So ge­lehrt! Und so ver­gnüg­lich!

Um­ber­to Eco war ein groß­ar­ti­ger Wis­sen­schaft­ler und hat uns das Meis­ter­werk »Der Na­me der Ro­se« ge­schenkt. Nach­ruf auf ei­nen In­tel­lek­tu­el­len, der uns und sich selbst gern un­ter­hielt.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BET­TI­NA STEI­NER

Na­tür­lich kann man ein geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um ab­schlie­ßen, oh­ne je­mals Um­ber­to Eco ge­le­sen zu ha­ben. Man kann ja auch mit Halb­schu­hen auf den Groß­glock­ner stei­gen oder oh­ne Sau­er­stoff­fla­schen auf den Mount Eve­r­est. Und so ist es zum Bei­spiel mög­lich, sich in über­füll­ten und von über­las­te­ten As­sis­ten­ten ge­lei­te­ten Pro­se­mi­na­ren er­klä­ren zu las­sen, wie man ein The­ma ein­grenzt und ei­ne The­se ent­wi­ckelt. Oder man liest Ecos „Wie man ei­ne wis­sen­schaft­li­che Ab­schluss­ar­beit schreibt“, nicht mehr ganz up to da­te, was die Re­cher­che­Mög­lich­kei­ten be­trifft (1977!), aber sonst bis zum Rat­schlag „Wie man ver­hin­dert, dass man von sei­nem Be­treu­er aus­ge­nutzt wird“un­er­reicht.

Ge­nau­so gut kann man, wenn es um die Äs­t­he­tik der Mo­der­ne geht, zu­erst Ador­no le­sen. Und wenn es um Se­mio­tik geht: Roland Barthes. Aber man macht es sich nur un­nö­tig schwer. Bes­ser, man stu­diert vor­her Um­ber­to Ecos „Das of­fe­ne Kunst­werk“oder sei­ne „Ein­füh­rung in die Se­mio­tik“. Se­mio­ti­sches Spiel. Letz­te­res ist ei­nes der Haupt­wer­ke des als Sohn ei­nes Buch­hal­ters im Pie­mont ge­bo­re­nen Eco: Es ist ei­ne stu­pen­de, dif­fe­ren­zier­te, da­bei un­ter­halt­sa­me Ab­hand­lung über die Zei­chen – und da­bei ei­ne wun­der­ba­re Zu­recht­rü­ckung: Nein, bei der Se­mio­tik han­delt es sich nicht um ei­ne rät­sel­haf­te Or­chi­de­en-Wis­sen­schaft. Die Se­mio­tik ist viel­mehr ein Hand­werks­zeug für je­den, der sich wis­sen­schaft­lich, jour­na­lis­tisch und po­li­tisch mit Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­ein­an­der­setzt. Sie lehrt uns, wie je­des gu­te in­tel­lek­tu­el­le Rüst­zeug, zu un­ter­schei­den: zwi­schen Be­deu­tung und Ne­ben­be­deu­tung. Zu­fäl­li­gen und ab­sicht­lich ge­setz­ten Zei­chen. Zwi­schen Rauch, der uns auf Feu­er hin­weist, und Rauch, mit dem uns je­mand et­was mit­tei­len will.

Die „Ein­füh­rung in die Se­mio­tik“ist ein bei al­ler Sorg­falt reich­lich ver­spiel­tes Werk. Wie auch Roland Barthes hat es Um­ber­to Eco stets Spaß ge­macht, die Mög­lich­kei­ten sei­nes in­tel­lek­tu­el­len Se­zier­mes­sers aus­zu­tes­ten, und er hat sich da­bei auch an po­pu­lä­ren The­men ver­sucht. Das mach­te der Wis­sen­schaft­ler Eco ger­ne: Aus­pro­bie­ren, wo­zu sein Wis­sen denn tau­ge.

Ei­nes der ver­gnüg­lichs­ten Er­geb­nis­se die­ser Lust an der Pra­xis war der Ro­man „Der Na­me der Ro­se“. Eco war fast 50 Jah­re alt, als er ihn schrieb. Es war ein kal­ku­lier­ter Er­folg, wenn man denn solch ei­nen Er­folg kal­ku­lie­ren kann: Eco hat­te als Me­diä­vist das Wis­sen, ei­ne so pit­to­res­ke wie über­zeu­gen­de Ku­lis­se zu schaf­fen. Er kann­te sei­ne Er­zähl­theo­ri­en. War in der Phi­lo­so­phie der An­ti­ke zu­hau­se. Und wuss­te als Se­mio­ti­ker ge­nau, wo er wie wel­che Fähr­ten le­gen konn­te und wie weit ihm die Le­ser fol­gen wür­den. Raf­fi­niert bau­te er rund um ei­nen theo­lo­gi­schen Dis­kurs ei­nen Kri­mi: Wil­li­am von Bas­ker­vil­le und sein Ad­la­tus Ad­son von Melk er­in­nern an Sher­lock Hol­mes und sei­nen John Wat­son. Zweit­kar­rie­re als Ro­man­cier. „Der Na­me der Ro­se“hat­te au­ßer­dem ein The­ma, das heu­te noch bri­san­ter ist als da­mals: die Ver­dam­mung des Ver­gnü­gens durch die Re­li­gi­on. Der fun­da­men­ta­lis­ti­sche Bi­b­lio­the­kar der Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei hält näm­lich ei­nen Text von Aris­to­te­les über die Ko­mö­die ver­steckt. War­um? Weil er Hu­mor für ge­fähr­lich hält. Für got­tes­läs­ter­lich. Weil das La­chen den gläu­bi­gen Men­schen auf den fal­schen Weg füh­re: „Ko­mö­di­en wur­den ge­schrie­ben, um die Leu­te zum La­chen zu brin­gen, und das war schlecht“, sagt er. „Un­ser Herr Je­sus hat we­der Ko­mö­di­en noch Fa­beln er­zählt, aus­schließ­lich kla­re Glei­chun­gen, die uns al­le­go­risch leh­ren, wie wir ins Pa­ra­dies ge­lan­gen, und so soll es blei­ben.“

Der Ro­man wur­de zum Welter­folg und mit Se­an Con­ne­ry und Hel­mut Qu­al­tin­ger ver­filmt. Spä­te­re Wer­ke konn­ten in Prä­zi­si­on und Kon­sis­tenz an den Erst­ling nicht an­schlie­ßen. Doch „Das Fou­cault­sche Pen­del“(1988), „Bau­do­li­no“(2000) und „Der Fried­hof von Prag“(2010) fan­den in je­dem Fall ihr Pu­bli­kum. Ei­nes von Ecos Lieb­lings­the­men da­bei wa­ren die Ver­schwö­rungs­theo­ri­en: „Al­les, was in der Welt ge­schieht, wird ir­gend­ei­ner ge­heim­nis­vol­len Kraft zu­ge­schrie­ben, auf die wir kei­nen Ein­fluss ha­ben. Das ver­hin­dert, dass wir Ver­ant­wor­tung über-

Raf­fi­niert bau­te Eco rund um ei­nen theo­lo­gi­schen Dis­kurs ei­nen Kri­mi. Ei­nes von Um­ber­to Ecos Lieb­lings­the­men wa­ren die Ver­schwö­rungs­theo­ri­en.

neh­men“, mein­te er in ei­nem In­ter­view mit der „Pres­se“.

Um­ber­to Eco war ein emi­nent po­li­ti­scher Au­tor. In sei­nen ab 1985 un­ter dem Ti­tel „Streich­holz­brie­fe“er­schie­ne­nen Ko­lum­nen schrieb Eco un­ter an­de­rem ge­gen Ber­lus­co­ni an, 2002 schloss er sich der op­po­si­tio­nel­len Grup­pe „Li­ber­ta` e Gi­us­ti­zia“an. Erst vor we­ni­gen Mo­na­ten hat er ei­nen klei­nen Ver­lag „La na­ve di Te­seo“mit­ge­grün­det – aus Pro­test ge­gen Mo­no­po­li­sie­rungs­ten­den­zen der Bran­che.

In die­sem Ver­lag wird im Mai sein letz­ter Es­say er­schei­nen. Um­ber­to Eco litt an Krebs. Am Frei­tag ist er in sei­ner Woh­nung in Mai­land ge­stor­ben.

Ima­go

Der Wis­sen­schaft­ler und Schrift­stel­ler Um­ber­to Eco (1932–2016).

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