Do­blho­fer sucht »Ai­da«

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Im­mer, wenn Ober­inspek­tor Ot­to Do­blho­fer im zen­trums­na­hen Be­reich der Ma­ria­hil­fer Stra­ße un­ter­wegs war, führ­te ihn sein Weg auch in ein Mu­sik-Se­con­dhand-Ge­schäft, in dem es Tau­sen­de ge­brauch­ter Schall­plat­ten und CDs zu kau­fen gab. Wenn man den La­den zum ers­ten Mal be­trat, wirk­te er zwar chao­tisch und voll­ge­stopft, aber Do­blho­fer war schon oft hier ge­we­sen und ließ sich da­durch nicht ab­schre­cken. Dies­mal war er auf der Su­che nach ei­ner be­stimm­ten Auf­nah­me der Oper „Ai­da“.

„Die Ai­das sind dort in der Schach­tel, auf der Ver­di drauf­steht“, sag­te der Ge­schäfts­in­ha­ber. Do­blho­fer bück­te sich und be­gann zu su­chen. Au­ßer ihm wa­ren nur zwei Kun­den in dem La­den. In Do­blho­fers Nä­he sah sich ein Mann gera­de die Neu­jahrs­kon­zer­te durch. Er sam­mel­te sie und hör­te sich täg­lich fünf Ver­sio­nen des Do­nau­wal­zers an, um die fei­nen Nuan­cen der ein­zel­nen Di­ri­gen­ten her­aus­zu­hö­ren. Dum­mer­wei­se fehl­te ihm das Kon­zert von 1991, und er hat­te die Hoff­nung, die Auf­nah­me hier zu fin­den. Nicht viel wei­ter ent­fernt be­sah sich ei­ne Frau die Auf­nah­men von Haydn-Sin­fo­ni­en. Auch sie woll­te ei­ne kom­plet­te Samm­lung zu­sam­men­be­kom­men, und da Haydn, was das Schrei­ben von Sin­fo­ni­en be­traf, sehr pro­duk­tiv ge­we­sen war und es auf über 100 ge­bracht hat­te, half ihr ein Zet­tel, auf dem sie no­tiert hat­te, wel­che ihr noch fehl­ten, bei der Su­che.

Ein Mann be­trat das Ge­schäft. Er hol­te aus ei­ner Ta­sche ei­ne CD her­vor und leg­te sie auf ei­nen Sta­pel Schall­plat­ten. „Ich möch­te gern wis­sen, wie viel ich für die­ses gu­te Ding be­kom­me“, wand­te er sich an den Ver­käu­fer – aber so ver­stoh­len, dass Do­blho­fer auf­merk­sam wur­de und sich er­hob. Ver­such­te der Mann et­wa, hier ei­nen Por­no zu ver­kau­fen?

Sein Blick auf die CD ent­täusch­te ihn je­doch, es han­del­te sich – zu­min­dest dem Book­let nach – um kei­nen ero­ti­schen Film, denn das Bild zeig­te kei­ne nack­ten Per­so­nen in Ac­tion, son­dern Jo­se´ Car­re­ras – ei­nen noch sehr jun­gen Sen˜or Car­re­ras, aber nichts­des­to­trotz nicht in Ac­tion, son­dern ernst drein­bli­ckend in ei­ner rö­misch aus­se­hen­den Uni­form. Bei der noch ori­gi­nal­ver­pack­ten CD han­del­te es sich, wie Do­blho­fer las, be­vor er sich wie­der zu den Ai­das nie­der­ließ, um ei­ne Auf­nah-

HONIGWABE

Harald Mi­ni

lebt in Linz un© Żr­bei­tet Żls Rich­ter. Ne­ben ju­ris­ti­scher FŻchli­terŻ­tur schreibt er u. Ż. SŻ­ti­ren („M´nner beim Fri­seur“un© „Gol©hŻu­ben für Si­bi­ri­en“) un© Kri­mis (u. Ż. zwei ORF-„TŻ­t­ort“-Kri­mis) un© er­fin©et Kin©er­spie­le. Im Ley­kŻmVer­lŻg sin© ©ie Thril­ler­sŻ­ti­ren „Der DŻ-Lin­zi-Co©e“un© „In­no­minŻ­ti“er­schie­nen.

www.kri­miŻu­to­ren.Żt me der Oper „Po­li­u­to“von Gae­ta­no Do­ni­zet­ti. „Das ist die Ge­samt­auf­nah­me ei­ner höchst sel­te­nen Oper mit dem noch jun­gen Car­re­ras“, stell­te der Ge­schäfts­in­ha­ber fest. „Ei­ne Wie­ner Auf­nah­me von CBS Re­cor­ds. Was hät­ten Sie sich denn da­für vor­ge­stellt?“

„Auf Ama­zon wird die Auf­nah­me neu ab 133 Euro an­ge­bo­ten. Und ge­braucht ab 57. Und mei­ne ist ori­gi­nal­ver­packt, al­so neu!“Der Ver­käu­fer run­zel­te die Stirn. „So viel kann ich Ih­nen da­für bei Wei­tem nicht ge­ben. Aber ich schau mal nach.“Er be­gab sich hin­ter die Kas­sa, wo auch ein klei­ner PC stand, in dem er nun im In­ter­net nach der Auf­nah­me such­te. „Wol­len Sie sich nicht einst­wei­len um­schau­en, viel­leicht fin­den Sie et­was zum Tau­schen?“

Der Mann nick­te, ließ die CD lie­gen und be­gab sich zu den Opern­ge­samt­auf­nah­men. Da­bei wich er der Haydn-Sin­fo­nie-Su­che­rin aus, die auf dem Weg zu der beim La­den­aus­gang be­find­li­chen Schüt­te mit den Bil­lig-CDs um ei­nen Euro war. Der Neu­jahrs­kon­zer­te-Lieb­ha­ber wie­der­um hat­te sei­ne Su­che nach dem feh­len­den Kon­zert er­folg­los be­en­det, stö­ber­te kurz im Ope­ret­ten­be­reich her­um und be­gab sich dann eben­falls in Rich­tung Aus­gang.

Da sag­te der Mann, der „Po­li­u­to“ver­kau­fen woll­te: „Na, zum Tau­schen fin­det sich hier ge­nug. Da­zu muss ich aber erst mal wis­sen, wie viel Sie mir ge­ben für mei­nen ,Po­li-‘“– er brach mit­ten im Satz ab. „He! Wo ist mei­ne CD hin?“„Ih­re CD?“, frag­te der La­den­in­ha­ber. „Na, wo Sie sie hin­ge­legt ha­ben.“„Hier liegt sie aber nicht mehr! Ha­ben Sie sie mit zur Kas­sa mit­ge­nom­men?“„Nein.“„Dann gibt es nur ei­ne Mög­lich­keit“, sag­te der Mann und rief dem Neu­jahrs­kon­zer­te-Mann und der Haydn-Sin­fo­ni­en-Frau, die so­eben das Ge­schäft ver­las­sen woll­ten, „Ste­hen blei­ben!“nach. Die zwei ge­horch­ten auch tat­säch­lich. „Je­mand der drei hier an­we­sen­den Per­so­nen“– er deu­te­te auch auf Do­blho­fer –, „hat mei­ne CD ge­stoh­len! Sie wer­den mich ja hof­fent­lich in Ih­re Ta­schen schau­en las­sen?“

„Grund­sätz­lich gern, wenn ich ei­ne Ta­sche hät­te“, sag­te Do­blho­fer, der im­mer oh­ne Ta­sche un­ter­wegs war, freund­lich. Der Neu­jahrs­kon­zer­teF­reak hat­te ei­ne Stoff­um­häng­ta­sche über die Schul­ter ge­hängt und ent­geg­ne­te: „Kommt doch über­haupt nicht

BUCHSTABENBUND in­fra­ge! Ich las­se mich doch nicht von Ih­nen als Dieb be­schimp­fen.“

„Ich ha­be nicht ge­sagt, dass Sie der Dieb sind“, sag­te der Bestoh­le­ne. „Es könn­te auch die Da­me ne­ben Ih­nen mit dem Plas­tik­sa­ckerl sein.“

Die Frau nahm das Plas­tik­sa­ckerl ein we­nig fes­ter in die Hand. „Sie ha­ben kei­ne recht­li­che Hand­ha­be, in mein Sa­ckerl zu schau­en. Da­rin be­fin­den sich zwar ei­ni­ge CDs, aber sol­che, die ich zum Tau­schen hier­her­ge­bracht hät­te. Was sol­len wir Ih­nen denn über­haupt ge­stoh­len ha­ben?“

„Mei­ne wert­vol­le Opern-CD. Sie wa­ren na­he ge­nug, dass Sie von mir ge­hört ha­ben, dass sie über 100 Euro wert ist, und da ha­ben Sie sich ge­dacht, beim Hin­aus­ge­hen schnap­pen Sie sich die CD . . .“Der Mann und die Frau ga­ben zwar bei­de zu, das Ge­spräch des Man­nes mit dem Ge­schäfts­in­ha­ber am Ran­de mit­be­kom­men zu ha­ben, be­haup­te­ten aber, die CD gar nicht ge­se­hen zu ha­ben. „Wo­zu soll­te ich Ih­nen ei­ne CD steh­len? Ich ha­be et­wa 2000 CDs zu Hau­se“, sag­te Mrs. Haydn-Sin­fo­nie.

„Auch wenn sie an­geb­lich 133 Euro wert sein soll“, sag­te Mr. Neu­jahrs­kon­zert. „Wo­bei man die­sen Ama­zon-Prei­sen oh­ne­hin mit Vor­sicht be­geg­nen muss.“„Ich ma­che mir auch nichts aus Opern“, be­haup­te­te die Haydn-Lieb­ha­be­rin wei­ter. „Sin­fo­ni­en, da­für schlägt mein Herz. Was soll­te ich mit ei­ner un­be­kann­ten Do­ni­zet­ti-Oper an­fan­gen, wo ich mir nicht ein­mal ei­ne be­kann­te an­hö­ren wür­de.“

„Und Jo­se´ Car­re­ras wur­de mei­nes Erach­tens schon im­mer stark über­schätzt“, mein­te der Neu­jahrs­kon­zer­te-Mann. „Auch wenn es ei­ne Ju­gend­auf­nah­me ist.“„Al­les schön und gut“, mel­de­te sich Do­blho­fer zu Wort und wand­te sich an ei­ne der bei­den ver­däch­ti­gen Per­so­nen. „Aber Sie sind der Dieb. Sie ha­ben sich ver­ra­ten.“

Wen ver­däch­tigt Do­blho­fer? Lö­sung ©er ver­gŻn­ge­nen Wo­che: Irm­gŻr© Grün hŻt ©ie Lie­fe­rung über­nom­men. Sie weiß, ©Żss Bü­cher im PŻket wŻ­ren, ob­wohl PŻu­lŻ nichts ©er­glei­chen erw´hnt hŻt.

KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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