Bock auf Han¤werk

So­zi­al­hel­fer Christian Penz baut seit Neu­es­tem Bir­ken­holz­mö­bel. Nicht grund­los: Er ist der Grün­der des Bock­werks, das Asyl­wer­ber vor dem er­zwun­ge­nen Nichts­tun be­wah­ren will.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Wer sehr gut sucht, fin­det mit et­was Glück in ei­ner Sei­ten­gas­se der Ot­ta­krin­ger Stra­ße hin­ter ei­ner ab­ge­blät­ter­ten blau­en Tü­re ei­ne Kel­ler­werk­statt. Die La­ge zwi­schen dem hip­pen Yp­pen­markt und dem Aus­geh­lo­kal Ot­ta­krin­ger Braue­rei hat auf das Haus sicht­lich nicht ab­ge­färbt. Es at­met noch den uri­gen Charme ver­gan­ge­ner Ta­ge, be­vor die tren­di­ge Sze­ne ne­ben­an Ein­zug hielt und die Miet­prei­se nach oben schnel­len ließ.

In der Werk­statt wird an ei­ner gro­ßen Werk­bank kon­zen­triert ge­sägt und ge­zim­mert. Uri­ge Wie­ner im Fein­ripp­hemd und mit Zi­ga­ret­te im Mund­win­kel sucht man trotz der Mundl-wür­di­gen Ku­lis­se al­ler­dings ver­ge­bens. Das klei­ne Kel­ler­lo­kal ist seit En­de No­vem­ber Heim­stät­te des Bock­werks.

Hier be­darf es ei­ner kur­zen Er­klä­rung: Sein Er­fin­der, Grün­der und Chef Christian Penz, ist seit fünf Jah­ren Teil des Teams um die be­kann­te So­zi­al­hel­fe­rin Ute Bock, die seit 2002 ih­ren pri­va­ten Ver­ein be­treibt. „Bock auf Bier“oder „Bock auf Kul­tur“sind nur zwei der Initia­ti­ven, mit de­nen da­für in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Geld ge­sam­melt wur­de.

„Bock auf Hand­werk“, das klingt wie der Na­me der nächs­ten ka­ri­ta­ti­ven Ak­ti­on, von der ein Teil der Ein­nah­men an die Or­ga­ni­sa­ti­on fließt. Es wur­de dann die Kurz­form Bock­werk. Auch steht hier nicht das Spen­den­sam­meln im Vor­der­grund. Ei­ne Hand­voll der 80 al­lein­ste­hen­den männ­li­chen Asyl­wer­ber im Ute-Bock-Haus soll die Ar­beit pri­mär vom War­ten ab­len­ken. Denn, das weiß So­zi­al­ar­bei­ter und Heim­be­treu­er Penz aus vie­len, vie­len Ge­sprä­chen mit sei­nen Schütz­lin­gen und von Amts­gän­gen aus ers­ter Hand: In Ös­ter­reich ar­bei­ten darf nur, wer Asyl oder sub­si­diä­ren Schutz in Ös­ter­reich er­hal­ten hat. Der Rest muss war­ten.

Schon En­de 2014 kam Penz die Idee ei­ner Werk­statt, in der Frei­wil­li­ge zwar oh­ne Be­zah­lung, aber zum sinn­vol­len Zeit­ver­treib ar­bei­ten kön­nen. Rich­tig in Fahrt kam sein Pro­jekt, nach­dem der 31-Jäh­ri­ge das jun­ge Ar­chi­tek­ten­duo Pøl, be­ste­hend aus Ger­hard Flo­ra und Philipp Obertha­ler, da­für ge­win­nen konn­te. Sie kon­zi­pier­ten dar­auf­hin Sitz­mö­bel im Steck­sys­tem – schlich­te De­sign­stü­cke aus hel­ler Bir­ke, ein­fach in der Pro­duk­ti­on. Das müs­sen sie auch sein. Schließ­lich ist we­der One-Man-Be­trieb Christian Penz ge­lern­ter Tisch­ler, noch sind es La­min, Ugo­chuk­wu, Musta­pha oder Juss­uf, sei­ne vier Schütz­lin­ge aus Gam­bia und Ni­ge­ria, die den ers­ten Mö­beln auch ih­re Na­men lie­hen. Su­chen­de, die sich tra­fen. Nach­dem das klei­ne Team mit sei­nen frisch de­sign­ten Steck­ses­seln und gera­de an­ge­lau­fe­ner Crowd­fun­ding-Ak­ti­on im Herbst ein kur­zes Gast­spiel in der Ge­mein­schafts­werk­statt des WUK in der Wäh­rin­ger Stra­ße ge­ge­ben hat­te, woll­te es dann doch ei­ge­ne Wän­de, mehr Raum und Fle­xi­bi­li­tät. Es wur­de das Kel­ler­lo­kal na­he der Ot­ta­krin­ger Stra­ße – für mehr reich­te das Geld nicht aus.

Un­ge­fähr zur sel­ben Zeit wa­ren auch zwei Frau­en auf der Su­che nach ei­nem „un­ter­stüt­zens­wer­ten Pro­jekt“, wie es Sa­bi­ne Hof­stät­ter for­mu­liert. Sie ku­ra­tiert seit 2012 ge­mein­sam mit Si­mo­ne Aich­hol­zer die In­door-De­si­gn­märk­te Edel­stoff, auf de­nen jun­ge ös­ter­rei­chi­sche und eu­ro­päi­sche Mar­ken aus­ge­stellt wer­den. Für die neun­te Auf­la­ge kom­men­des Wo­che­n­en­de wird man aus Platz­man­gel in der ur­sprüng­li­chen Spiel­stät­te, der An­ker­Brot­fa­brik, sei­ne Zel­te auf den 3000 Qua­drat­me­tern der Wie­ner Marx-Hal­le auf­schla­gen. Mit der zu­neh­men­den Be­kannt­heit kam der Wunsch auf, nicht nur der hei­mi­schen Krea­tiv­sze­ne, son­dern auch ka­ri­ta­ti­ven Pro­jek­ten ei­ne Platt­form zu ge­ben.

So tru­del­te, gera­de als in der Werk­statt die ers­te Farb­schicht an den Wän­den ge­trock­net, die ers­ten Ma­schi­nen auf­ge­stellt und die ers­ten Ge­schen­ke für die Un­ter­stüt­zer der Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne ge­bas­telt wa­ren, mit Edel­stoff un­ver­se­hens ein pu­bli­kums­wirk­sa­mer ers­ter Kun­de ein. Denn was, so Hof­stät­ter, wür­de bes­ser zu ei­nem auf- und wie­der ab­tau­chen­den Markt pas­sen als zer­leg­ba­re Mö­bel? Ei­gent­lich woll­ten sie die Bock­wer­ker nur ein­la­den, ei­ne Lounge-Ecke in der Hal­le mit ih­ren Bir­ken­ses­seln zu be­spie­len. Dann be­stell­te man gleich selbst zer­leg­ba­re Um­klei­de­ka­bi­nen – „ein­zi­ge Schwach­stel­le“ih­rer bis­he­ri­gen Events, wie die Grün­de­rin­nen mei­nen. Drei­ein­halb Me­ter hoch sol­len die­se Rund­säu­len kom­men­des Wo­che­n­en­de zwi­schen den 5000 er­war­te­ten Be­su­chern her­aus­ra­gen. Ge­plant wur­den sie von den zwei Pøl-Ar­chi­tek­ten, ge­baut von Penz und sei­nen Män­nern.

Ne­ben den Edel­stoff-Grün­de­rin­nen wer­den im­mer mehr Un­ter­neh­men auf das klei­ne Kel­ler­pro­jekt auf­merk­sam, lang­sam lau­fen die Auf­trä­ge an. Auch die Krea­ti­ven aus der Lin­zer Ta­bak­fa­brik ha­ben be­reits für ei­ne Ko­ope­ra­ti­on an­ge­klopft. Noch ist die Werk­statt je­doch im ju­ris­ti­schen Nie­mands­land und nicht mehr als ein Pro­jekt des pri­va­ten Ute-Bock-Ver­eins. Das soll sich bald än­dern. Penz will das Pro­jekt mög­lichst bald auf ei­ge­ne fi­nan­zi­el­le Bei­ne stel­len und ei­nen Zweig­ver­ein oder so­zi­al­öko­no­mi­schen Be­trieb dar­aus ma­chen. Bei die­ser zwei­ten, vom AMS un­ter­stütz­ten Va­ri­an­te, die sich vor­nehm­lich an Lang­zeit­ar­beits­lo­se rich­tet, die mit so­ge­nann­ten Tran­sit­ar­beits­plät­zen an den Markt an­ge­nä­hert wer­den sol­len, könn­te man so­gar Ge­häl­ter aus­zah­len, spinnt Penz sei­nen Plan wei­ter.

Auch spukt der Ge­dan­ke in sei­nem Kopf her­um, sich mit an­de­ren Ver­ei­nen oder Hand­werks­be­trie­ben zu­sam­men­zu­schlie­ßen, um viel­leicht ei­nes Ta­ges nicht nur ei­nen Kel­ler­raum, son­dern auch den Rest der rie­si­gen leer ste­hen­den Her­nal­ser In­nen­hof­werk­statt zu be­spie­len. Ei­nes Ta­ges.

Was wür­de bes­ser zu ei­nem auf- und ab­tau­chen­den Markt pas­sen als zer­leg­ba­re Mö­bel?

Deutsch und Tisch­lern. Noch ist das al­les Zu­kunfts­mu­sik. Vor­erst, sagt Christian Penz, sol­len sei­ne vier Mit­ar­bei­ter ein­mal ler­nen, mit ei­ner Kreis­sä­ge um­zu­ge­hen und ihr Deutsch bei der Ar­beit mit den frei­wil­li­gen Hel­fern ver­bes­sern. Denn egal wie das Pro­jekt wei­ter ver­läuft, er­gänzt der Neo­tisch­ler, Deutsch­kennt­nis­se und hand­werk­li­ches Wis­sen könn­ten beim nächs­ten An­trag auf Blei­be­recht auf je­den Fall nicht scha­den.

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