Die De­fi­ni­ti­on des wah­ren Tot­ten­ham-Fans

Wäh­rend sich die Lon­do­ner Ri­va­len Tot­ten­ham und Ar­senal mit dem 2:2 im Der­by ge­gen­sei­tig das Le­ben schwer ma­chen und »Spurs«-An­hän­ger ih­ren Hass auf »Gun­ners«-An­hän­ger pfle­gen, nä­hert sich Leices­ter Ci­ty dem Ti­tel in der Pre­mier Le­ague.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON GA­B­RI­EL RATH

Leich­ter hät­te der Ge­winn des ers­ten Meis­ter­schafts­ti­tels seit 2004 für Ar­senal wirk­lich nicht fal­len kön­nen. Die üb­li­chen Kon­kur­ren­ten, Chel­sea, bei­de Man­ches­ter-Klubs und auch Li­ver­pool, sind in der lau­fen­den Sai­son weit ent­fernt von ei­ner erns­ten An­sa­ge. Doch schwe­rer hät­ten es sich die „Gun­ners“nicht ma­chen kön­nen. Statt mit dem Ti­tel da­von­zu­lau­fen, müs­sen sie nach dem 2:2 im Nord­lon­do­ner Der­by ge­gen Tot­ten­ham (Ke­vin Wim­mer spiel­te durch) mitt­ler­wei­le schön lang­sam auf ein Wun­der hof­fen.

Noch ist in der Pre­mier Le­ague nichts ent­schie­den, aber selbst vor dem An­pfiff ge­gen Wat­ford blieb Leices­ter Ci­ty, das Sen­sa­ti­ons­team mit Christian Fuchs, an der Ta­bel­len­spit­ze. Nur noch neun Run­den tren­nen die „Fo­xes“von ei­ner der größ­ten Sen­sa­tio­nen der eng­li­schen Fuß­ball­ge­schich­te. Vom ver­meint­li­chen Fix­ab­stei­ger zum Meis­ter – das ist mehr, als sich selbst die kühns­ten Op­ti­mis­ten er­hofft hat­ten. Zu Sai­son­be­ginn bo­ten Buch­ma­cher für Leices­ter als Meis­ter ei­ne Quo­te von 5000:1 an. Und selbst Leices­ter-Ma­na­ger Clau­dio Rai­nie­ri scheint sprach­los: „Wir wol­len ein­fach wei­ter träu­men.“ Hin­ter den Spurs? Ge­gen das Über­ra­schungs­team aus den East Mid­lands den Ti­tel zu ver­lie­ren, soll­te für das Star­ensem­ble von Ar­senal schon Schmach ge­nug sein. Noch schlim­mer aber ist für ein­ge­fleisch­te Fans, in der Lon­do­ner Hack­ord­nung hin­ter den ewi­gen Ri­va­len Tot­ten­ham Hot­spur zu rut­schen. „Die Zei­ten der Do­mi­nanz von Ar­senal und Chel­sea sind vor­bei“, ver­kün­de­te Tot­ten­ham-Ver­tei­di­ger Kyle Wal­ker zu­letzt selbst­be­wusst.

Sei­nen An­teil dar­an hat auch Ke­vin Wim­mer, der sich zu­letzt zum Stamm­spie­ler mau­ser­te. „Er ist ein sehr cle­ve­rer Spie­ler“, streut Ma­na­ger Mau­ricio Po­chet­ti­no dem 23-jäh­ri­gen Ober­ös­ter­rei­cher, den er im Som­mer von Köln nach Lon­don ge­holt hat­te, Ro­sen. „Er hat gro­ße Qua­li­tät und spielt mit gro­ßer Rei­fe.“Tot­ten­ham hat nicht nur die bes­te Ver­tei­di­gung der Pre­mier Le­ague mit den we­nigs­ten Ge­gen­tref­fern, die „Spurs“stel­len auch die jüngs­te Mann­schaft. Sie läuft mehr als al­le an­de­ren Teams, macht die meis­ten Tack­lings mit Ball­ge­winn und be­geht die meis­ten Fouls.

Das ist die Hand­schrift von Ma­na­ger Po­chet­ti­no. Der Ar­gen­ti­ni­er führ­te nicht nur ein gna­den­lo­ses Fit­ness- und Übungs­re­gime ein – Wim­mer be­rich­te­te am An­fang sei­nes Lon­don-Aben­teu­ers von „wirk­lich har­tem Trai­ning“–, er hat die Mann­schaft mit ho­hem Pres­sing und ra­san­tem Tem­po­wech­sel auch auf ei­ne neue Ebe­ne ge­ho­ben. Re­vo­lu­ti­on Whi­te Hart La­ne. Von ei­ner „Fuß­ball­re­vo­lu­ti­on“an der Whi­te Hart La­ne spricht et­wa auch der Re­por­ter Je­re­my Wil­son. Ne­ben der Meis­ter­schaft ist Tot­ten­ham auch noch in der Eu­ro­pa Le­ague en­ga­giert. „Frü­her hat es als Sai­son­ziel ge­reicht, vor Ar­senal in der Ta­bel­le zu lie­gen“, sagt der ehe­ma­li­ge „Spurs“-Ma­na­ger Har­ry Red­knapp, er­in­nernd an Jahr­zehn­te des klubin­ter­nen Mi­ni­ma­lis­mus. „Das ist vor­bei. Jetzt hat man den Ti­tel im Au- ge“, fügt Red­knapp hin­zu. Es wä­re der ers­te seit 55 Jah­ren.

So lang ha­ben nicht ein­mal Chel­sea und Man­ches­ter Ci­ty, die sich ih­ren Auf­schwung mit Olig­ar­chen- und Öl­mil­li­ar­den er­kauf­ten, war­ten müs­sen. Die ge­sam­te Ge­schich­te Tot­ten­hams ist mehr auf Le­gen­de denn tat­säch­li­che Sie­ge ge­grün­det. Zwei Meis­ter­ti­tel in der obers­ten Spiel­klas­se seit der Ver­eins­grün­dung 1882 und acht Cup­sie­ge sind nicht welt­be­we­gend. Doch die Ri­va­li­tät mit Ar­senal (13 Meis­ter­ti­tel, zwölf Cup­sie­ge) ist prak­tisch so alt wie die bei­den Klubs selbst. Nur vier Mei­len tren­nen ih­re bei­den Sta­di­en; das ein­zi­ge Mal in der Ge­schich­te, dass Ar­senal im Tot­ten­ham-Sta­di­on Heim­spie­le aus­tra­gen durf­te, war wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs.

Kein Der­by ist Freund­schafts­sa­che, welt­weit nicht. Egal ob Ra­pid ge­gen Aus­tria. AC Mi­lan ge­gen In­ter Mai­land. Dort­mund ge­gen Schal­ke, de­rer gibt es son­der Zahl. Aber kaum ei­nes wird mit so viel Er­bit­te­rung, Hä­me und Feind­schaft be­strit­ten wie Ar­senal ge­gen Tot­ten­ham; von Fans wie von Spie­lern. Als Ar­senal im Mai 2015 ge­gen As­ton Vil­la den FA-Cup ge­wann, fei­er­te Mit­tel­feld­spie­ler Jack Wils­he­re mit den Mas­sen, in­dem er rief: „Was den­ken wir über Tot­ten­ham?“Zu­rück tön­te es wohl­ge­übt: „Schei­ße“. Dar­auf Wils­he­re: „Was den­ken wir über Schei­ße?“Die Mas­se er­wi­der­te: „Tot­ten­ham“.

Die Ab­nei­gung be­ruht ganz auf Ge­gen­sei­tig­keit, sie ist re­gel­recht ein Kul­tur­gut ge­wor­den für bei­de Ver­ei­ne und ih­re An­hän­ger. Der Re­gis­seur Theo De­la­ney sagt: „Ich ver­ach­te Ar­senal. Ich has­se ein­fach al­les an ih­nen. Es ist ge­ra­de­zu die De­fi­ni­ti­on des wah­ren Tot­ten­ham-Fans, dass er Ar­senal hasst.“Die­se Feind­schaft ist we­der po­li­tisch noch eth­nisch und nicht ein­mal recht so­zio­lo­gisch er­klär­bar: Zwar wur­de Ar­senal in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren un­ter dem fran­zö­si­schen Ma­na­ger Ar­sene Wen­ger zum Lieb­lings­ver­ein ei­nes links­li­be­ra­len Mi­lieus mit über­durch­schnitt­li­chem Ein­kom­men und stol­zem Selbst­wert­emp­fin­den. Der klas­si­sche Ar­senal-Fan ist auch von ex­akt dem­sel­ben Schlag wie der klas­si­sche Tot­ten­ham-Fan und „pfef­fert“

Gibt es Schlim­me­res, als den Ti­tel zu ver­lie­ren? Ja. Hin­ter Ar­senal in der Ta­bel­le zu sein. Re­gis­seur Theo De­la­ney: »Ich ver­ach­te Ar­senal. Ich has­se ein­fach al­les an ih­nen.«

mun­ter sei­ne Sät­ze mit vier­buch­sta­bi­gen Wor­ten, die mit F be­gin­nen und durch­wegs nicht Foul lau­ten. Vom Denk­mal zur Mu­mie. Wäh­rend die Sai­son in die Ziel­ge­ra­de ein­biegt, ma­chen sich un­ter den „Gun­ners“-Fans Sor­ge und Miss­mut breit. Man zahlt nicht gern Jahr für Jahr die höchs­ten Ti­cket­prei­se, die es dem Ver­ein er­lau­ben, auf 160 Mil­lio­nen Pfund Cash zu sit­zen, um ein aufs an­de­re Mal zu den gro­ßen Ver­lie­rern der Li­ga zu ge­hö­ren. Wäh­rend die Kon­kur­renz be­reits für das nächs­te Jahr auf­rüs­tet – Man­ches­ter Ci­ty holt Pep Guar­dio­la, bei Chel­sea wird An­to­nio Con­te er­war­tet, bei Man­ches­ter Uni­ted ist Jo­se´ Mour­in­ho an­te por­tas –, wird Wen­ger von den Fans im­mer hef­ti­ger in­fra­ge ge­stellt. Vom Denk­mal zur Mu­mie ist es nicht mehr weit. Über die­ses ewi­ge Schei­tern aber weiß der Schrift­stel­ler und Ar­senal-An­hän­ger Nick Horn­by („Fe­ver Pitch“): „Der na­tür­li­che Zu­stand des Fuß­ball­fans ist bit­te­re Ent­täu­schung. Egal wie der Spiel­stand lau­tet.“

AFP

Ar­senal hat­te Glück, schaff­te zu zehnt noch den Aus­gleich – Mo­ha­med El­ne­ny ge­wann das Du­ell ge­gen Tot­ten­hams Dan­ny Ro­se.

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