»Wir spre­chen von Fi­nan­ci­al In­tel­li­gence«

Er gilt als Ja­mes Bond der Fi­nanz­welt. Hat das Ver­mö­gen von Dik­ta­to­ren ge­sucht und Ter­ror­fi­nan­ciers ge­jagt. Zu­letzt hat er die Va­ti­k­an­bank von Ver­bre­chern ge­säu­bert. Im In­ter­view spricht Ren´e Brülhart über die Schlag­kraft des Pro­ak­ti­ven.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON EDU­ARD STEI­NER

Seit drei Jah­ren räu­men Sie bei den Fi­nan­zen im Va­ti­kan auf: Was hat Sie denn dort am meis­ten ver­blüfft? Ren´e Brülhart: Nicht viel. Es war ein of­fe­ner Emp­fang. Und es ist im­mer noch ei­ne gro­ße Be­reit­schaft vor­han­den, ob­wohl sich vie­les be­wegt hat. Wir ha­ben die recht­li­chen und in­sti­tu­tio­nel­len Rah­men­be­din­gun­gen neu auf­ge­setzt. Das Mel­de­sys­tem funk­tio­niert, die Straf­ver­fol­gung ist in der Pi­pe­line. Wenn wir die in­ter­na­tio­na­len Stan­dards neh­men – ins­be­son­de­re den Mo­ney­valBe­richt des Eu­ro­pa­ra­tes ge­gen Geld­wä­sche –, sind wir auf sehr gu­tem Weg. Kann das Gan­ze noch tor­pe­diert wer­den? Ge­gen­wär­tig ist es so, dass es viel po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung im Va­ti­kan gibt. Mei­ne Be­hör­de ist so auf­ge­setzt wor­den, dass sie ope­ra­tiv un­ab­hän­gig ist. War­um ha­ben Sie dann vor Ih­rem Bü­ro im Va­ti­kan Git­ter an­brin­gen las­sen? (Lacht.) Es gibt sehr schö­ne de­ko­ra­ti­ve Git­ter. Wie oft tref­fen Sie den Papst? Da­zu kann ich kei­ne Aus­kunft ge­ben. Wie vie­le Kon­ten ha­ben Sie zu­ge­dreht? An die 5000 Ge­schäfts­be­zie­hun­gen wur­den ge­schlos­sen. Ein Groß­teil da­von wa­ren nach­rich­ten­lo­se Kon­ten. Zu­dem hat ei­ne ge­wis­se Rück­be­sin­nung auf den ur­sprüng­li­chen Zweck der Va­ti­k­an­bank statt­ge­fun­den – mit der Kon­se­quenz, dass ver­schie­de­ne Kun­den ver­ab­schie­det wor­den sind. Aber Ver­dachts­mel­dun­gen gab es im Vor­jahr gera­de ein­mal 300. War­um so we­nig? Das quan­ti­ta­ti­ve Ele­ment ist sehr sub­jek­tiv. Ent­schei­dend ist, dass das Mel­de­sys­tem nach­hal­tig funk­tio­niert. Im Jahr 2012, als ich be­gon­nen ha­be, gab es ei­ne ein­zi­ge. 2015 wa­ren es al­lein bis En­de Sep­tem­ber 329. Das Sys­tem greift al­so, und die Wach­sam­keit ist auch da. Dass bis­her nur 30 Fäl­le vor dem Staats­an­walt ge­lan­det sind, scheint mir doch we­nig. Mit­ge­teil­te Ver­dachts­mo­men­te müs­sen sich ja nach ein­ge­hen­der Ana­ly­se nicht im­mer be­stä­ti­gen. Zu­dem brau­chen Sie bei al­len un­se­ren Fäl­len die in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit. Des­halb ha­ben wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­le Ko­ope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen un­ter­zeich­net und sind 2013 der Eg­mont Group, der welt­wei­ten Ver­ei­ni­gung der Geld­wä­sche­mel­de­stel­len, bei­ge­tre­ten. In­ter­es­sant, dass es mit Ös­ter­reich zu kei­ner Ver­ein­ba­rung ge­kom­men ist. Man hört, die Ös­ter­rei­cher sind hier sehr zö­ger­lich. Je­des Land hat sei­ne ei­ge­nen Prio­ri­tä­ten. Die meis­te in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit be­trifft ja Ita­li­en. Wer ist noch be­deut­sam? Es geht gar nicht so sehr um ver­däch­ti­ge Län­der, son­dern um Län­der, durch die Trans­ak­tio­nen durch­lau­fen oder die als Fi­nanz­plät­ze wäh­rungs­tech­nisch wich­tig sind, wie Deutsch­land, die Schweiz oder die USA. Sie ken­nen das The­ma Geld­wä­sche und Ter­ror­fi­nan­zie­rung aus Ih­rer ope­ra­ti­ven Tä­tig­keit. Heu­te steht die Welt vor ei­ner neu­en Ter­ror­di­men­si­on. Zwar wur­den zu­letzt Geld­la­ger des Is­la­mi­schen Staa­tes (IS) und auch de­ren Öl­in­fra­struk­tur bom­bar­diert. Die öf­fent­lich de­mons­trier­te Ak­ti­vi­tät ge­gen den IS be­gann aber erst im No­vem­ber 2015 beim G20-Gip­fel. War­um so spät? Man muss vor­sich­tig sein – auch be­züg­lich Zeit­punk­ten. Dass es vor­her nicht in den Me­di­en war, be­deu­tet nicht per se, dass man nichts ge­tan hat. Zu­dem ha­ben wir hier ein neu­es Phä­no­men der Ter­ror­fi­nan­zie­rung: Wir ha­ben ein grö­ße­res Ter­ri­to­ri­um mit ent­spre­chen­der In­fra­struk­tur, wo Ter­ro­ris­ten agie­ren. Da­mit hat man auch an­de­re Ein­künf­te: Ent­füh­run­gen, Öl- und Men­schen­han­del, Zu­griff auf Bar­geld und Ban­ken in er­ober­ten Ge­bie­ten.

Ren´e Brülhart, 43,

wur­de im Sep­tem­ber 2012 vom Papst en­ga­giert, um Trans­pa­renz in das va­ti­ka­ni­sche Fi­nanz­sys­tem zu brin­gen und ein Sys­tem der Früh­war­nung zu er­rich­ten.

Seit No­vem­ber 2014

ist der ge­bür­ti­ge Schwei­zer und Ju­rist zu­dem als ers­ter Laie Prä­si­dent der Fi­nanz­auf­sichts­be­hör­de des Va­ti­kans.

Par­al­lel da­zu

ist Brülhart als Be­ra­ter im glo­ba­len Kampf ge­gen Geld­wä­sche und Ter­ror­fi­nan­zie­rung tä­tig.

Von 2004 bis 2012

lei­te­te er die Fi­nan­ci­al In­tel­li­gence Unit zum Kampf ge­gen Geld­wä­sche im Fürs­ten­tum Liech­ten­stein und war Vor­sit­zen­der der Task Force Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung.

Von 2010 bis 2012

war Brülhart auch stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Eg­mont Group, der welt­wei­ten Ver­ei­ni­gung der na­tio­na­len Geld­wä­sche­mel­de­stel­len. Der Un­ter­su­chungs­aus­schuss des ira­ki­schen Par­la­ments eru­ier­te kürz­lich, dass sie­ben bis neun Mrd. Euro über nor­ma­le Ban­ken in die vom IS kon­trol­lier­ten Ge­bie­te ge­kom­men sind. Da fra­ge ich mich: Feh­len je­g­li­che Mecha­nis­men der Ver­dachts­mel­dun­gen? Ei­ne der Schwie­rig­kei­ten ist, ob wir über­haupt wis­sen, was IS-kon­trol­lier­tes Ge­biet ist bzw. was nur in­di­rekt von Stam­mes­fürs­ten kon­trol­liert wird. Da sind wir wie­der im Be­reich der Per­so­nen­netz­wer­ke, in dem Ge­heim­dien­st­ar­beit von zen­tra­ler Be­deu­tung ist. Und hier ha­ben wir die un­be­ant­wor­te­te Fra­ge der Pu­b­lic-pri­va­te-Part­nership. Wir brau­chen die Ko­ope­ra­ti­on von Fi­nanz­in­dus­trie und Be­hör­den. Was nicht im­mer ein­fach ist. Ver­ges­sen Sie nicht: Fi­nanz­in­sti­tu­te mit ih­rem Mel­de­sys­tem neh­men ei­ne Art ho­heit­li­cher Rol­le im Kampf ge­gen Geld­wä­sche und Ter­ror­fi­nan­zie­rung ein. Aber sie se­hen nur ei­nen Teil der In­for­ma­ti­on über das durch­lau­fen­de Geld. Gut. Aber das Kern­ge­biet der Ter­ro­ris­ten wird oh­ne­hin nicht sehr auf sein Image als saube­rer Fi­nanz­platz be­dacht sein. Wenn hier die Ban­ken nicht von sich aus ko­ope­rie­ren, soll­te man sie dann vom in­ter­na­tio­na­len Zah­lungs­ver­kehr aus­schlie­ßen? Es gibt zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der Sie schlie­ßen sie aus und ver­lie­ren so erst recht die Kon­trol­le dar­über. Oder Sie ver­su­chen ziel­ge­rich­tet, das Ban­ken­sys­tem dort durch Ko­ope­ra­ti­on zu stär­ken, um bei Be­darf ein­grei­fen zu kön­nen. Vor­aus­set­zung aber ist, dass die Fi­nanz­in­sti­tu­te ent­spre­chend mit Be­hör­den­in­for­ma­ti­on ge­füt­tert wer­den, da­mit man ein noch kla­re­res Bild kriegt. Die­se Schrit­te zur Zu­sam­men­ar­beit müs­sen stär­ker wer­den. Man weiß al­so, wo man hin­ge­lan­gen muss? Grund­sätz­lich ja. Bleibt die Fra­ge der Rea­li­sie­rung? Ja. Und des Wil­lens – auch des Wil­lens zur Ex­po­nie­rung. Neh­men Sie die Geld­wä­sche-Mel­de­stel­len – auf Deutsch ein schreck­li­ches Wort. Auf Eng­lisch heißt es viel treff­li­cher: Fi­nan­ci­al In­tel­li­gence Unit. Wir spre­chen von Fi­nan­ci­al In­tel­li­gence, um die Fi- nanz­flüs­se zu ver­ste­hen. Und dann schnell ein­grei­fen zu kön­nen. Das wä­re das Best-Ca­se-Sze­na­rio. Um es zu er­rei­chen, dür­fen Sie nicht aus­gren­zen. Hat das wo funk­tio­niert? Was ist et­wa, sa­gen wir, mit al-Qai­da? Das Schwie­ri­ge an die­sen Ge­schich­ten ist, dass man schwer dar­über in der Öf­fent­lich­keit spre­chen kann. Aber die Öf­fent­lich­keit ist da­von be­trof­fen. Das In­ter­es­se ist ver­ständ­lich. Es gibt hier ver­schie­de­ne Er­folgs­ge­schich­ten. Man muss sa­gen: Ein Er­folg ist es dann, wenn es nicht in die Öf­fent­lich­keit ge­langt. Nur so kann man auch pro­ak­tiv tä­tig wer­den und öf­fent­li­che Schutz­maß­nah­men ein­lei­ten. Al-Qai­da ist al­so nicht das gro­ße Pro­blem? Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass es hier wie­der ge­wis­se Ent­wick­lun­gen gibt. Aber mo­men­tan den­ke ich nicht. Und von der Ta­li­ban-Sei­te? Auch nicht. Sie ha­ben bei sol­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen im­mer ei­ne ge­wis­se Wel­len­be­we­gung. Das kommt und geht. Der Lei­ter des bri­ti­schen Cen­ter for Fi­nan­ci­al Cri­me Stu­dies, Tom Kea­tin­ger, plä­diert für Pu­b­lic-pri­va­te-Part­nership. Er sagt aber auch, dass die Ak­ti­vi­tä­ten ge­gen Ter­ror­fi­nan­zie­rung zu ober­fläch­lich und lang­sam sind, weil Fi­nanz­strö­me und Ter­ro­ris­mus viel stär­ker in­ter­na­tio­nal ver­netzt sind als die Ver­fol­ger. Gibt es na­tür­li­che Gren­zen? Ich wür­de es po­li­ti­sche Gren­zen nen­nen. Nicht je­des Land ver­steht das­sel­be un­ter Ter­ro­ris­mus. Für die ei­nen sind es Ter­ro­ris­ten, für die an­de­ren Frei­heits­kämp­fer, für die drit­ten so­zu­sa­gen Brü­der. In so ei­nem Um­feld krie­gen Sie ei­ne Kon­trol­le nicht zu 100 Pro­zent hin. Aber ich den­ke, dass es zu­min­dest in der west­li­chen Welt Grund­wer­te gibt, die dann eben auch ver­tei­digt wer­den müs­sen. Ich wei­te die Fra­ge aus: Mit Blick auf die bei der OECD an­ge­sie­del­te FATF (Fi­nan­ci­al Ac­tion Task Force) und den Ak­ti­ons­plan, der nach den An­schlä­gen auf das World Tra­de Cen­ter (9/11) in­iti­iert wur­de, springt ins Au- ge, dass et­wa in Deutsch­land Ter­ror­fi­nan­zie­rung erst 2015 un­ter Stra­fe ge­stellt wor­den ist und über­haupt erst et­was mehr als die Hälf­te der 34 FATF-Mit­glied­staa­ten hier auf dem neu­es­ten ju­ris­ti­schen Stand sind: War­um wird so zäh im­ple­men­tiert? Man hat re­la­tiv mas­si­ve Rah­men­be­din­gun­gen ge­schaf­fen, um ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner hin­zu­krie­gen. Wer das von der täg­li­chen Ar­beit her kennt, sieht, dass man schon re­la­tiv viel, ja sehr viel, in die We­ge ge­lei­tet hat, nach­dem der Ter­ror pas­siert ist. Das schläft dann halt wie­der ein. Ich sa­ge nicht, dass es ein­schläft. Aber es ist eben kei­ne Ak­ti­on, son­dern ei­ne Re­ak­ti­on. Es ist kein pro­ak­ti­ves oder prä­ven­ti­ves Ele­ment. Die neue Me­tho­do­lo­gie der FATF von 2012 trägt dem frei­lich Rech­nung und ver­folgt ei­nen ri­si­ko­ba­sier­ten An­satz. Län­der und Fi­nanz­in­sti­tu­tio­nen müs­sen sich al­so fra­gen, wo denn die Ris­ken lie­gen und wie man sich da­ge­gen schüt­zen kann. Ei­ner Stu­die des nor­we­gi­schen For­schungs­in­sti­tuts im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um zu­fol­ge konn­ten drei Vier­tel der Ter­ror­an­schlä­ge zwi­schen 1994 und 2003 mit we­ni­ger als 10.000 Dol­lar or­ga­ni­siert wer­den: Wel­che Mög­lich­kei­ten der Be­kämp­fung ha­ben wir da über­haupt, wenn Fi­nanz­strö­me un­ter der Wahr­neh­mungs­schwel­le lie­gen? In mei­nen Au­gen müs­sen Sie Netz­wer­ke mit Netz­wer­ken be­kämp­fen. Fi­nanz­strö­me sind mög­li­cher­wei­se ein Ele­ment, um so­zu­sa­gen Per­so­nen­netz­wer­ke auch auf­de­cken zu kön­nen. Aber eben nur ei­nes. Selbst wenn wir ein per­fekt funk­tio­nie­ren­des Sys­tem hät­ten mit ei­ner voll­kom­me­nen Über­wa­chung der Fi­nanz­strö­me, wä­re es ei­ne Il­lu­si­on, dass Sie dann Ter­ror­an­schlä­ge aus­schlie­ßen könn­ten. Se­hen Sie den IS auf dem ab­stei­gen­den Ast? Ich ha­be kei­ne ma­gi­sche Glas­ku­gel. Aber wenn es ei­ne ko­or­di­nier­te po­li­ti­sche Ak­ti­on gä­be, könn­te man dem zwar viel­leicht nicht leicht bei­kom­men, aber es wä­re viel­leicht nie so weit ge­kom­men. Das ist ja nicht von ei­nem Tag auf den an­de­ren ge­wach­sen.

An­net­te Schrey­er/laif/pic­tu­re­desk.com

„Agie­ren statt re­agie­ren“: Ren´e Brülhart im Va­ti­kan.

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