Mer­kels tür­ki­sche Il­lu­sio­nen

Die »eu­ro­päi­sche Lö­sung« sieht vor, dass die Tür­kei die Flücht­lin­ge auf­hält. Da­von ist bis­her nichts zu be­mer­ken. Doch in­zwi­schen lebt Prä­si­dent Er­do˘gan un­ge­stört sei­ne au­to­ri­tä­ren Nei­gun­gen aus.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRISTIAN ULTSCH

An­ge­la Mer­kel braucht gu­te Nach­rich­ten. Denn am nächs­ten Sonn­tag wird in drei deut­schen Bun­des­län­dern ge­wählt. Und be­son­ders gut schaut es für Mer­kels CDU nicht aus. In ih­rem eins­ti­gen Kern­länd­le Ba­den-Würt­tem­berg lie­gen die Christ­de­mo­kra­ten in Um­fra­gen hin­ter den Grü­nen, in Hel­mut Kohls Rhein­land-Pfalz gleich­auf mit der SPD, nur in Sach­sen-An­halt sind sie deut­lich vor­an.

Es wä­re al­so güns­tig, wenn die deut­sche Kanz­le­rin am Mon­tag beim Flücht­lings­gip­fel, zu dem die EU ih­re neu­en tür­ki­schen Freun­de ein­ge­la­den hat, au­ßer ih­rer un­be­irr­ba­ren Zu­ver­sicht auch ein we­nig Hand­lungs­fä­hig­keit de­mons­trie­ren könn­te. Das al­ler­dings wird ei­ne schwie­ri­ge Übung. Bis­her näm­lich hat der Pakt mit der Tür­kei, auf den Mer­kel zur Ein­däm­mung der Flücht­lings­strö­me setzt, eher be­schei­de­ne Er­geb­nis­se ge­zei­tigt.

Nach wie vor stei­gen an der tür­ki­schen Küs­te täg­lich rund 2000 Men­schen in Schlauch­boo­te, um na­he grie­chi­sche In­seln zu er­rei­chen. Zu­letzt er­höh­te sich ih­re An­zahl so­gar. Dar­an hat auch der an­geb­lich ver­stärk­te Kampf ge­gen Schlep­per nichts ge- än­dert, des­sen sich die tür­ki­sche Re­gie­rung rühmt. Of­fen­bar kann und will die Tür­kei die Mi­gran­ten nicht auf­hal­ten. Das ver­wun­dert nicht; ers­tens ist die tür­ki­sche Küs­te lang, und zwei­tens hat die EU von den im No­vem­ber groß an­ge­kün­dig­ten drei Mil­li­ar­den Euro zur Un­ter­stüt­zung sy­ri­scher Flücht­lin­ge in der Tür­kei noch kei­nen Cent über­wie­sen. Am Frei­tag be­schloss die EU-Kom­mis­si­on ers­te Hilfs­pro­jek­te im Wert von 95 Mil­lio­nen Euro. Das war al­les. Am He­bel. Die Tür­kei sitzt am län­ge­ren Ast und nützt das aus. Brem­sen wird sie die Flücht­lin­ge, wenn über­haupt, erst, wenn die EU da­für zahlt, Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge aus der Tür­kei über­nimmt, tür­ki­schen Bür­gern vol­le Vi­s­um­frei­heit ge­währt und die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen auf Tou­ren sind. Und falls Prä­si­dent Er­do­gan˘ da­bei et­was nicht pas­sen soll­te, wird er dro­hen, die Schleu­sen für Flücht­lin­ge auch an den Land­gren­zen zu Grie­chen­land und Bul­ga­ri­en zu öff­nen.

Ge­wiss: Es hat ei­ne geo­gra­fi­sche und po­li­ti­sche Lo­gik, in der Flücht­lings­kri­se mit der Tür­kei zu ko­ope­rie­ren. Und doch klaf­fen enor­me Ver­trau­ens­lü­cken und mo­ra­li­sche Ab­grün­de auf. Mer­kel hat sich ei­nen höchst zwei­fel­haf­ten Part­ner aus­ge­sucht, um die Ver­ant­wor­tung für die Ab­schot­tung Eu­ro­pas ab­zu­wäl­zen. Sie und mit ihr Eu­ro­pa lie­fern sich ei­nem zu­neh­mend au­to­ri­tä­ren Macht­men­schen aus, der den Bür­ger­krieg ge­gen die PKK aus wahl­tak­ti­schen Grün­den an­ge­heizt hat, der Zei­tun­gen zu- und Jour­na­lis­ten ein­sper­ren lässt. Doch das scheint kei­ne Rol­le zu spie­len, denn Er­do­gan˘ soll die EU-Au­ßen­gren­ze dicht­ma­chen und er­le­di­gen, wo­zu Eu­ro­pa/Grie­chen­land nicht im­stan­de ist.

Mer­kels Stra­te­gie steckt vol­ler Wi­der­sprü­che: Die Abrie­ge­lung der Bal­kan­rou­te ver­dammt sie, doch di­rekt aus Grie­chen­land will die CDU-Kanz­le­rin so knapp vor der Land­tags­wahl dann doch lie­ber kei­ne Flücht­lin­ge ho­len. Gleich­zei­tig ho­fiert sie Er­do­gan,˘ da­mit er ein paar Hun­dert Ki­lo­me­ter süd­lich von Ma­ze­do­ni­en den Roll­bal­ken her­un­ter­lässt. Doch ih­re Mi­schung aus Wohl­fühl- und Re­al­po­li­tik funk­tio­niert nicht. Mer­kel wird den EU-Tür­kei-Gip­fel schön­re­den müs­sen.

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