ba­res „To Pimp A But­ter­fly“erst acht Mo­na­te nach Er­schei­nen ken­nen. Heiß lie­be ich auch An­der­son Paaks „Ma­li­bu“und The Ro­bert Glas­per Ex­pe­ri­ment. Die Welt der fu­tu­ris­ti­schen Jazz Fu­si­on fas­zi­niert mich end­los.

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