Wenn Bür­ger dem Staat miss­trau­en

Mit der Asyl­kri­se sank das An­se­hen der Ord­nungs­macht: Bür­ger­weh­ren und Be­gleit­diens­te sprie­ßen schein­bar aus dem Bo­den. Trotz gro­ßer Auf­merk­sam­keit schafft es je­doch kaum ein Pro­jekt aus Face­book auf die Stra­ße. Zum Glück, mei­nen ei­ni­ge.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON ANDRE­AS WETZ

Mit ei­ner pro­fes­sio­nel­len Aus­bil­dung, Schutz­be­klei­dung und an­de­ren Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten kom­men un­se­re Be­glei­ter ge­gen vie­le Waf­fen­gat­tun­gen an.“

Das An­ge­bot ist ein­deu­tig. Wer be­fürch­tet, Ziel be­waff­ne­ter Über­grif­fe zu wer­den, fin­det hier of­fen­bar ei­nen Part­ner, der selbst über ent­spre­chen­de Mit­tel ver­fügt. Was sich liest wie das Be­wer­bungs­schrei­ben ei­nes Bo­dy­guards an ei­nen Su­per-Pro­mi, ist die Selbst­be­schrei­bung ei­nes Wie­ner Ver­eins, der vor al­lem Frau­en kos­ten­lo­sen Be­gleit­schutz bie­ten möch­te. Der Ver­ein nennt sich „Weis­ser Flü­gel“. Sein Zweck, das Her­stel­len von Si­cher­heit ab­seits staat­li­cher Struk­tu­ren, liegt voll im Trend.

Seit vie­le Tau­sen­de Flücht­lin­ge durchs Land zie­hen, es in Köln zu or­ga­ni­sier­ten Über­grif­fen auf Frau­en kam so­wie Ge­schich­ten über – an­geb­lich – stän­dig lü­gen­de Po­li­ti­ker und Jour­na­lis­ten die Run­de ma­chen, sieht sich ei­ne wach­sen­de Zahl von Bür­gern selbst in der Ver­ant­wor­tung, für Ord­nung zu sor­gen. So­ge­nann­te Bür­ger­weh­ren for­mie­ren sich zu Dut­zen­den. Waf­fen­händ­ler kön­nen die Nach­fra­ge nach Fl­in­ten, Pis­to­len und Mu­ni­ti­on schon seit Mo­na­ten nicht mehr be­frie­di­gen. Und auch Be­gleit­diens­te wie der „Weis­se Flü­gel“sprie­ßen förm­lich aus dem Bo­den. Die Be­weg­grün­de da­hin­ter er­zäh­len Men­schen wie Ma­rio Schmidt. Tech­ni­ken aus dem Mi­li­tär. Der 31-Jäh­ri­ge grün­de­te den „Weis­sen Flü­gel“be­reits im Sep­tem­ber 2015. Da­zu be­wo­gen ha­ben ihn zwei Freun­de, die selbst vor ei­ni­gen Jah­ren Op­fer von Raub­über­fäl­len auf of­fe­ner Stra­ße wur­den. Schmidt sagt, dass er sich kei­nes­falls an­ma­ße, die Ar­beit der Po­li­zei zu tun. Er und sein Team wol­len auf Wunsch der Kli­en­ten aber da sein, wenn es die Po­li­zei eben nicht sein kann. Die Be­zeich­nung „Bür­ger­wehr“lehnt der ge­bür­ti­ge Nie­der­ös­ter­rei­cher ab. Obers­te Prä­mis­se des Be­gleit­ser­vices sei Dee­s­ka­la­ti­on. Trotz der mar­tia­li­schen Selbst­be­schrei­bung. Trotz Schmidts An­kün­di­gung, frei­wil­li­ge Hel­fer „in Selbst­ver­tei­di­gungs­tech­ni­ken aus Mi­li­tär und Po­li­zei aus­zu­bil­den“. In ei­nem Image­vi­deo tre­ten Mit­ar­bei­ter des Ver­eins in Wes­ten auf, die mi­li­tä­ri­schen Plat­ten­trä­gern zum Schutz vor Feind­be­schuss äh­neln.

Im Lauf der ver­gan­ge­nen Wo­chen be­rich­te­ten Fern­se­hen, Ra­dio, In­ter­net­me­di­en und Zei­tun­gen im gan­zen Land über ei­nen re­gel­rech­ten Boom von Bür­ger­weh­ren. Wo­bei Bür­ger­wehr in die­sem Zu­sam­men­hang wohl ein zu star­ker Be­griff ist, denn von pa­ra­mi­li­tä­risch or­ga­ni­sier­ten Grup­pen, die be­waff­net und uni­for­miert durch die Sied­lun­gen strei­fen, sind die bis­her be­kann­ten Plä­ne weit ent­fernt. Der „Weis­se Flü­gel“bringt es auf Face­book auf 4065 Fans. Die „Bür­ger­wehr Wi­en“, de­ren Auf­tritt am Frei­tag aus dem öf­fent­li­chen Be­reich von Face­book ver­schwand, auf 3900.

Wohl nicht ganz zu­fäl­lig. Wie bei an­de­ren Initia­ti­ven aus den Bun­des­län­dern hat zu­letzt der Ver­fas­sungs­schutz ein Au­ge auf die Ak­ti­vi­tä­ten der Grup­pe ge­wor­fen. Da­bei sind es nicht die la­tent aus­län­der­feind­li­chen, aber im Sin­ne der Mei­nungs­frei­heit recht­lich gera­de noch zu­läs­si­gen Pos­tings, die die Auf­merk­sam­keit der Be­hör­de weck­ten. Im kon­kre­ten Fall er­mög­lich­te das un­er­laub­te Ver­wen­den des ös­ter­rei­chi­schen Staats­wap­pens ei­ne An­zei­ge und da­mit die of­fi­zi­el­le Auf­nah­me von Er­mitt­lun­gen ge­gen die bis­her un­be­kann­ten Or­ga­ni­sa­to­ren der „Bür­ger­wehr Wi­en“.

„Füh­ren Sie Ge­gen­stän­de zur Selbst­ver­tei­di­gung mit sich?“

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In­ner­halb des Ver­fas­sungs­schut­zes zer­bricht man sich auch auf Bun­des­ebe­ne schon län­ger den Kopf dar­über, was das wach­sen­de Miss­trau­en in Tei­len der Be­völ­ke­rung denn mit­tel- und lang­fris­tig für Au­to­ri­tät und Le­gi­ti­ma­ti­on des Staa­tes be­deu­ten könn­te. Bis­her, so die Fest­stel­lung, sei es glück­li­cher­wei­se noch kei­nem ge­lun­gen, die­ses für ei­ne De­mo­kra­tie und un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen nicht un­ge­fähr­li­che Po­ten­zi­al ne­ga­tiv zu ka­na­li­sie­ren. Nach­fra­ge eher vir­tu­ell. Mit an­de­ren Wor­ten: Der me­di­al ver­brei­te­te Boom der Bür­ger­weh­ren scheint eher nur vir­tu­ell statt­zu­fin­den. Meh­re­re Kon­takt­auf­nah­men der „Pres­se am Sonn­tag“blie­ben ent­we­der un­be­ant­wor­tet oder hat­ten aus­wei­chen­de Ant­wor­ten zur Fol­ge. Ei­ne Re­cher­che in al­len neun Lan­des­po­li­zei­di­rek­tio­nen er­gab, dass es – zu­min­dest nach Er­kennt­nis­sen der Exe­ku­ti­ve – nur ei­nem ein­zi­gen von meh­re­ren Dut­zend ak­tu­el­len Pro­jek­ten ge­lun­gen ist, tat­säch­lich Men­schen auf die Stra­ße zu brin­gen, und zwar in Zis­ters­dorf im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Wein­vier­tel. Hier spa­zie­ren Bür­ger un­re­gel­mä­ßig durch die Stra­ßen und wol­len die Po­li­zei ru­fen, wenn sie ver­däch­ti­ge Wahr­neh­mun­gen ma­chen.

Wie in Wi­en in­ter­es­siert sich in Ti­rol und in der Stei­er­mark der Ver­fas­sungs­schutz für die Ak­ti­vi­tä­ten von In­ter­net­grup­pen, die sich selbst als Bür- ger­wehr oder Be­gleit­dienst dar­stel­len. Straf­recht­lich ließ sich dar­aus bis­her je­doch nichts ab­lei­ten.

Da­bei ist fast nicht fest­zu­stel­len, ob die im Da­ten­netz be­kun­de­te Sym­pa­thie für bür­ger­li­che Si­cher­heits­ak­ti­vi­tä­ten tat­säch­lich nach­ge­fragt wird. Ma­rio Schmidt vom „Weis­sen Flü­gel“gibt zwar an, dass die Di­ens­te des Be­gleit­schut­zes be­reits an­ge­for­dert wür­den. Wie oft, das wis­se er je­doch ge­nau­so we­nig wie die Zahl der Mit­ar­bei­ter. Er kön­ne sich bei sei­ner der­zei­ti­gen Wo­chen­ar­beits­zeit von fast 100 St­un­den nicht um al­les küm­mern, sagt er, das sei Sa­che sei­ner Ab­tei­lungs- und Grup­pen­lei­ter.

Kon­takt zu die­sen kön­ne er je­doch nicht ver­mit­teln, das ha­be über die Pres­se­ab­tei­lung zu er­fol­gen, in der üb­ri­gens auch ein Ver­eins­an­walt sit­ze, der ge­gen­über all­zu kri­ti­schen Me­di­en dar­auf ach­te, dass al­les sei­ne Ord­nung ha­be. Man be­kommt den Ein­druck, dass die Nach­fra­ge von Frau­en auf Be­gleit­schutz die­ser Art eher über­schau­bar ist. Se­riö­se Ver­ei­ne skep­tisch. Ech­tes Ver­trau­en in Si­cher­heits­pro­jek­te von Bür­gern für Bür­ger ent­steht erst mit der Zeit. Karl Brunn­bau­er, der in Ös­ter­reich den Ver­ein pro­Nach­bar ge­grün­det hat, weiß das. Neun Jah­re hat es ge­dau­ert, um 6000 Mit­glie­der da­von zu über­zeu­gen, dass ge­gen­sei­ti­ges In­for­mie­ren und Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Po­li­zei die Si­cher­heit er­hö­hen kön­nen. Da­bei stammt die Idee der­ar­ti­ger Nach­bar­schafts­hil­fen, die nichts mit be­waff­ne­ten Bür­ger­weh­ren zu tun ha­ben, aus dem anglo-ame­ri­ka­ni­schen Raum. In Groß­bri­tan­ni­en, so ei­ne Schät­zung, sol­len 3,8 Mio. Haus­hal­te in ver­gleich­ba­ren Ver­ei­nen or­ga­ni­siert sein. Brunn­bau­er hält Initia­ti­ven wie Strei­fen- und Be­gleit­diens­te für den fal­schen Weg, glaubt aber, dass gera­de jetzt die Zeit reif da­für sei, „dass die Po­li­zei end­lich den of­fe­nen Dia­log und die Part­ner­schaft mit se­riö­sen Bür­ger­ge­sell­schaf­ten auf­nimmt“. Ak­ti­vi­tä­ten, die bis­her nicht über Lip­pen­be­kennt­nis­se der Exe­ku­ti­ve hin­aus­gin­gen.

Wie ver­un­si­chert vie­le Ös­ter­rei­cher der­zeit sind, zeigt ei­ne Um­fra­ge un­ter Mit­glie­dern von pro­Nach­bar (sie­he Gra­fik). Ein Drit­tel der Be­frag­ten gibt an, „Ge­gen­stän­de zur Selbst­ver­tei­di­gung“mit sich zu füh­ren. Fast 60 Pro­zent da­von tra­gen Pfef­fer­spray bei sich. 5,3 Pro­zent Schuss­waf­fen.

4 Kat­ha­ri­na Roß­both

Ma­rio Schmidt will mit dem Ver­ein „Weis­ser Flü­gel“Frau­en durch Wi­en be­glei­ten. Wie oft das nach­ge­fragt wird, sagt er nicht.

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