Plan B wie Bu­bi

Die Re­gie­rung agiert in ei­ner Kri­se aus­nahms­wei­se ge­eint. Mit der Not­maß­nah­me zur teil­wei­sen Grenz­schlie­ßung ste­hen Ös­ter­reich und die Bal­kan­län­der iso­liert da. Nicht zu Recht.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON R A I N E R N OWA K

End­lich. Wir sind wie­der auf den (Ti­tel-)Sei­ten eu­ro­päi­scher Ta­ges­zei­tun­gen. „Die Welt“spricht von ei­ner „Meis­ter­leis­tung eu­ro­päi­scher Staats­kunst“, „Die Süd­deut­sche“spöt­telt vom „Wie­ner Kon­gres­schen“und dem hilf­lo­sen Ver­such, die Flücht­lings­kri­se un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, deut­sche Bou­le­vard­me­di­en fei­ern Se­bas­ti­an Kurz mit Fo­to und dem da­zu­ge­hö­ri­gen Ti­tel: „Die­ses Bu­bi lässt Mer­kel alt aus­se­hen.“

Nun ja. Wenn, dann lässt Kurz mit sei­ner neu­es­ten Bal­kan-Initia­ti­ve die Eu­ro­päi­sche Uni­on und ihr bis­he­ri­ges völ­li­ges Schei­tern in der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik alt aus­se­hen.

Bei al­lem Re­spekt für Kurz, sei­ne Lob­hud­ler und sei­ne Kri­ti­ker: We­der war es gro­ße Staats­kunst noch ist es die be­geis­ter­te Über­nah­me der „Schur­ken­rol­le“, wie „Der Standard“hofft. Kurz hat er­kannt, dass der eu­ro­päi­sche Plan A we­gen der na­tio­nal­staat­li­chen Ego­is­men fast al­ler be­tei­lig­ter Staa­ten nicht funk­tio­niert. Al­so ent­wirft er ge­mein­sam mit süd­ost­eu­ro­päi­schen Län­dern ei­nen re­gio­na­len Plan B, der nichts an­de­res als die lo­gi­sche Re­ak­ti­on auf die Grenz­schlie­ßung Schwe­dens und die neue Po­li­tik Deutsch­lands seit ei­ni­gen Mo­na­ten dar­stellt. Wäh­rend An­ge­la Mer­kel auf Wirt­schafts­kon­gres­sen wie am Frei­tag wei­ter der of­fe­nen Flücht­lings­po­li­tik das Wort re­det, geht es an den Gren­zen längst an­ders zu: Tau­sen­de oh­ne Chan­ce auf Asyl wer­den nach Ös­ter­reich zu­rück­ge­wie­sen, und un­aus­ge­spro­chen wer­den Kon­tin­gen­te prak­ti­ziert.

So nie­der­träch­tig die bis­he­ri­ge EU-Po­li­tik ge­gen­über Ita­li­en war, die das Land seit Jah­ren al­lein­ge­las­sen hat: Wenn Je­anClau­de Juncker nun die Durch­wink-Pra­xis Ita­li­ens of­fi­zi­ell lobt, wird die EU-Li­nie lang­sam, aber si­cher ab­surd. Nur kurz zur Er­in­ne­rung: Ös­ter­reich hat ge­mes­sen an sei­ner Ein­woh­ner­zahl 2015 mehr Asyl­wer­ber als die meis­ten an­de­ren EU-Län­der auf­ge­nom­men – in ab­so­lu­ten Zah­len auch et­was mehr als Frank­reich. Zy­nisch, aber wahr: Grie­chen­land braucht mas­si­ve Hil­fe bei der Erst­ver­sor­gung der Flücht­lin­ge, die Wahr­schein­lich­keit, dass Hun­dert­tau­sen­de um Asyl und da­mit In­te­gra­ti­on im Land an­su­chen, ist nach den bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen über­schau­bar.

Das nun prak­ti­zier­te ös­ter­rei­chi­sche Flo­ria­ni­prin­zip ist durch­gän­gi­ges Mo­tiv in der Po­li­tik fast al­ler EU-Staa­ten. Wer Ziel der Asyl­wer­ber ist, will sie vor­her stop­pen, wer nicht, will sie schnell durch­win­ken. Aus­ge­rech­net der bis­he­ri­ge eu­ro­päi­sche Mus­ter­schü­ler Ös­ter­reich macht dies nun of­fi­zi­ell. Kurz hat von An­fang an auf ei­nen Punkt hin­ge­wie­sen: Wol­len ein­zel­ne Län­der nicht über­rannt wer­den, müs­se man sich auf un­schö­ne Sze­nen an den (Au­ßen-)Gren­zen vor­be­rei­ten, wie man sie aus der spa­ni­schen En­kla­ve Ceu­ta in Nord­afri­ka und aus dem Li­ba­non kennt, aber ge­müt­lich ver­drängt. Nun wer­den die­se Sze­nen nä­her kom­men.

Nichts­des­to­trotz hat Heinz Fi­scher recht, wenn er vor ei­ner wei­te­ren Es­ka­la­ti­on warnt. Ein biss­chen mehr (di­plo­ma­ti­sche) Em­pa­thie an­ge­sichts der mensch­li­chen Tra­gö­di­en und ge­gen­über Län­dern wie Grie­chen­land wä­re mehr als an­ge­bracht. Die Grenz­si­gna­le ha­ben wir ge­hört und ver­stan­den, nun wä­re es an der Zeit, ent­spre­chen­de hu­ma­ni­tä­re fol­gen zu las­sen.

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