Bo­rus­si­as deutsch-sy­ri­scher Zi­da­ne

Mön­chen­glad­bachs 20-jäh­ri­ger Mit­tel­feld-Re­gis­seur Mahmoud Dahoud bril­liert lie­ber auf dem Platz als vor dem Mi­kro­fon. Das Flücht­lings­kind, der ers­te Deutsch-Sy­rer der Bun­des­li­ga, steht sport­lich wie auch po­li­tisch im Fo­kus.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON THO­MAS VIEREGGE

Im Katz-und-Maus-Spiel auf dem Feld ent­wischt der flin­ke Mit­tel­feld-Re­gis­seur sei­nen Geg­nern zu­meist mit al­ler­lei Tricks und Fin­ten – und ab­seits des Fel­des erst recht, wenn sich Re­por­ter mit Mi­kro­fo­nen, Ka­me­ras und No­tiz­blö­cken auf die Fer­sen des 20-jäh­ri­gen Mahmoud Dahoud hef­ten, um ihm auf dem Weg in die Ka­bi­ne auf­zu­lau­ern, auf der Jagd nach ei­nem hin­ge­wor­fe­nen Zitat oder ei­nem schnel­len Match­kom­men­tar.

„Dan­ke schön“, so höf­lich wie la­ko­nisch wehrt der scheue Jung­star Gra­tu­la­tio­nen ab, wie neu­lich nach dem Sieg Mön­chen­glad­bachs im rhei­ni­schen Lo­kal­der­by ge­gen den Stö­ger-Klub Köln, als er das Spiel an sich riss und oben­drein den Sie­ges­tref­fer er­ziel­te. Er war die Schalt­stel­le im zen­tra­len Mit­tel­feld, as­sis­tiert vom Schwei­zer Gra­nit Xha­ka; er bril­lier­te als An­trei­ber mit ho­hem Lauf­pen­sum, als Ide­en- und Pass­ge­ber; der Deutsch-Sy­rer war schlicht­weg der Mann des Matchs. Aber nun, ge­gen Wolfsburg war auch er macht­los. Er sah Gelb, Glad­bach ver­lor 1:2.

Dahoud ist aber maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für das Hoch der Bo­rus­sia. Nach der Nie­der­la­gen­se­rie zu Be­ginn der Sai­son führ­te er die Mann­schaft un­ter And­re´ Schu­bert, dem neu­en Coach, an der Sei­te viel­ver­spre­chen­der Ta­len­te zu­rück un­ter die Top­teams der Li­ga. Auf­ge­fal­len war er schon des­sen Vor­gän­ger, Lu­ci­en Fav­re, der ihn un­ter sei­ne Fit­ti­che nahm. „Mo hat das ge­wis­se Et­was. Er zeigt Sa­chen, oh, la,` la“,` sag­te der Fran­ko-Schwei­zer, nach­dem Dahoud 2013 in ei­nem Test­spiel ge­gen Bay­ern Mün­chen sein Kön­nen hat­te auf­blit­zen las­sen. Ab­ge­schirmt. Die Glad­ba­cher schir­men ih­ren Neo-Star in­des­sen wie ei­ne Pre­zio­se von der Öf­fent­lich­keit ab. In­ter­views wie jüngst in der „Süd­deut­schen Zei­tung“sind ei­ne Ra­ri­tät. Nicht al­lein des­halb, weil der Klub von Pa­nik er­fasst ist, neu­er­lich ein Su­per­ta­lent an ei­nen Groß­klub wie Bay­ern Mün­chen oder Bo­rus­sia Dort­mund zu ver­lie­ren, wie dies in der Ver­gan­gen­heit schon so oft der Fall war – von Günter Net­zer, Uli Stie­li­ke und Rai­ner Bon­hof aus der „Foh­len­elf“der frü­hen 1970er-Jah­re, die es nach Spa­ni­en zog, über Lothar Mat­thä­us und Ste­fan Ef­fen­berg, den spä­te­ren Bay­ern-Ma­ta­dor, bis hin zu Mar­co Reus (Dort­mund) und Tor­hü­ter Mar­cAnd­re´ ter Ste­gen (Bar­ce­lo­na).

Dahoud be­kun­de­te einst­wei­len sei­ne Loya­li­tät zu dem Tra­di­ti­ons­klub.

Ge­bo­ren

am 1. Jän­ner 1996 im Amu­de in Sy­ri­en, emi­grier­te die Fa­mi­lie noch im sel­ben Jahr nach Deutsch­land. Als Te­enager kam Dahoud 2010 ins Nach­wuchs­zen­trum von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach.

Von 2014 an

durch­lief Dahoud die di­ver­sen Ju­gend-Na­tio­nal­teams, von der U18 bis zur U20. Sein Bun­des­li­ga­de­büt fei­er­te er im April 2015 ge­gen Bo­rus­sia Dort­mund. Un­ter Trai­ner Lu­ci­en Fav­re nur Er­satz, avan­cier­te er un­ter Andr´e Schu­bert zum Stamm- und Füh­rungs­spie­ler. „Die Bo­rus­sia hat mir viel ge­ge­ben, und das muss ich erst ein­mal zu­rück­zah­len. Ich ha­be ei­nen Traum­ver­ein, aber dar­über will ich nicht spre­chen.“Auf Dau­er, das weiß Sport­di­rek­tor Max Eberl, wird der schmäch­ti­ge 20-Jäh­ri­ge al­ler­dings nicht zu hal­ten sein. Ins­ge­heim wirbt er schon für Er­satz. Glad­bach, so sein Slo­gan, sei ein Klub, in dem sich Ta­len­te voll ent­fal­ten könn­ten.

„Mo ist un­ver­käuf­lich“, de­kre­tier­te Eberl den­noch vor­läu­fig, um dem Wett­bie­ten ein En­de zu set­zen – was die Kon­kur­renz in­des wo­mög­lich nur noch wei­ter an­sta­chelt. Denn die Top­klubs über­bie­ten sich in ih­ren An­ge­bo­ten. Dort­mund, Ju­ven­tus Tu­rin und Man­ches­ter Ci­ty, so heißt es in Mön­chen­glad­bach hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand, li­zi­tie­ren sich ge­gen­sei­tig in die Hö­he. Soll­te Ci­ty, Pep Guar­dio­las neu­er Klub, Dort­munds Spiel­ma­cher Il­kay Gün­do­gan˘ en­ga­gie­ren, wä­re Dahoud wohl ei­ne sehr se­riö­se Op­ti­on für Dort­mun­dTrai­ner Tho­mas Tu­chel. Stra­ßen­fuß­bal­ler. „Mo ist der ty­pi­sche Stra­ßen­fuß­bal­ler“, sagt Eberl wie zur Ent­schul­di­gung für das hart­nä­cki­ge Schwei­gen sei­nes schüch­ter­nen Jung­stars. „Er will das gan­ze Bal­lyhoo nicht, er will ein­fach nur Fuß­ball spie­len.“Er las­se sein Spiel für sich spre­chen. Glad­bach-Trai­ner And­re´ Schu­bert merkt an: „Al­les an­de­re ist ihm su­spekt.“

War­um Max Eberl und And­re´ Schu­bert so um­sich­tig mit Dahoud um­ge­hen, hat noch ei­nen an­de­ren Grund, ei­nen po­li­ti­schen Hin­ter­grund. Sie wol­len ihn tun­lichst vom zu­neh­mend ag­gres­si­ven öf­fent­li­chen Dis­kurs in der Flücht­lings­fra­ge fern­hal­ten. Denn als sy­ri­scher Flücht­ling kur­di­scher Her­kunft, 1996 im Al­ter von neun Mo­na­ten mit den El­tern ins Rhein­land emi­griert, stün­de Dahoud als In­ter­view­part­ner in die­sen Mo­na­ten be­son­ders hoch im Kurs. Er hält sich der­weil je­doch de­mons­tra­tiv be­deckt.

Wie sehr der Sy­ri­en-Krieg an ihm nagt und wie sehr die Flücht­lings­kri­se ihm zu Her­zen geht, of­fen­bar­te sein Ein­trag im so­zia­len Netz­werk Ins­ta­gram im Herbst nach dem auf­wüh­len­den Tod des drei­jäh­ri­gen Ay­lan Kur­di an der Ägä­is-Küs­te na­he dem tür­ki­schen Tou­ris­ten­do­mi­zil Bo­drum: „Wann wacht die Mensch­heit auf?“, lau­te­te sein auf­rüt­teln­der Ap­pell nicht nur an die Fuß­ball­fans. Sonst ver­öf­fent­licht Dahoud auf der In­ter­net­Platt­form, auf der er un­ter sei­nem Künst­ler­na­men Zi­da­ne fir­miert – ein Hin­weis auf sein Idol, an dem ihm vor al­lem des­sen Prä­senz auf dem Platz im­po­nier­te –, eher Fo­tos von sei­nen mo­di­schen Ac­ces­soires oder vom Trai­nings­la­ger im tür­ki­schen Be­lek. Als Glad­bach zum Heim­spiel im Herbst ge­gen Augs­burg Hun­der­te sy­ri­sche Flücht­lin­ge als Good­will-Ak­ti­on ins Sta­di­on ein­lud, er­ziel­te Mahmoud Dahoud prompt sein ers­tes Bun­des­li­ga­tor. Es mar­kier­te zu­gleich den Auf­takt der Sie­ges­se­rie der Bo­rus­sia.

„Ich kann auf dem Platz bes­ser zei­gen, was in mir steckt. Grund­sätz­lich wol­len die Fans se­hen, was man auf dem Platz zeigt und nicht nur vor dem Mi­kro­fon. Ich mag nicht al­le drei Ta­ge vor dem Mi­kro­fon ste­hen“, er­klär­te er in der „Süd­deut­schen“sei­ne Öf­fent­lich­keits­scheu. Je mehr er sich in­des­sen im Lau­fe der Sai­son ins Ram­pen­licht spielt, des­to mehr wird er die­se Scheu ab­le­gen – wo­mög­lich als Mit­tel­feld­mo­tor im deut­schen Olym­pia­team im Som­mer in Rio und als Zu­kunfts­hoff­nung im Na­tio­nal­team.

»Er will das gan­ze Bal­lyhoo nicht. Er will ein­fach nur Fuß­ball spie­len.« Flam­men­der Auf­ruf in der Flücht­lings­fra­ge: »Wann wacht die Mensch­heit auf?«

APA/pic­tu­re­desk.com

„Mo“Dahoud avan­cier­te zum Lieb­ling der Fans.

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