Der grü­ne Ober-Rea­lo

Win­fried Kret­sch­mann, der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Ba­den-Würt­tem­berg, geht als Fa­vo­rit in die Wahl. Er spricht auch Kon­ser­va­ti­ve an.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON THO­MAS VIEREGGE

Karls­ru­he ist ei­ne ge­sichts­lo­se, graue Stadt – so grau wie vie­le Be­su­cher, die in die Stadt­hal­le ge­strömt sind, um zwei grau­wei­ßen „Wöl­fen“, Ve­te­ra­nen der GrünBe­we­gung, beim Do­zie­ren und Rä­so­nie­ren, beim Phi­lo­so­phie­ren und Po­li­ti­sie­ren zu­zu­hö­ren. Vor 36 Jah­ren kon­sti­tu­ier­ten sich hier die Grü­nen bei ih­rem Grün­dungs­kon­gress, gleich vis-a-`vis in der Schwarz­wald­hal­le, als „An­ti-Par­tei­en­par­tei“. Heu­te sind sie in die Jah­re ge­kom­men und längst an der Macht, erst recht in Ba­den-Würt­tem­berg, ih­rem Stamm­land und ergo ih­rer Hoch­burg im Süd­wes­ten der Re­pu­blik, wo sie die gleich­sam ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Staats­par­tei CDU vor fünf Jah­ren aus der Re­gie­rung ge­jagt ha­ben – ein po­li­ti­sches Nach­be­ben un­mit­tel­bar nach der durch ei­nen Tsu­na­mi aus­ge­lös­ten Atom­ka­ta­stro­phe im fer­nen Fu­kus­hi­ma.

Nie­mand könn­te den lan­gen Weg durch die In­sti­tu­tio­nen und die Met­a­mor­pho­sen der Macht bes­ser il­lus­trie­ren als die zwei Mit­strei­ter auf dem Po­di­um, bei­de Schwa­ben, bei­de Söh­ne von Hei­mat­ver­trie­be­nen und Jahr­gang 1948 und doch von Ges­tus und Tem­pe­ra­ment so ganz un­ter­schied­lich. Da­bei ha­ben sie vor 30 Jah­ren Tür an Tür in der hes­si­schen Haupt­stadt Wies­ba­den ge­ar­bei­tet, frei­lich nicht im­mer frik­ti­ons­frei – der ei­ne als ers­ter grü­ner Um­welt­mi­nis­ter, der an­de­re als sein Mi­nis­te­ri­al­se­kre­tär. Josch­ka Fi­scher soll­te es spä­ter gar zum ers­ten grü­nen Au­ßen­mi­nis­ter brin­gen, Win­fried Kret­sch­mann im­mer­hin zum ers­ten grü­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Deutsch­lands.

An die­sem Abend kehr­te der laut Ei­gen­de­fi­ni­ti­on „letz­te Li­ve-Rock’n-Rol­ler der deut­schen Po­li­tik“vom wohl­be­stall­ten Al­ten­teil als Kon­su­lent und Ko­lum­nist in sei­ne al­te Hei­mat zu­rück, um ein Lob­lied an­zu­stim­men auf sei­nen Freund Kret­sch­mann – und auf An­ge­la Mer­kel, die er einst mit Hä­me über­schüt­tet hat­te. Uni­so­no fin­den bei­de, dass Mer­kel die Ein­zi­ge sei, die Eu­ro­pa in der ak­tu­el­len Kri­se zu­sam­men­hält. Kret­sch­mann, der Ex-Mao­ist und prak- ti­zie­ren­de Ka­tho­lik und Chor­sän­ger, be­tet mitt­ler­wei­le so­gar für die Ge­sund­heit der Re­gie­rungs­che­fin, wie er nur mit ei­nem Hauch von Iro­nie be­kann­te. Und Mer­kel wie­der­um ver­teilt ver­steck­tes Lob für den grü­nen Ober-Rea­lo mit dem Bürs­ten­haar­schnitt.

„Ist Kret­sch­mann ein Schwar­zer?“, frag­te die „Zeit“und brach­te ein weit ver­brei­te­tes Ge­fühl im Länd­le auf den Punkt. Der 67-jäh­ri­ge schwä­bi­sche Nor­ma­lo, der be­lieb­tes­te deut­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent, ge­nießt ei­ne so ho­he Po­pu­la­ri­tät un­ter sei­nen Lands­leu­ten in Ba­den-Würt­tem­berg, dass er bei den Land­tags­wah­len am nächs­ten Sonn­tag als der gro­ße Sie­ger her­vor­ge­hen könn­te. Vie­le er­in­nert der wert­kon­ser­va­ti­ve, be­däch­ti­ge Ex­leh­rer an die CDU-Pa­tri­ar­chen Lothar Späth, Spitz­na­me „Cle­ver­le“, und an den gott­ge­fäl­li­gen Er­win Teu­fel mit sei­nem Fai­b­le für die Phi­lo­so­phie. Der Bio­lo­ge Kret­sch­mann mu­tet an wie ei­ne Kreu­zung aus bei­den. Ein Bi­bel­wort oder ein Hannah-Arend­tZi­tat hat er für je­den Fall pa­rat.

„Er ist ein Lan­des­va­ter im bes­ten Sin­ne, au­then­tisch, mit kla­rer Li­nie“, preist ihn ein Par­tei­gän­ger in Karls­ru­he. „Er schaut dem Volk aufs Maul, er spricht un­se­re Spra­che“, cha­rak­te­ri­siert ihn ein an­de­rer. Rez­zo Schlauch, grü­ner Ex-Staats­se­kre­tär in Ber­lin und in Stutt­gart nach wie vor ei­ne lo­ka­le Grö­ße, sagt: „Er passt wie an­ge­gos­sen zu dem Land.“Man­che Par­tei­freun­de he­ben da­ge­gen zu ei­nem ri­tu­el­len Stoß­seuf­zer an, wenn der Mi­nis­ter­prä­si­dent wie­der ge­gen das grü­ne Rein­heits­ge­bot ver­sto­ßen oder ei­ne der ro­ten Li­ni­en der Grü­nen über­tre­ten hat, wie bei der Ab­stim­mung über si­che­re Dritt­län­der im Bun­des­rat in Ber­lin: „Ach, der Kretsch.“

Wie ein CDU-Ver­tre­ter tritt er in­zwi­schen für den Wirt­schafts­stand­ort Ba­den-Würt­tem­berg ein, für das „Länd­le als Ex­port­na­ti­on“, und selbst das Plä­doy­er für die für Stutt­gart emi­nent wich­ti­ge Au­to­in­dus­trie kommt ihm recht flüs­sig über die Lip­pen. Kret­sch­mann hat die Grü­nen zwi­schen Bo­den­see und Schwarz­wald, zwi­schen Rhein und Do­nau als Volks­par­tei in der Mit­te ver­an­kert, als Kon­kur­renz zu den zer­zaus­ten Schwar­zen, die in ei­ner Kampf- ab­stim­mung ih­ren Spit­zen­kan­di­da­ten kür­ten. Tho­mas Strobl, Wolf­gang Schäu­bles Schwie­ger­sohn, muss­te Gui­do Wolf den Vor­tritt las­sen, und der kommt ge­gen den Ober-Grü­nen so gar nicht an. Wäh­rend Wolf ei­ner so­ge­nann­ten Deutsch­land-Ko­ali­ti­on aus CDU, SPD und FDP das Wort re­det, steigt Kret­sch­mann als ve­he­men­tes­ter Win­fried Kret­sch­mann hat die Grü­nen in ih­rem Stamm­land Ba­den-Würt­tem­berg zur Volks­par­tei ge­macht. Geg­ner ge­gen die „an­ti­de­mo­kra­ti­schen Ex­tre­mis­ten“der AfD in den Ring. „Wir müs­sen die Mit­te fin­den zwi­schen der Po­li­ti­cal Cor­rect­ness und dem Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus.“Die Mit­te, will er sa­gen, das ist mein Platz und mein Re­vier.

Sein Wahl­slo­gan könn­te der­weil aus der Ade­nau­er-Ära stam­men: „Ver­ant­wor­tung und Au­gen­maß“. Sein Ar­beits­prin­zip klingt wie ein Echo auf An­ge­la Mer­kel: „Kon­flikt ist der Nor­mal­be­trieb in der Po­li­tik. In Kri­sen­zei­ten ge­he ich auf Kon­sens.“Die Pio­nier­rol­le als ers­ter grü­ner Re­gie­rungs­chef in ei­nem Bun­des­land be­hagt ihm sicht­lich. Die Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung, ge­steht er in Karls­ru­he, ha­be ihn trans­for­miert – und um­ge­kehrt hät­ten auch die Grü­nen das Land ver­än­dert. Die Sach­zwän­ge sieht er jetzt aus ei­ner an­de­ren War­te, und Josch­ka Fi­scher, der gro­ße Deu­ter und Welt­er­klä­rer, nickt bei­läu­fig. Wer wüss­te es bes­ser als er: „In die­sem ir­di­schen Jam­mer­tal kann es im­mer schief­ge­hen.“

Der frü­he­re Mao­ist ist längst wie­der prak­ti­zie­ren­der Ka­tho­lik und Chor­sän­ger.

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