Klimts »Kuss« und die heu­ti­gen Ver­gol­der

Rich­tig gol­de­ne Zei­ten gibt es seit dem Ju­gend­stil nicht mehr, da­für viel Gol­de­nes zu re­stau­rie­ren. Die Ver­gol­der­meis­ter Kra­toch­will ver­schö­nern Bil­der- und Spie­gel­rah­men, Kir­chen­dä­cher, Pa­lais und mo­men­tan das Wie­ner Bel­ve­de­re.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON JU­LIA­NE FI­SCHER

Punkt zehn Uhr drän­gen die Tou­ris­ten­grup­pen durch den Haupt­ein­gang des Obe­ren Bel­ve­de­re. Rasch ge­lan­gen sie in den Raum mit dem Klimt-Kuss. Dort im Eck ar­bei­tet Ma­ria Kra­toch­will schon flei­ßig. Sie ist Ver­gol­der­meis­te­rin, al­so ein biss­chen das, was Gus­tav Klimt in der bil­den­den Kunst war.

Vor­sich­tig tunkt sie den Pin­sel in das Mar­me­la­de­gläs­chen, das ihr um den Hals bau­melt. Da­rin ist Al­ko­hol, den sie auf die Schich­ten der Wand­leis­te auf­trägt. Frü­her nahm man Brannt­wein da­für, wes­we­gen die­se Art der Ver­gol­dung nicht nur Poli­ment-, son­dern auch Brannt­wein­ver­gol­dung heißt. „Der Vor­gang, al­so das Auf­tra­gen des Blatt­gol­des, heißt Schie­ßen“, er­klärt ihr Mann, Karl Kra­toch­will, eben­falls Ver­gol­der. Mit ei­nem brei­ten Pin­sel nimmt sei­ne Frau be­hut­sam die fi­li­gra­ne Gold­fo­lie vom so­ge­nann­ten Ver­gol­der­kis­sen. „Ei­nen Acht­tau­sendstel­mil­li­me­ter dünn. Selbst ein Haar ist dick da­ge­gen“, sagt sie. Leicht über­lap­pend legt sie die acht mal acht Zen­ti­me­ter gro­ßen Gold­blät­ter auf die Leis­te. Ei­nes da­von kos­tet 1,50 Euro. Mas­si­ves Gold imi­tie­ren. Jetzt nimmt Ma­ria Kra­toch­will den Po­lier­stein aus Achat zur Hand. „Frü­her hat man zum Po­lie­ren Sau- oder Wolf­zäh­ne oder die Hau­er ei­nes Wild­schweins ver­wen­det“, sagt sie. Erst durch das Po­lie­ren ent­steht der Ein­druck von mas­si­vem Gold. „Die­sen Ef­fekt wür­de man mit An­strei­chen nie so hin­be­kom­men. Meis­tens sind ver­tief­te Tei­le matt, die her­vor­ge­ho­be­nen Stel­len glatt po­liert, um Plas­ti­zi­tät zu er­zeu­gen.“Ober­halb der Tür sieht man ein Bei­spiel da­für: Bei der ver­gol­de­ten Stuck­ver­zie­rung sind die Wein­trau­ben po­liert, die Blät­ter matt. Es soll wir­ken wie ein ver­gol­de­ter Bron­ze­guss oder ei­ne Gold­schmie­dar­beit – durch und durch aus Gold. „Un­se­re Tech­nik ist ei­gent­lich ei­ne Imi­ta­ti­on. Es gilt, die Zi­se­lie­rung und die fei­nen Li­ni­en, die Ver­gol­der da­mals ge­schaf­fen ha­ben, nach­zu­ma­chen“sagt Karl Kra­toch­will. Schon die al­ten Ägyp­ter hät­ten auf die­se Art ver­gol­det. Die Mu­mi­en im Kunst­his­to­ri­schen Mu­se­um wei­sen Spu­ren der Poli­ment­v­er­gol­dung auf.

Wenn die bei­den in ih­rer Frei­zeit selbst Mu­se­ums­be­su­cher sind, mahnt Herr Kra­toch­will scherz­haft sei­ne Frau: „Schau das Bild an, nicht nur, was am Rah­men aus­ge­bes­sert wer­den müss­te!“An der ab­ge­nütz­ten Wand­leis­te im Ne­ben­raum kann man den schicht­wei­sen Auf­bau bis hin­un­ter zum Holz se­hen. „Das ist si­cher schon seit 30 Jah­ren nicht mehr aus­ge­bes­sert wor­den“, schätzt Kra­toch­will. Zu­erst trägt ein Ver­gol­der in fünf bis zwölf Schich­ten wei­ßen Krei­de­grund auf. Die Mas­se muss da­zu auf ei­ner Koch­plat­te er­wärmt wer­den. „Das ist ei­ne Mi­schung aus Bo­lo­gne­ser Krei­de und Ha­sen­haut­leim. Klingt nach He­xen­kü­che, oder?“, sagt Frau Kra­toch­will la­chend. Möch­te man Or­na­men­te ein­gra­vie­ren, so schnei­det man mit dem Re­pa­rie­rei­sen Kon­tu­ren und Ver­tie­fun­gen hin­ein. „Die Krei­de ist der Kör­per für das Gold“, sagt sie. „Die Un­ter­schicht ist ein Pols­ter, mit dem man Une­ben­hei­ten aus­gleicht“, er­gänzt ihr Mann. Ton­er­de und Ei­klar als Kle­ber. Als Nächs­tes folgt das Ma­te­ri­al, das der Tech­nik den Na­men gibt: Poli­ment. Die­se ro­te oder gel­be Ton­er­de ver­mischt man mit Ei­klar als Kle­ber. Für Ver­sil­be­run­gen gibt es grau­es oder schwar­zes Poli­ment, weil die Far­be durch­wirkt und bei Ab­nut­zung sicht­bar wird. Sil­ber muss zu­sätz­lich mit Lack über­zo­gen wer­den. Gold hin­ge­gen ist das ein­zi­ge Me­tall, das nicht oxi­diert. „Im Au­ßen­be­reich ist Gold der bes­te Ober­flä­chen­schutz“, er­gänzt Ma­ria Kra­toch­will. Es hält Re­gen und Schnee stand und ver­än­dert sich nicht. Auf Me­tall, St­ein oder für In­schrif­ten auf Gr­ab­stei­nen ver­wen­det man nicht die Poli­ment­v­er­gol­dung auf Was­ser­ba­sis, son­dern was­ser­fes­te Öl­v­er­gol­dung. Kra­toch­will zeigt beim Bel­ve­de­re­fens­ter hin­aus auf das Kreuz am Turm der Karls­kir­che, die Kup­pel der Sa­le­sia­ner- kir­che und auf das Dach der rus­si­schen Kir­che. Aber auch im In­nen­be­reich kann man auf Öl­ba­sis ver­gol­den, „weil es ei­ne schnel­le­re und bil­li­ge­re Art ist“. Nur das Po­lie­ren ist dann nicht mög­lich. Bei sau­gen­dem Un­ter­grund, al­so bei­spiels­wei­se bei der Fres­co­ma­le­rei, kommt die Mor­dent­v­er­gol­dung zum Tra­gen. Da­bei klebt man Gold auf war­mes Wachs.

Sel­ten kom­men auch pri­va­te Kun­den zu den Kra­toch­wills. „Nicht je­der hat ein Pa­lais zu Hau­se, aber vie­le las­sen sich ei­nen Spie­gel- oder Bil­der­rah­men rich­ten.“Un­ter den Auf­trä­gen fin­de sich ku­rio­se Din­ge, zum Bei­spiel Schlüs­sel oder ein Ham­mer als Pen­sio­nie­rungs­ge­schenk. Karl Kra­toch­will er­zählt von ei­ner Tra­di­ti­on in den 1960er- Jah­ren: „Da hat man sich für die Vi­tri­ne den ers­ten Ba­by­schuh ver­gol­den las­sen.“Wie viel das heut­zu­ta­ge kos­ten wür­de? „150 Euro viel­leicht.“Au­ßer­ge­wöhn­lich war auch der Auf­trag vom Be­sit­zer des Ca­fe´ Landt­mann. Für den Zu­cker­bä­cker­ball woll­te er sei­ne Tor­ten ver­gol­det ha­ben.

Ma­ria Kra­toch­will er­in­nert an „Traum und Wirk­lich­keit“, die Aus­stel­lung von Hans Hollein 1985. Das lin­ke Eck der Künst­ler­haus­fas­sa­de zu ver­gol­den, zählt zu ih­ren liebs­ten Er­in­ne­run­gen. Der größ­te Auf­trag kam aber spä­ter, ge­nau­er: 2008. Vier Jah­re lang re­stau­rier­te das Paar den Ball­saal und drei Gän­ge im Pa­lais Liech­ten­stein. „So viel Gold ha­be ich in mei­nem Le­ben Ma­ria Kra­toch­will po­liert das Blatt­gold mit dem Po­lier­stein aus Achat. So ent­steht der Ein­druck von mas­si­vem Gold. nie ge­se­hen“, schwärmt die Ver­gol­der­meis­te­rin. Wenn man lang an ei­nem Pro­jekt ar­bei­tet, baut man ei­ne star­ke Be­zie­hung auf. „Das ist, als wür­de man dort woh­nen“, sagt ihr Mann la­chend. Und sie er­gänzt: „Wenn ich et­was ver­gol­de, ist das meins bis es fer­tig re­stau­riert ist. Auf ei­ner Bau­stel­le ver­tei­di­ge ich mei­nen Platz und schimp­fe, wenn je­mand staubt.“

Seit 51 Jah­ren ist Karl Kra­toch­will schon Ver­gol­der. Er kam als jun­ger Lehr­ling nach Wi­en. Die gro­ße Stadt und das Gold ha­ben ihn aus Mal­lers­bach bei Har­degg, ei­nem klei­nen Dorf an der tsche­chi­schen Gren­ze, her­ge­lockt. Als Ma­ria Kra­toch­will vor 35 Jah­ren aus Pe­ru nach Ös­ter­reich ge­kom­men ist, hat er noch als An­ge­stell­ter für ein an­de­res Un­ter­neh­men ge­ar­bei­tet. Sie be­such­te ihn bei Ver­gol­dungs­ar­bei­ten in ei­ner Kir­che und war be­geis­tert: „,Oh, das ist aber schön!‘ ha­be ich ge­sagt. Das will ich auch ma­chen.“Am zwei­ten No­vem­ber 1983 grün­de­ten die

»Frü­her hat man zum Po­lie­ren des Blatt­gol­des Sau- oder Wolfs­zäh­ne ver­wen­det.« »In den 1960er-Jah­ren hat man sich ei­nen Ba­by­schuh für die Vi­tri­ne ver­gol­den las­sen.« Gus­tav Klimt hat mit Blatt­gold, Sil­ber­fo­lie und Bron­ze­pul­ver ge­ar­bei­tet.

bei­den selbst ein Un­ter­neh­men. Mit mitt­ler­wei­le vier An­ge­stell­ten sind sie in Wi­en ei­ner der größ­ten Be­trie­be der Bran­che. Der Zeit­geist ist nicht gol­den. „Je­der, der das Ver­gol­den ken­nen­lernt, möch­te es ler­nen.“Das be­tref­fe auch jun­ge Men­schen, meint Karl Kra­toch­will. Aber mo­men­tan gibt es zu we­ni­ge Auf­trä­ge und da­mit auch kei­ne Aus­bil­dungs­plät­ze. „Als Wi­en nach dem Krieg wie­der auf­ge­baut wur­de, wa­ren Fir­men mit 25 bis 30 Mit­ar­bei­tern aus­ge­las­tet.“Doch nun wird fast nichts neu ver­gol­det in der Kunst, Ar­chi­tek­tur oder De­ko­ra­ti­on. Das sei nicht mo­dern, der Zeit­geist ein an­de­rer. „Die Ver­gol­dun­gen sind im Ju­gend­stil ge­blie­ben. In der Mo­der­ne woll­te man sich da­von ab­gren­zen.“Des­we­gen sind die Kra­toch­wills haupt­säch­lich in der Re­stau­rie­rung tä­tig. Sie zie­hen ei­ne Par­al­le­le zwi­schen die­ser und dem Denk­mal­schutz: „Das Hand­werk ist ge­nau­so schüt­zens­wert. Fein­hei­ten bei der Ver­gol­dung eig­net man sich im Lauf der Zeit an. Zwar gibt es Kur­se, aber es ge­hört auch viel Er­fah­rung da­zu.“

Trotz­dem sind die bei­den op­ti­mis­tisch: „In Wi­en gibt es viel Ver­gol­de­tes, wir sind hier ge­seg­net. Und un­ser gu­ter Klimt, der hat uns hier ja wie­der zu ei­ner Ar­beit ver­hol­fen.“Im dop­pel­ten Sinn: Ei­ner­seits, weil er vie­le Be­su­cher ins Bel­ve­de­re lockt und sich das Mu­se­um so Re­stau­rie­rungs­ar­bei­ten leis­ten kann. An­de­rer­seits, weil Klimt ver­schie­dens­te Tech­ni­ken der Ver­gol­dung an­wand­te und mit Blatt­gold, Sil­ber­fo­lie und Bron­ze­pul­ver ar­bei­te­te. „Er hat das Gold wie­der mo­dern ge­macht. Die Tra­di­ti­on, Gold im Bild zu ver­wen­den, hat­te sei­ne Blü­te­zeit ei­gent­lich bei mit­tel­al­ter­li­chen Al­tar­bil­dern. Klimt hat das im Ju­gend­stil wie­der auf­ge­nom­men. In­so­fern hat er für uns gro­ße Be­deu­tung.“

Kat­ha­ri­na Roß­both

Ma­ria Kra­toch­will bei der Ar­beit im Wie­ner Bel­ve­de­re.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.