»Schrei­ben ist kein Trost fürs Ver­lie­ren«

Im Jahr 2005 gab Micha­el Igna­tieff ei­ne ruhm­vol­le Kar­rie­re als Har­vard-Pro­fes­sor auf und woll­te Ka­na­das Pre­mier­mi­nis­ter wer­den. Nach sechs Jah­ren war er da­mit ge­schei­tert. Im Ge­spräch mit der »Pres­se am Sonn­tag« er­klärt er, war­um so vie­le Po­li­ti­ker Op­fer

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON OLI­VER GRIMM

In Ih­rem Buch schrei­ben Sie: „Das Schei­tern ist ein gro­ßer Leh­rer, und ich ha­be all sei­ne Lek­tio­nen ge­lernt.“Was war die wich­tigs­te? Micha­el Igna­tieff: Man muss vor­her wis­sen, wer man ist, wie­so man Po­li­tik ma­chen will und für wen. Das ha­be ich nicht ernst ge­nug be­folgt. Ich wur­de ge­be­ten zu kan­di­die­ren. Ich den­ke, ich woll­te es für mich selbst. Ich ha­be lan­ge Zeit ge­braucht, um das ein­zu­se­hen. Ich bin ein aka­de­misch ge­bil­de­ter In­tel­lek­tu­el­ler aus der Mit­tel­schicht, und ich hat­te enor­me Pro­ble­me, die Men­schen zu er­rei­chen, weil sie dach­ten: Der macht das nur für sich selbst, nicht für uns. Die Ne­ga­tiv­kam­pa­gnen ge­gen mich grif­fen ge­nau die­sen Punkt auf. Das ist das Dra­ma: Ein gro­ßer Po­li­ti­ker kann vie­le Schwä­chen ha­ben, aber die Men­schen wer­den ihm ver­zei­hen, wenn sie das ein­fa­che Ge­fühl ha­ben, dass er für sie ein­steht. Sie er­wäh­nen in Ih­rem Buch die Be­deu­tung der Fortu­na – dass man als Po­li­ti­ker ein Ge­schick für den Mo­ment braucht. Ja. Gro­ße Po­li­ti­ker be­herr­schen die Zeit. Po­li­tik ist nicht nur die Kunst des Mög­li­chen, son­dern die Kunst des jetzt Mög­li­chen. Ma­chia­vel­li hat ge­sagt: Wer die Be­deu­tung von Fortu­na nicht ver­steht, al­so den Um­stand, dass man den Fluss der Zeit nicht kon­trol­lie­ren kann, der ist po­li­tisch na­iv. Es ist ei­ne Form der Ar­ro­ganz zu glau­ben, dass al­les ge­mäß des ei­ge­nen Plans ge­schieht. Sie spre­chen auch den Kon­flikt von In­stinkt und In­tel­lekt in der Po­li­tik an. Wenn man sich das po­li­ti­sche Ge­sche­hen in vie­len Län­dern an­sieht, hat man den Ein­druck, dass der Kopf in neun von zehn Fäl­len ge­gen den Bauch ver­liert. Ist Po­li­tik nur ein Spiel für Op­por­tu­nis­ten, die von ih­rem Rep­ti­li­en­hirn ge­steu­ert wer­den? Ein ge­wis­ses Maß an Rep­ti­li­en­hirn ist in der Po­li­tik ziem­lich nütz­lich – al­so ei­ne Ag­gres­si­vi­tät, ein Bauch­ge­fühl. Ich bin sehr be­ein­druckt da­von, wie un­glaub­lich geis­tes­ge­gen­wär­tig ein gu­ter Po­li­ti­ker ist. Nichts, was ich in mei­nem Le­ben ge­macht ha­be, war in­tel­lek­tu­ell so an­spruchs­voll wie Po­li­tik. Den Leu­ten ist das nicht be­wusst. Man muss ei­ne un­glaub­li­che Band­brei­te an The­men be­herr­schen, viel mehr, als es je­der Aka­de­mi­ker oder Jour­na­list tut. Denn man weiß nie, aus wel­cher Rich­tung die nächs­te Fra­ge kom­men wird. Hat sich Ihr Blick auf Po­li­ti­ker ge­än­dert? Selt­sa­mer­wei­se ha­be ich die Po­li­tik mit mehr Re­spekt für die gu­ten Po­li­ti­ker ver­las­sen, als ich ihn an­fangs hat­te. Nie­mand mag Po­li­ti­ker, je­der be­geg­net ih­nen mit Zy­nis­mus – aber ein ge­schick­ter, ehr­li­cher Po­li­ti­ker ist ein gro­ßer Se­gen für ein Land. Ihr Land ist er­folg­reich und wohl­ha­bend, weil sie seit 1955 von zu­min­dest halb­wegs an­stän­di­gen Po­li­ti­kern re­giert wur­den. Was ge­hört noch zu ei­nem gu­ten Po­li­ti­ker? Ver­schwie­gen­heit. Ich tre­te nicht für das Lü­gen ein, aber man muss mit man­chen De­tails spar­sam um­ge­hen. To­ny Blair hat das wun­der­bar auf den Punkt ge­bracht: Du sitzt ru­hig und ge­las­sen an ei­nem Kon­fe­renz­tisch, wäh­rend die Jour­na­lis­ten nicht se­hen, dass dei­ne Fü­ße un­ter dem Tisch wie wahn­sin­nig in die Pe­da­le tre­ten, um das Fahr­rad auf­recht zu hal­ten. Das ist ei­ne Kunst, Ge­las­sen­heit und Zu­ver­sicht aus­zu­strah­len, wäh­rend hin­ter dir die ei­ge­ne Par­tei vor lau­ter Strei­te­rei­en die Mö­bel kurz und klein schlägt. Ich hat­te kein Po­ker­face. Ich konn­te in­ne­re Be­un­ru­hi­gung nicht mas­kie­ren . . . . . . die Po­li­tik der ru­hi­gen Hand, von der der deut­sche Kanz­ler Ger­hard Schrö­der sprach.

1947

Ge­burt in To­ron­to. Va­ter Ge­or­ge war Di­plo­mat und am Plan für ei­ne Frie­dens­trup­pe in Su­ez be­tei­ligt, für die Pre­mier­mi­nis­ter Les­ter Pe­ar­son 1957 den Frie­dens­no­bel­preis er­hielt. Sein Groß­va­ter, Graf Pa­vel Ignat­jew, war der letz­te za­ris­ti­sche Bil­dungs­mi­nis­ter.

1976–2005

Hoch­ran­gi­ge aka­de­mi­sche Pos­ten an der Uni­ver­si­ty of Bri­tish Co­lum­bia, in Cam­bridge, an der ´Eco­le des Hau­tes ´Etu­des en Sci­en­ces So­cia­les in Pa­ris und in Har­vard.

2005–2011

Rück­kehr nach Ka­na­da, um als Vor­sit­zen­der der Li­be­ral Par­ty Pre­mier­mi­nis­ter zu wer­den. 2009 bis 2011 Op­po­si­ti­ons­füh­rer.

2013

Rück­kehr nach Har­vard. Ver­öf­fent­li­chung von „Fi­re and As­hes: Suc­cess and Failu­re in Po­li­tics“. Ja. Denn in ei­ner stän­di­gen Fol­ge von Kri­sen, in der al­le die Ner­ven ver­lie­ren und je­der Jour­na­list sagt, dass der Kerl da ab­stürzt, ist die ru­hi­ge, ent­schie­de­ne Hand ei­ne Ga­be. Aber nie­mand weiß, dass man in­ner­lich zit­tert. Wie soll ei­ne Po­li­ti­ke­rin wie An­ge­la Mer­kel mit der Flücht­lings­kri­se um­ge­hen? Es gibt gu­te mo­ra­li­sche, recht­li­che, öko­no­mi­sche Grün­de, die­se Men­schen auf­zu­neh­men. Aber wenn ei­ne Mehr­heit der Bür­ger sagt, es sind zu vie­le, hat man ein Di­lem­ma. Ein Po­li­ti­ker, der die Kon­trol­le über die Gren­zen sei­nes Lan­des ver­liert, ist ein Po­li­ti­ker, der die Macht ver­liert. In Deutsch­land gibt es das Ge­fühl, dass Mer­kel viel­leicht nicht un­be­dingt das Fal­sche ge­tan hat, aber dass ihr die Kon­trol­le ent­glit­ten ist. Die­se muss sie wie­der­er­lan­gen. Und sie hat nur ei­ne be­grenz­te Zeit da­für. Sie kann zu­dem kei­ne fal­schen Lö­sun­gen ver­spre­chen: We­der Eu­ro­pa noch Ame­ri­ka wird ihr hel­fen, sie ist al­lein. Es wä­re aber falsch und wür­de ihr po­li­ti­sches Er­be be­schä­di­gen, wenn sie jetzt sa­gen wür­de: Oh, das war al­les ein gro­ßer Feh­ler. In der Po­li­tik ist Ad­di­ti­on mög­lich, Sub­trak­ti­on aber sehr schwie­rig. Es ist mög­lich vor­an­zu­schrei­ten, die Um­kehr aber ist ex­trem schwie­rig. Trifft man Po­li­ti­ker, ist man er­staunt, wie um­gäng­lich sie sind – an­ders, als sie in den Me­di­en wir­ken. Sie sa­gen: Po­li­tik muss kör­per­lich blei­ben, weil Ver­trau­en kör­per­lich ist. Wie funk­tio­niert das im Zeit­al­ter von Face­book und Twit­ter? Ich ha­be es ge­liebt, mit ein paar Leu­ten in ei­nem Zim­mer zu­sam­men­zu­sit­zen und sich ein­fach nur ih­re Pro­ble­me an­zu­hö­ren, oh­ne Ka­me­ras und so. Das öf­fent­li­che Spiel hin­ge­gen ist viel schwie­ri­ger. Wä­re ich jetzt noch in der Po­li­tik, wä­re das ein ganz an­de­res In­ter­view. Mei­ne Ant­wor­ten wä­ren viel kür­zer, und ich wür­de stän­dig dar­an den­ken, wie Sie mich hin­ein­le­gen. Das ist nicht per­sön­lich. Ich wür­de mich stän­dig fra­gen: Wie wird das auf dem Ti­tel­blatt aus­se­hen? Ich ha­be ei­ni­ge Ma­le bloß zwei Sät­ze zu viel ge­sagt – und dann sechs Mo­na­te da­mit ver­bracht, den Scher­ben­hau­fen auf­zu­keh­ren. Man legt al­so ei­ne Rüs­tung an, schlüpft in ei­ne Rol­le, wägt stän­dig Ris­ken ab, und dann schrumpft man die Spra­che ein, bis sie im­mer we­ni­ger aus­sagt und mehr zu ei­ner Bot­schaft wird, die man wie­der­holt. Ich ha­be das ge­hasst, denn ich ha­be stets ge­sagt und ge­schrie­ben, was ich mir den­ke. Sind Do­nald Trump und Ber­nie San­ders dar­um so be­liebt, weil sie of­fen­sicht­lich oh­ne Hem­mun­gen sa­gen, was sie den­ken? Zu­min­dest oh­ne of­fen­kun­di­ge Hem­mun­gen. Der Trick ist, die Din­ge beim Na­men zu nen­nen, oh­ne sich selbst ins Knie zu schie­ßen. Ich wur­de in der Öf­fent­lich­keit im­mer vor­sich­ti­ger. Nach ei­ni­ger Zeit er­stickt ei­nen das, und die Mas­ke wird das öf­fent­li­che Ge­sicht. Die gro­ßen Po­li­ti­ker schaf­fen es, hu­mor­voll-iro­nisch zu blei­ben, oh­ne ih­re Kar­rie­re zu be­en­den. Für vie­le Men­schen sieht es so aus, als wür­den sie seit Jahr­zehn­ten von den­sel­ben Po­li­ti­kern re­giert, und wenn die­se aus­nahms­wei­se ei­ne Wahl ver­lie­ren, fin­det sich stets ein gut be­zahl­ter Ver­sor­gungs­pos­ten. Es gibt im ge­sam­ten Wes­ten ein sehr tie­fes Ge­fühl der Ent­frem­dung von der po­li­ti­schen Klas­se. Ei­ne Er­klä­rung da­für ist, dass die Leu­te mit An­fang 20 di­rekt in die po­li­ti­schen Stä­be wech­seln und nie et­was an­de­res ma­chen. Die­se Leu­te sind im engs­ten Wort­sinn ei­ne po­li­ti­sche Klas­se, die bloß ei­ne Kar­rie­re ver­folgt. Ei­ne wei­te­re Er­klä­rung sind der end­lo­se Nach­rich­ten­zy­klus und die so­zia­len Me­di­en. Pa­ra­do­xer­wei­se ver­rin­gert mehr Öf­fent­lich­keit die Le­gi­ti­mi­tät der Po­li­ti­ker. Er­folg­rei­che Po­li­ti- . . . was Ihr Nach­fol­ger Jus­tin Tru­deau hat, das Ih­nen fehl­te, um Pre­mier­mi­nis­ter zu wer­den? Klar. Er ist 25 Jah­re jün­ger und heißt Tru­deau. Das mei­ne ich nicht bös­ar­tig. Er hat ei­nen wirk­lich gu­ten Wahl­kampf ge­führt und ver­dient, Pre­mier­mi­nis­ter zu sein. Dar­über bin ich wirk­lich froh. . . . ob Sie nach Ih­rer Nie­der­la­ge ei­ne Block­hüt­te ge­baut ha­ben, wie es Ih­nen ein Freund riet? Nein. Aber mei­ne Frau und ich ha­ben ein klei­nes Haus am Ba­la­ton, ein stil­les Pa­ra­dies, wo ich qua­si der Dorf­trot­tel bin, weil ich kein Un­ga­risch spre­che. . . . was ge­we­sen wä­re, hät­te Ihr Groß­va­ter nicht vor den Bol­sche­wi­ken flie­hen müs­sen? Ich wä­re heu­te Rus­se. Mei­ne Groß­el­tern wa­ren rus­si­sche Ade­li­ge, die in den 1920er-Jah­ren mit Nan­sen-Päs­sen für Staa­ten­lo­se reis­ten. Ich ken­ne nichts Ver­zwei­fel­te­res als die Fo­tos in die­sen Päs­sen: den An­blick von ei­ge­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­dern, die Er­schöp­fung, Flücht­ling zu sein. ker ra­tio­nie­ren ih­re öf­fent­li­chen Auf­trit­te sehr streng und sa­gen so we­nig wie mög­lich. Sie wis­sen näm­lich, dass sie ihr Ka­pi­tal ver­schwen­den. Je sicht­ba­rer man ist, des­to mehr Ver­ach­tung ruft man her­vor. Dar­um ist man stän­dig auf der Hut. Und das pro­du­ziert die­se er­bärm­li­chen Fi­gu­ren, die nie sa­gen, was sie mei­nen. Kein schö­ner An­blick. Die Men­schen ver­ab­scheu­en die­se Art von po­li­ti­scher Klas­se, und ich den­ke, zu Recht. Ich möch­te von je­man­dem ver­tre­ten wer­den, der weiß, was es heißt, Ge­häl­ter zu zah­len, der sich we­gen der In­sol­venz sorgt, ei­ne Fa­mi­lie ge­grün­det und Er­fah­rung in in­ter­na­tio­na­len An­ge­le­gen­hei­ten hat – und es sich leis­ten kann zu ver­lie­ren. Denn ein Grund da­für, dass die Po­li­tik so ängst­lich ist, liegt da­rin, dass die Leu­te nir­gend­wo­hin kön­nen, wenn sie ver­lie­ren. Dar­um ha­ben sie Pa­nik vor dem Ver­lie­ren. In po­li­ti­schen Sys­te­men mit Ver­hält­nis­wahl­recht führt das da­zu, dass die Po­li­ti­ker ein­zig ih­ren Par­tei­en die­nen – ein kom­plet­ter Riss zwi­schen Öf­fent­lich­keit und po­li­ti­scher Klas­se. Sie sind nicht Pre­mier­mi­nis­ter von Ka­na­da ge­wor­den – aber ge­wis­ser­ma­ßen ha­ben Sie als Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler das letz­te Wort. Ci­ce­ro, Ma­chia­vel­li, Bur­ke, de Toc­que­vil­le, We­ber: al­le­samt ge­schei­ter­te Po­li­ti­ker, die die Ge­schich­te des po­li­ti­schen Den­kens ge­schrie­ben ha­ben. Schrei­ben ist kein Trost fürs Ver­lie­ren. Ma­chia­vel­li hat das größ­te Buch über die Po­li­tik ge­schrie­ben, aber das hat den Schmerz kaum ge­lin­dert, sei­nen Pos­ten ver­lo­ren zu ha­ben und ge­fol­tert wor­den zu sein. Max We­ber wä­re gern Mit­glied des ers­ten Wei­ma­rer Par­la­ments ge­we­sen, hat aber kein Man­dat be­kom­men. Und ich wä­re viel lie­ber Pre­mier­mi­nis­ter von Ka­na­da ge­wor­den.

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„Nie­mand weiß, dass man in­ner­lich zit­tert“: Micha­el Igna­tieff über die Ab­grün­de des Po­li­ti­ker­da­seins.

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