Pri­vat statt Staat bei Mu­se­en

Ma­ler Ger­hard Rich­ter setzt sich gera­de für den Er­halt des Mu­se­ums Mors­broich ein. Wer­den staat­li­che Mu­se­en lang­sam von pri­va­ten er­setzt?

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON SA­BI­NE B. VO­GEL

Wer Kunst se­hen woll­te, muss­te frü­her in Kir­chen ge­hen. Hier und da stan­den noch Skulp­tu­ren im Stadt­raum, aber Samm­lun­gen wa­ren bis ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein rein pri­vat. Erst 1734 er­öff­ne­te das ers­te Mu­se­um in Rom. Es folg­te ei­ne Zeit, in der Kunst als Ei­gen­tum der Na­ti­on und zur Bil­dung des Vol­kes be­trach­tet wur­de. Knapp 300 Jah­re spä­ter hat sich das ge­än­dert: Wäh­rend heu­te die staat­li­chen Mu­se­en mit Bud­get­kür­zun­gen bis Schlie­ßun­gen kämp­fen, boo­men Pri­vat­mu­se­en.

Das US-ame­ri­ka­ni­sche In­ter­net­Ma­ga­zin Lar­ry’s List ver­öf­fent­lich­te jüngst den „Pri­va­te Art Mu­se­um Re­port“. Da­für wur­den an 317 pri­vat ge­grün­de­te Mu­se­en in 45 Län­dern Fra­ge­bö­gen ver­schickt, die 160 be­ant­wor­te­ten. Die Aus­wahl kon­zen­trier­te sich auf öf­fent­lich zu­gäng­li­che Samm­lun­gen im Pri­vat­be­sitz.

Die Aus­wer­tun­gen sind er­staun­lich: 71 Pro­zent al­ler Pri­vat­mu­se­en ent­stan­den in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren. 45 Pro­zent al­ler neu­en Mu­se­en wur­den in Eu­ro­pa ge­grün­det, ge­folgt von 33 Pro­zent in Asi­en. Im Städ­te-Ran­king ent­stan­den die meis­ten in Seo­ul (13 Mu­se­en), Ber­lin und Pe­king (je neun), trotz Wirt­schafts­kri­se so­gar sie­ben Pri­vat­mu­se­en in At­hen. Im Län­der­ver­gleich lie­gen Süd­ko­rea (45), die USA (43) und Deutsch­land (42) vorn, ge­folgt von Chi­na (26), Ita­li­en (19) und Frank­reich (zehn). Ei­ne Re­cher­che, ob mä­ze­na­ti­sches En­ga­ge­ment mit Schen­kun­gen an und fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zun­gen von öf­fent­li­chen Mu­se­en im sel­ben Zei­t­raum zu- oder ab­nahm, steht üb­ri­gens noch aus. Wann ist ei­ne Samm­lung ein Mu­se­um? Aber ab wann kön­nen Pri­vat­in­itia­ti­ven über­haupt als Mu­se­um be­zeich­net wer­den? Das wird in der Stu­die elas­tisch ge­hand­habt, denn dar­un­ter fällt in Ber­lin et­wa die Samm­lung Hoff­mann, die sams­tags ihr „Zu­hau­se“öff­net, wie es auf ih­rer In­ter­net­sei­te heißt. Auch die Samm­lung Spring­mei­er ist „ge­leb­te Al­li­anz von Kunst und Woh­nen“, „Be­sich­ti­gun­gen ge­le­gent­lich mög­lich“, zu le­sen im „BMW Art Gui­de by In­de­pen­dent Collec­tors“.

Gera­de in der drit­ten, er­wei­ter­ten Auf­la­ge im Ver­lag Hat­je Cantz er­schie­nen, lis­tet die­ser Füh­rer 236 Samm­lun­gen in 39 Län­dern auf. In Ös­ter­reich sind sechs Einträge ver­zeich­net, dar­un­ter auch die Pri­vat­mu­se­en von Her­bert Lia­u­nig (Neu­haus), Heinz Jo­sef An­ger­leh­ner (Wels) und Karl­heinz Essl (Klos­t­er­neu­burg). Auf die drei trifft die De­fi­ni­ti­on des In­ter­na­tio­na­len Mu­se­ums­ra­tes (ICOM) durch­aus zu: „Ein Mu­se­um ist ei­ne ge­mein­nüt­zi­ge, stän­di­ge, der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­li­che Ein­rich­tung im Di­ens­te der Ge­sell­schaft und ih­rer Ent­wick­lung, die zu Stu­di­en und Bil­dungs­zwe­cken, zu Freu­de, Spaß und Ge­nuss ma­te­ri­el­le Zeug­nis­se von Men­schen und ih­rer Umwelt be­schafft, be­wahrt, er­forscht, be­kannt macht und aus­stellt.“ For­schungs- weicht Bil­dungs­auf­trag. Zwar er­fül­len die Pri­vat­mu­se­en kaum den For­schungs­auf­trag, aber der ist so­wie­so zu­neh­mend dem Bil­dungs­an­lie­gen ge­wi­chen – wo­zu auch ge­hört, dass Mu­se­en Vor­aus­set­zun­gen für kul­tu­rel­le In­te­gra­ti­ons­pro­zes­se und in­ter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz schaf­fen. Das al­ler­dings ist ein An­lie­gen, das die Pri­va­ten bis­wei­len ei­gen­wil­lig er­fül­len: Laut dem Re­port be­sitzt die Hälf­te al­ler be­frag­ten Pri­vat­samm­lun­gen US-ame­ri­ka­ni­sche Künst­ler, 15 Pro­zent ha­ben Wer­ke von An­dy War­hol, neun Pro­zent Bil­der von An­selm Kie­fer, Ger­hard Rich­ter und Da­mi­en Hirst, acht Pro­zent von Pa­blo Pi­cas­so.

In den ita­lie­ni­schen Pri­vat­mu­se­en be­sitzt ein Drit­tel ein Werk von Mau­ri­zio Cat­telan, ge­folgt von Fo­to­gra­fi­en von Tho­mas Ruff – be­rühm­te Na­men die­nen of­fen­bar da­zu, das Port­fo­lio auf­zu­wer­ten. Das hat al­ler­dings ei­ne fa­ta­le Fol­ge: ei­ne welt­wei­te Stan­dar­di­sie­rung. Da­zu passt ei­ne wei­te­re Zahl: 43 Pro­zent die­ser Häu­ser ha­ben we­ni­ger als 500 Kunst­wer­ke in der Samm­lung, 38 Pro­zent we­ni­ger als fünf Mit­ar­bei­ter und nicht ein­mal die Hälf­te or­ga­ni­siert min­des­tens drei Aus­stel­lun­gen pro Jahr. „Ich se­he das Kon­zept des Mu­se­ums im 21. Jahr­hun­dert als Schau­la­ger“, for­mu­liert es der bel­gi­sche Samm­ler Wal­ter Van­haer­ents pas­send.

Na­he­zu je­der Mu­se­ums­grün­der be­tont, sei­ne Lie­be zur Kunst tei­len zu wol­len. Das chi­ne­si­sche Samm­ler­paar Liu Yi­gi­an und Wang Wei, das gleich zwei Mu­se­en in Shanghai be­sitzt: „Kunst­wer­ke sind nichts an­de­res als Ob­jek­te, wenn sie nur in ei­nem La­ger ste­hen.“

Von den 160 Rück­ant­wor­ten an Lar­ry’s List ga­ben al­ler­dings 19 Pro­zent an, we­ni­ger als 2500 Be­su­cher pro Jahr zu ha­ben, wei­te­re 19 Pro­zent nann­ten bis zu 5000 Be­su­cher. Im­mer­hin ein Drit­tel no­tier­te 20.000. Die Hälf­te der Pri­vat­mu­se­en zeigt aus­schließ­lich ih­ren ei­ge­nen Be­sitz. Man­che spre­chen aber auch aus, was an­de­re be­fürch­ten: „Ich ha­be ein pri­va­tes Mu­se­um ge­grün­det, weil ich glau­be, dass ich gu­te Kunst er­ken­nen kann“, be­schreibt Sa­vina Lee aus Seo­ul selbst­be­wusst ih­re Mo­ti­va­ti­on – ihr Mu­se­um wur­de üb­ri­gens 1996 als Gal­le­ry Sa­vina ge­grün­det und 2002 in Sal­vina-Mu­se­um um­be­nannt. Da fragt man sich doch et­was bang, wie viel Ein­fluss sol­che Häu­ser auf die künf­ti­ge Kunst­ge­schich­te neh­men wer­den. Künst­ler ver­kau­fen lie­ber an Mu­se­en. Ein Künst­ler wünsch­te sich jüngst, sein neu­es, ihm be­son­ders wich­ti­ges Werk mö­ge bit­te nur an ein Mu­se­um, nicht an ei­nen Pri­vat­kun­den ver­kauft wer­den – was, wenn es da im­mer sel­te­ner ei­nen Un­ter­schied gibt? Und staat­li­che Mu­se­en sich ein Werk für 140.000 Euro schlicht gar nicht mehr leis­ten kön­nen? Oder sol­che Aus­stel­lun­gen, wie es die Foun­da­ti­on Lou­is Vuit­ton in Pa­ris mit groß­ar­ti­gen Mu­se­ums­leih­ga­ben ver­an­stal­tet?

Schlim­mer noch: In Deutsch­land steht gera­de ei­ne Mu­se­ums­schlie­ßung zur De­bat­te. Sehr kurz­sich­ti­ge Wirt­schafts­prü­fer der Ge­sell­schaft KPMG schla­gen der Stadt Le­ver­ku­sen vor, das Mu­se­um Schloss Mors­broich in­klu­si­ve De­pot zu op­fern, 778.45 Euro pro Jahr wür­de das an Ein­spa­rung aus­ma­chen. Und in Klam­mern: „Ver­kaufs­er­lö­se der Kunst­wer­ke sind hier nicht ent­hal­ten.“Das ver­an­lass­te den deut­schen Ma­ler Ger­hard Rich­ter zu ei­nem of­fe­nen Brief an den Ober­bür­ger­meis­ter: „Ei­ne öf­fent­li­che Samm­lung ist kei­ne Geld­an­la­ge, die ja nach Kas­sen­la­ge geplündert wer­den kann. Sie ist ein Stück Kunst­ge­schich­te und re­prä­sen­tiert das Ge­dächt­nis ih­rer Trä­ger“, schreibt Rich­ter. Für Pri­vat­mu­se­en gilt die­ser Satz nicht – hof­fen wir, dass die staat­li­chen Mu­se­en den Bil­dungs­auf­trag nicht ab­ge­ben.

Be­rühm­te Na­men wer­ten das Port­fo­lio auf, sor­gen aber für welt­wei­te Stan­dar­di­sie­rung.

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