Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA STEI­NER

Es ist et­was Selt­sa­mes mit Caf´es. Ich kau­fe dort nicht ein­fach ei­nen Lat­te mac­chia­to oder ei­nen gro­ßen Brau­nen. Son­dern pa­ra­do­xer­wei­se Ru­he.

Ge­schlos­sen. Das Ca­fe´ ums Eck hat ge­schlos­sen. Nicht nur heu­te, nicht nur mor­gen, kein Ru­he­tag ist schuld, und es ist auch nicht gera­de Sperr­stun­de: für im­mer. Wo man frü­her durch ho­he Schei­ben ei­nen Blick auf Zei­tung le­sen­de Da­men und beim gro­ßen Brau­nen sich ver­stän­di­gen­de Her­ren wer­fen konn­te, auf rot-sam­te­ne Bän­ke und ei­ne The­ke aus Holz, sieht man nur mehr brei­te Bah­nen grau­brau­nen Pack­pa­piers. Das Schild mit den Öff­nungs­zei­ten ist ab­mon­tiert, der Scha­ni­gar­ten wird erst gar nicht mehr auf­ge­baut.

Scha­de. Da­bei war ich gar nicht so oft dort. Ei­gent­lich nur, wenn je­mand ein Tref­fen dort vor­ge­schla­gen hat­te. Oder wenn im alt­an­ge­stamm­ten Lo­kal ein paar Schrit­te wei­ter kein Platz mehr frei war. Oder im Früh­ling: Da konn­te man sich drau­ßen bei ei­nem Eis­ca­fe´ die sanft wär­men­de Son­ne ins Ge­sicht schei­nen las­sen, so­bald sie am Nach­mit­tag den Weg in die schma­le Gas­se fand.

Ein biss­chen plagt mich das Ge­wis­sen: Ir­gend­wie bin ich im al­ten Trott ver­har­ren­de Kon­su­men­tin ja mit­ver­ant­wort­lich, dass der freund­li­che Be­trei­ber auf­ge­ben muss­te und in den Schau­fens­tern bald Ko­s­tü­me, Schals und Pull­over hän­gen wer­den, weil sich in die­ser Stadt im Mo­ment ja al­les in ei­ne Bou­tique zu ver­wan­deln scheint. Als brauch­ten die Be­woh­ner un­un­ter­bro­chen neue Sa­chen zum An­zie­hen und nicht viel eher Schin­ken-Kä­se-To­ast, ein klei­nes Gu­lasch und Kell­ner, die gar nicht so gran­tig sind, wie al­le im­mer tun. Be­steck klap­pert. Es ist et­was Selt­sa­mes mit Kaf­fee­häu­sern. Ich kau­fe dort nicht ein­fach ei­nen Lat­te mac­chia­to, son­dern Ru­he: Wenn rund­her­um das Be­steck klap­pert und die Glä­ser klin­gen, wenn am Ne­ben­tisch links und am Ne­ben­tisch rechts und auch am Tisch ge­gen­über die Men­schen plau­dern und strei­ten, sich be­spre­chen und ver­söh­nen, wenn hier ei­ner die Rech­nung ver­langt und sich dort ei­ne gan­ze Grup­pe um­ständ­lich nie­der­lässt, nicht oh­ne zu fra­gen, ob der Ses­sel da drü­ben eh noch frei ist. Wenn Krach ist und Be­we­gung und es so laut ist, dass ich nicht ein­mal mehr mein Han­dy hö­re, wie es in der Ta­sche vor sich hin bim­melt, dann wird es in mir ru­hig, so ru­hig wie im Au­ge ei­nes Hur­ri­kans – zu­min­dest sagt man doch, es sei dort un­glaub­lich ru­hig.

Ich kann dann le­sen oder schrei­ben oder in die Luft star­ren, man um­sorgt mich und tischt mir ei­nen Ap­fel­stru­del mit ganz viel Schlag auf, manch­mal tref­fe ich zu­fäl­lig je­man­den, den ich ken­ne, aber er wird sich nicht an mei­nen Tisch set­zen, son­dern mich nur freund­lich grü­ßen und dann wei­ter­zie­hen.

Und nor­ma­ler­wei­se weiß ich: Ich kann je­der­zeit wie­der­kom­men.

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