»Ös­ter­reich ver­brei­tet Lü­gen«

Grie­chen­lands Au­ßen­mi­nis­ter, Ni­kos Kot­zi­as, über die di­plo­ma­ti­sche Es­ka­la­ti­on mit Wi­en, Ös­ter­reichs Po­li­tik der Spal­tung und die »Show« der Wie­ner In­nen­mi­nis­te­rin. Für Prä­si­dent Fi­scher hat er Lob üb­rig.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS VIEREGGE

Die Pres­se am Sonn­tag: War­um ha­ben Sie In­nen­mi­nis­te­rin Jo­han­na Mikl-Leit­ner aus­ge­la­den? War das ei­ne Re­tour­kut­sche für de­ren per­ma­nen­te Kri­tik an At­hen? Ni­kos Kot­zi­as: Das ist kein Re­van­chis­mus. Ös­ter­reich ist ein gu­ter Freund, ich mag die Ös­ter­rei­cher sehr und die ös­ter­rei­chi­sche Kul­tur noch mehr. Aber man kann nicht schimp­fen und Be­schlüs­se fas­sen, um zu ver­su­chen, ein EU-Mit­glied zu er­sti­cken. Und dann nur we­gen der Show nach At­hen kom­men. Wir brau­chen kei­ne Show, son­dern ei­ne Po­li­tik, die die In­te­gra­ti­on vor­an­bringt und die Ein­heit Eu­ro­pas ver­tei­digt. Wer ge­fähr­det die Ein­heit der EU? Ös­ter­reich be­treibt ei­ne Po­li­tik, die die Spal­tung der EU vor­an­trei­ben könn­te, und das be­rei­tet mir Sor­ge. Es hat viel Mü­he und Lei­den­schaft ge­kos­tet, die EU auf­zu­bau­en, und ich wer­de nicht zu­las­sen, dass sie in we­ni­gen Wo­chen und Mo­na­ten aus­ein­an­der­bricht. Wir ha­ben beim EU-Gip­fel in Brüs­sel ein­stim­mi­ge Be­schlüs­se ge­fasst. Ich fin­de es ei­gen­ar­tig, dass Be­schlüs­se, die Po­li­zei­be­am­te ge­fällt ha­ben, jetzt wich­ti­ger sein sol­len als die der Staats- und Re­gie­rungs­chefs. Es war die Bal­kan­kon­fe­renz in Wi­en, die schließ­lich zum Af­front und zur Ein­be­ru­fung der grie­chi­schen Bot­schaf­te­rin ge­führt hat. Füh­len Sie sich brüs­kiert? Das ist kei­ne Art und Wei­se, die gu­ten Be­zie­hun­gen zu för­dern. Das ha­be ich auch Au­ßen­mi­nis­ter Kurz ge­sagt: Ihr dis­ku­tiert über die Grenz­über­gän­ge, und das kann man auf den ers­ten Blick auch als eu­er gu­tes Recht be­trach­ten. Aber die Schlie­ßung der ma­ze­do­ni­schen Gren­ze be­trifft auch Grie­chen­land. Das ver­stößt ge­gen eu­ro­päi­sches Recht. Man muss end­lich die De­mo­kra­tie und das Recht be­rück­sich­ti­gen. Es kann nicht je­der ma­chen, was ihm gera­de ge­fällt, weil sonst das eu­ro­päi­sche Pro­jekt aus­ein­an­der­bricht. Ist der Vor­wurf be­rech­tigt, den Wi­en wie ein Man­tra vor­trägt, näm­lich dass Grie­chen­land die Au­ßen­gren­ze nicht aus­rei­chend si­che­re? Im Au­ßen­mi­nis­ter­rat in Brüs­sel ha­be ich im­mer ge­ant­wor­tet: Sol­len wir die Flücht­lin­ge bom­bar­die­ren? Dann sol­len die­je­ni­gen, die da­für sind, das durch­set­zen und die Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Im deutsch­spra­chi­gen Raum gab es meh­re­re Kräf­te, die da­für ein­ge­tre­ten sind, Waf­fen ge­gen Flücht­lin­ge ein­zu­set­zen. Nach meh­re­ren St­un­den oder auch Ta­gen ha­ben sie das zu­rück­ge­nom­men. War­um jetzt die di­plo­ma­ti­sche Es­ka­la­ti­on? Mich stö­ren die Lü­gen. Vor we­ni­gen Ta­gen ha­ben sich die EU-In­nen­mi­nis­ter ge­trof­fen. Wäh­rend der Sit­zung ist die ös­ter­rei­chi­sche In­nen­mi­nis­te­rin hin­aus­ge­gan­gen und hat ge­sagt, der grie­chi­sche In­nen­mi­nis­ter ha­be er­zählt, Grie­chen­land und auch Fron­tex sei­en nicht in der La­ge, die Gren­zen zu schüt­zen. Das hat un­ser Mi­nis­ter nie ge­sagt. Doch es wur­den sol­che Aus­sa­gen fa­bri­ziert, um Vor­wür­fe ge­gen uns zu er­he­ben. Das fin­de ich nicht schön. Wir wol­len kei­nen Al­lein­gang, son­dern ei­ne ver­nünf­ti­ge Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den EUStaa­ten. Pre­mier Tsi­pras hat von „Schan­de“ge­spro­chen, Ihr Vi­ze­mi­nis­ter von „feind­se­li­gem Akt“. Das ist doch ei­ne recht mar­tia­li­sche Rhe­to­rik. Wie ernst ist die Ver­stim­mung? Der ös­ter­rei­chi­sche Prä­si­dent hat ei­ne sehr gu­te Er­klä­rung ab­ge­ge­ben. Heinz Fi­scher hat eu­ro­päi­sche Er­fah­rung, ein his­to­ri­sches Be­wusst­sein und Ver­ständ­nis für das eu­ro­päi­sche Pro­jekt. Es gibt na­tür­lich in Ös­ter­reich – wie auch in an­de­ren Län­dern – Po­li­ti­ker, die nicht ein sol­ches Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ha­ben. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass wir Eu­ro­pa nicht ei­nen his­to­ri­schen Scha­den zu­fü­gen. Wenn Eu­ro­pa zu Bruch geht, weiß ich nicht, was mit un­se­rem Kon­ti­nent im 21. Jahr­hun­dert pas­siert. Wann wird die grie­chi­sche Bot­schaf­te­rin denn wie­der nach Wi­en zu­rück­keh­ren? Das kann ich nicht sa­gen. Ich ha­be sie zu­rück­be­ru­fen, um die Span­nun­gen ab­zu­bau­en und die Be­zie­hun­gen ab­zu­küh­len. Ich hof­fe, dass die ös­ter­rei­chi­sche Sei­te nicht wei­ter Lü­gen über uns ver­brei­tet und auf Fi­schers Li­nie ein­schwenkt. Er weiß ge­nau, was Eu­ro­pa ist und was Eu­ro­pa braucht. Wä­re ich Ös­ter­rei­cher, wä­re ich sehr stolz auf so ei­nen Po­li­ti­ker. Ist Grie­chen­land in der Flücht­lings­kri­se iso­liert? Füh­len Sie sich al­lein­ge­las­sen? Grie­chen­land hat mit sei­nen Tau­sen­den schö­nen In­seln, die die Göt­ter uns ge­schenkt ha­ben, ei­ne spe­zi­el­le geo­gra­fi­sche La­ge. Im Mo­ment ver­ur­sacht sie Pro­ble­me, weil vie­le ganz in der Nä­he der Tür­kei lie­gen. Po­li­tisch ist Grie­chen­land über­haupt nicht iso­liert. Die EU-Kom­mis­si­on, das EUPar­la­ment und 80 Pro­zent der EUMit­glie­der sind auf un­se­rer Li­nie. Wir sind nur geo­gra­fisch iso­liert. Ei­nes ist ku­ri­os: Vor ei­nem Jahr war die Re­gie­rung Mer­kel noch Zucht­meis­te­rin Grie­chen­lands in der Fi­nanz­kri­se. Jetzt ist sie fast so et­was wie ei­ne Ver­bün­de­te . . . Frau Mer­kel ver­folgt ei­nen sehr prag­ma­ti­schen Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik, und in die­sem Pro­blem ver­ste­hen wir ein­an­der bes­ser. Ich ha­be mit Au­ßen­mi­nis­ter St­ein­mei­er un­längst in Ber­lin über die merk­wür­di­ge Tat­sa­che ge­spro­chen, dass we­der Grie­chen­land noch Deutsch­land schuld an der Flücht­lings­kri­se sind und doch am meis­ten dar­un­ter lei­den. Das Flücht­lings­pro­blem ist sehr kom­pli­ziert. Man braucht kom­ple­xe, ver­nünf­ti­ge, de­mo­kra­ti­sche Ant­wor­ten und kei­ne ein­di­men­sio­na­len Vor­wür­fe. Kön­nen Sie sich ei­nen Son­der­de­al mit Deutsch­land vor­stel­len? Das Ver­nünf­tigs­te wä­re, die Flücht­lin­ge di­rekt aus der Tür­kei ab­zu­ho­len. Dann wür­den sie nicht in der Ägä­is ihr Le­ben aufs Spiel set­zen. Wird Grie­chen­land nach den Grenz­schlie­ßun­gen auf dem Bal­kan zum Park­platz für die Flücht­lin­ge? Blei­ben Sie auf den Flücht­lin­gen sit­zen? Es kann zu ei­ner hu­ma­ni­tä­ren Kri­se kom­men, es wer­den Tau­sen­de in Grie­chen­land fest­sit­zen. Gleich­zei­tig wer­den die Flücht­lin­ge an­de­re We­ge fin­den, nach Zen­tral- und Nord­eu­ro­pa zu ge­lan­gen. Das sind Men­schen, die mit al­len Mit­teln ver­su­chen, nach Eu­ro­pa zu kom­men. Sie wer­den nicht in den Krieg nach Sy­ri­en zu­rück­keh­ren. Was kann Grie­chen­land tun? Die USA ist mit Ab­stand das tech­no­lo­gisch höchst­ent­wi­ckel­te Land der Welt, sie ha­ben die bes­te Mau­er an der me­xika­ni­schen Gren­ze er­rich­tet, und da­hin­ter lie­gen Dut­zen­de Ki­lo- me­ter Wüs­te. Und trotz­dem sind 14 Mil­lio­nen il­le­ga­le Mi­gran­ten ins Land ge­kom­men. Wenn Men­schen aus ei­ner Not her­aus, we­gen Krieg, Hun­ger oder Per­spek­tiv­lo­sig­keit, aus­wan­dern wol­len, fin­den sie im­mer ei­nen Weg. Wer glaubt, ei­ne Gren­ze zu schlie­ßen hal­te die Strö­mung auf, hat ei­ne ge­stör­te his­to­ri­sche Di­men­si­on. Wie soll man das ver­hin­dern: al­le Gren­zen zu, mit mi­li­tä­ri­schen Maß­nah­men? Das ist nicht sehr ra­tio­nal. Es ist ei­ne Il­lu­si­on, zu glau­ben, dass kei­ne Flücht­lin­ge mehr nach Eu­ro­pa kom­men wer­den, wenn man Grie­chen­land ab­rie­gelt.

Aka­de­mi­sche Kar­rie­re

Ge­bo­ren 1950 in At­hen, en­ga­gier­te sich Ni­kos Kot­zi­as zu Be­ginn der 1970erJah­re als Stu­dent ge­gen das Mi­li­tär­re­gime in Grie­chen­land. Er war Mit­glied im Zen­tral­ko­mi­tee der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, ist in­zwi­schen aber par­tei­los. Er stu­dier­te VWL und Po­li­tik­wis­sen­schaft in At­hen und spä­ter an der Uni­ver­si­tät Gie­ßen in Deutsch­land (wie fast zur sel­ben Zeit auch der deut­sche Au­ßen­mi­nis­ter, Fran­kWal­ter St­ein­mei­er). Als Wis­sen­schaft­ler wirk­te er in Har­vard und Ox­ford, und er kehr­te noch ein­mal nach Deutsch­land zu­rück – an die Uni Mar­burg. Ne­ben po­li­ti­schen Schrif­ten hat er auch ei­nen Ge­dicht­band ver­öf­fent­licht.

Di­plo­ma­ten­kar­rie­re

In den 1990er-Jah­ren wech­sel­te Kot­zi­as als EU-Ex­per­te in den di­plo­ma­ti­schen Di­enst als Be­ra­ter des Au­ßen­mi­nis­ters und spä­te­ren Pre­miers Gior­gos Pa­pand­reou (Pa­sok). Da­zwi­schen kehr­te er als Po­li­to­lo­gie­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Pi­rä­us in die aka­de­mi­sche Welt zu­rück. Seit 13 Mo­na­ten am­tiert er als Au­ßen­mi­nis­ter der Re­gie­rung Tsi­pras.

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