Zir­kus und Ca­fes:´ Das Vier­tel um den Pra­ter

Wie sich das Ver­gnü­gen auch in den Stra­ßen zwi­schen Pra­ter und Stadt sei­nen Platz ge­sucht hat.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

„Die zwei gro­ßen Stra­ßen der Leo­pold­stadt sind: die Ta­bor­stra­ße und die Pra­ter­stra­ße. Die Pra­ter­stra­ße ist bei­na­he herr­schaft­lich. Sie führt di­rekt ins Ver­gnü­gen. Ju­den und Chris­ten be­völ­kern sie. Sie ist glatt, weit und hell. Sie hat vie­le Ca­fes.“´ So be­schreibt Jo­seph Roth in sei­nem Es­say „Ju­den auf Wan­der­schaft“die At­mo­sphä­re im Ver­gnü­gungs­vier­tel rund um den Pra­ter. Denn, das Ver­gnü­gen hat sich in Wi­en auch in den Stra­ßen zwi­schen dem Pra­ter und der Stadt: fest­ge­setzt. In den Volks­sän­ger­lo­ka­len, den Va­rie­tes,´ den Thea­tern und den Po­sen­büh­nen in der heu­ti­gen Leo­pold­stadt. In je­nen Lo­ka­len, in de­nen da­mals ge­fei­er­te Stars der Wie­ner Sze­ne wie Hein­rich Ei­sen­bach, Abisch Mei­sels, Ger­trud Kraus oder Hans Mo­ser auf­ge­tre­ten sind.

Das Jü­di­sche Mu­se­um wid­met die­sen Ge­schich­ten ab Mit­te März an­läss­lich des Pra­ter-Ju­bi­lä­ums die Aus­stel­lung „We­ge ins Ver­gnü­gen. Un­ter­hal­tung zwi­schen Pra­ter und Stadt“. Schließ­lich ist die Ge­schich­te der Ge­gend eng mit je­ner des jü­di­schen Wi­en ver­wo­ben: Als wäh­rend des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges Ju­den als Kre­dit­ge­ber nach Wi­en ge­holt wur­den, muss­ten sich die­se ab 1625 in ei­nem sump­fi­gen Ge­biet na­he dem Pra­ter an­sie­deln. Und ab 1852, nach­dem Franz Jo­seph I. die Grün­dung ei­ner jü­di­schen Ge­mein­de er­laubt hat­te, als Ju­den aus der gan­zen Mon­ar­chie in die Stadt ström­ten, wur­de die Leo­pold­stadt das Ein­wan­de­rungs­vier­tel der Wie­ner Ju­den – qua­si ein frei­wil­li­ges Ghet­to: Die Pra­ter­stra­ße mit ih­ren Pracht­bau­ten ent­wi­ckel­te sich zum Zen­trum der Un­ter­hal­tung. Thea­ter, Va­rie­tes,´ Ca­fes´ und Gast­häu­ser er­leb­ten ei­ne Hoch­blü­te. Der Weg in den Pra­ter als Ziel. Schon kurz nach der Öff­nung des Pra­ters vor 250 Jah­ren ist der Weg dort­hin für je­ne, die das Ver­gnü­gen such­ten, selbst zum Ziel ge­wor­den: 1781 er­öff­ne­te das Leo­pold­städ­ter Thea­ter, spä­ter ka­men mit Ode­on und Sperl zwei pro­mi­nen­te Tanz­sä­le da­zu. Wi­en war zu die­ser Zeit auch ei­ne Zir­kus­stadt. Mit dem Zir­kus Renz, er­rich­tet 1853 in der heu­ti­gen Zir­kus­gas­se, stand ein prunk­vol­ler Zir­kus­bau, er galt ei­ner der mo­derns­ten sei­ner Zeit in ganz Eu­ro­pa, auch au­ßer­halb des Pra­ters.

Auch das Ki­no war in den Stra­ßen zwi­schen Pra­ter und Stadt be­hei­ma­tet: Erst wa­ren die le­ben­den Bil­der noch Jahr­marktat­trak­ti­on, als man ver­such­te, Ki­no als ei­ne Art Thea­ter­er­leb­nis zu ver­mit­teln, sie­del­ten sich al­lein in der Ta­bor­stra­ße fünf Ki­nos an. Ge­schich­ten aus die­sen ha­ben die Ku­ra­to­rin­nen Li­sa Nogg­ler-Gürt­ler und Bri­git­te Da­lin­ger eben­so zu­sam­men­ge­tra­gen wie je­ne über die jü­di­sche Ge­schich­te des Pra­ters selbst.

Die Lili­put­bahn et­wa wur­de nach dem Zwei­ten Welt­krieg von Ja­kob Pass­weg ge­kauft, ei­nem Ju­den, der die Na­zi-Zeit ver­steckt in Wi­en über­lebt hat­te. Und, sie ist nach wie vor in Fa­mi­li­en­be­sitz. Oder Ga­bor Stei­ner: Auf sei­nem Grund – er war da­mals Di­rek­tor des Carl­thea­ters in der Pra­ter­stra­ße und des Ro­nach­er – wur­de 1897 das Rie­sen­rad er­rich­tet. Das Rie­sen­rad selbst wur­de nach dem Ers­ten Welt­krieg von Edu­ard Stei­ner (nicht ver­wandt) er­wor­ben. Bei­de wur­den 1938 ent­eig­net. Ga­bor Stei­ner floh in die USA, Edu­ard wur­de in Au­schwitz er­mor­det – sei­ne Er­ben er­hiel­ten das Rie­sen­rad erst nach jah­re­lan­gen Pro­zes­sen zu­rück. Die Aus­stel­lung soll die­sen Teil des jü­di­schen

Ei­ne Ge­gend, so mon­dän, dass man mein­te, der Kai­ser lebt im Caf´e. Er­zählt ein Witz.

Le­bens in Wi­en wie­der stär­ker ins Be­wusst­sein rü­cken.

Schließ­lich soll die Ge­gend zwi­schen Pra­ter und Stadt da­mals groß­städ­ti­sches Flair ge­habt ha­ben wie we­ni­ge an­de­re in Wi­en. Ein jü­di­scher Witz, der da­mals gern er­zählt wur­de, il­lus­triert das: Ein Ju­de, der sein ga­li­zi­sches Schtetl noch nie ver­las­sen hat, hört, dass der Kai­ser in Wi­en in ei­nem Pa­last mit rie­si­gen Fens­tern und Lus­tern wohnt. Den will er se­hen, fährt nach Wi­en, steigt auf dem Nord­bahn­hof aus und geht die Pra­ter­stra­ße Rich­tung Stadt. Vor ei­nem mon­dä­nen Kaf­fee­haus – gro­ße Fens­ter, Lus­ter – bleibt er ste­hen, geht hin­ein, fragt: „Ist der Kai­ser schon da?“

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