End­sta­ti­on West­bahn­hof

Seit der Fern­ver­kehr weg ist, wird auch der West­bahn­hof zu­neh­mend zu ei­ner Pro­blem­zo­ne. Von Dro­gen, Ge­stran­de­ten aus al­ler Welt und schlech­ter lau­fen­den Ge­schäf­ten.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Als die blon­de Frau, viel­leicht 20, von der Roll­trep­pe steigt, sich der jun­ge Afri­ka­ner schnell von der Sei­te nä­hert, sie schnappt, „Al­les gut?“fragt und mit dem Arm um ih­ren Na­cken weg­zieht, er­schre­cken die Pas­san­ten rings­um – das Mäd­chen aber nicht. Geht man ih­nen nach, um zu schau­en, ob al­les in Ord­nung ist, sieht man den Grund. Sie ge­hen zu ei­ner Bank auf de Gleis der U6 (zwei wei­te­re Män­ner afri­ka­ni­scher Her­kunft sind in ei­ni­gen Me­tern Ab­stand, ei­ner da­vor, ei­ner da­hin­ter, pos­tiert), er streicht der Frau durchs Haar, sie kramt in ih­rer Ta­sche, dann wer­den Geld­schein und ein Brief­chen aus­ge­tauscht, die Sze­ne­rie löst sich auf.

West­bahn­hof, abend­li­che Rush­hour. Vor dem Ge­bäu­de strei­ten sich zwei Bett­le­rin­nen, drin­nen, vor dem Mer­kur, wird ein Be­trun­ke­ner, der Spra­che nach Ost­eu­ro­pä­er, von fünf Se­cu­ri­tys weg­ge­führt. Auf dem Eu­ro­pa­platz rich­ten sich Ob­dach­lo­se lang­sam für ei­ne Nacht, die sie in den na­hen Grün­flä­chen ver­brin­gen wol­len.

Nicht, dass der West­bahn­hof – wie je­der grö­ße­re Bahn­hof – je ein be­schau­li­cher Ort ge­we­sen wä­re. Aber seit De­zem­ber, seit die ÖBB den Fern­ver­kehr zum Haupt­bahn­hof ver­legt ha­ben, fal­len je­ne Men­schen, die man et­wa bei der Po­li­zei Bahn­hofs­kli­en­tel nennt, mehr auf. „Na­tür­lich ist es jetzt an­ders. Schau­en Sie sich um! Die Ge­schäf­te sind teil­wei­se leer, es sind ja we­ni­ger Fahr­gäs­te da“, sagt et­wa ei­ne Ver­käu­fe­rin im Ein­kaufs­zen­trum. Von den ÖBB heißt es, auch heu­te fah­ren noch 200 Zü­ge täg­lich vom West­bahn­hof ab oder kom­men dort an. Nur 40 we­ni­ger als zu­vor. Vie­le Kun­den sei­en oh­ne­hin An­rai­ner, nicht Fahr­gäs­te. Die Sor­ge um die Ge­schäf­te tei­le man nicht. „Es geht schon zu, vor al­lem am Abend“, sagt ein Bahn­hofs­mit­ar­bei­ter.

Die ÖBB ha­ben das Per­so­nal auf­ge­stockt, die pa­troul­lie­ren­den Teams, teils mit Hun­den, sind übe­r­all zu se­hen. Man re­agie­re auf das „stei­gen­de sub­jek­ti­ve Si­cher­heits­be­dürf­nis der Fahr­gäs­te“, so ein ÖBB-Spre­cher. 2015 wur­de die Zahl der Si­cher­heits­mit­ar­bei­ter auf Bahn­hö­fen um 100 auf 385 auf­ge­stockt. Heu­er sol­len noch 150 da­zu­kom­men. Auch bei den Wie­ner Li­ni­en ran­giert der West­bahn­hof in ei­ner Lis­te un­rühm­li­cher Or­te. Der­zeit läuft ei­ne so­ge­nann­te Rand­grup­pen-Er­he­bung in U-Bahn-Sta­tio­nen. Mit­ar­bei­ter sol­len Be­ob­ach­tun­gen von Rand­grup­pen, Ob­dach­lo­sen, Al­ko­ho­li­kern und Punks oder Bett­lern pro­to­kol­lie­ren. Be­son­ders wer­den Pra­ter­stern, Han­dels­kai, Jo­sef­städ­ter Stra­ße und eben West­bahn­hof an­ge­schaut. Die Er­geb­nis­se sol­len hel­fen, die Zu­sam­men­ar­beit mit So­zi­al­ar­bei­tern zu ver­bes­sern. Pra­ter­stern, Han­dels­kai, West­bahn­hof? Und sie könn­ten hel­fen, den sub­jek­ti­ven Ein­druck der ver­gan­ge­nen Mo­na­te zu über­prü­fen. Herrscht doch in Be­zug auf Bahn­hö­fe Alarm­stim­mung, je­der Zwi­schen­fall sorgt für Schlag­zei­len: Ver­gan­ge­ne Wo­che ei­ne Schlä­ge­rei zwi­schen Män­nern nord­afri­ka­ni­scher Her­kunft, kurz zu­vor ei­ne Mes­ser­ste­che­rei, auch im Fe­bru­ar be­rich­te­te der Bou­le­vard von Schlä­ge­rei­en. „Klei­ne­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen, nichts Dra­ma­ti­sches“, heißt es da­zu von der Po­li­zei. Wie das auf Bahn­hö­fen im­mer wie­der vor­kommt. Sta­tis­tisch ha­be sich nichts si­gni­fi­kant ver­än­dert. Nur ein Plus bei La­den­dieb­stäh­len und (na­he­lie­gend, oh­ne Fern­ver­kehr) we­ni­ger Ge­päcks­dieb­stäh­le. Mit den Flücht­lin­gen ha­be das aber nichts zu tun. Für Flücht­lin­ge ist der West­bahn­hof heu­te ein Treff­punkt. Sie sit­zen in Grup­pen in den Auf­ent­halts­be­rei­chen im obe­ren Ge­schoß, nut­zen das freie WLAN. „Wir tref­fen uns im­mer hier“, sagt Sh­ahnaz, 21, aus Af­gha­nis­tan, der mit Freun­den auf dem Bahn­steig steht und raucht. Er lebt in ei­ner na­hen Flücht­lings­un­ter­kunft, war­tet sein Ver­fah­ren ab. Ein an­de­rer er-

»Na­tür­lich ist es jetzt an­ders. Die Ge­schäf­te sind leer, es sind ja we­ni­ger Fahr­gäs­te da.« Als Flücht­lings­dreh­schei­be hat der Bahn­hof aus­ge­dient. Heu­te ist er War­te­zo­ne.

zählt, er ha­be im Herbst ei­ni­ge Zeit über­haupt auf dem Bahn­hof ge­lebt.

Neu­leng­bach, St. Pöl­ten, Tull­ner­bach – die Des­ti­na­tio­nen der Zü­ge, die heu­te ab­fah­ren, sind kein Ziel mehr. Die Ca­ri­tas hat ihr Ta­ges­zen­trum kürz­lich ge­schlos­sen, auch das Blaue Haus wird nicht mehr als Not­un­ter­kunft ge­nutzt. Jetzt dre­hen Si­cher­heits­leu­te in den ver­las­se­nen Win­keln, die lang Zen­trum der Flücht­lings­hil­fe wa­ren, ih­re Run­den. „Die Wel­co­me-Klat­scher san weg“, sagt ein Wach­mann, grinst. „Um die Re­fu­gees küm­mern uns jetzt wir. Als Raus­schmei­ßer.“

Cle­mens Fa­b­ry

Seit die Zü­ge in die gro­ße, wei­te Welt – oder zu­min­dest nach Ham­burg, Zü­rich oder Bu­da­pest – nicht mehr vom West­bahn­hof ab­fah­ren, gleicht die­ser oft ei­nem Ort der Ge­stran­de­ten aus al­ler Welt.

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