Die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Denk saß auf der Ter­ras­se sei­ner Schre­ber­gar­ten­hüt­te und ge­noss die mil­de Früh­lings­son­ne. Ge­dan­ken­ver­lo­ren griff er nach dem Glas, das er ne­ben dem Ses­sel ab­ge­stellt hat­te. Da­bei stieß er ver­se­hent­lich die Bier­fla­sche um, wor­auf die­se laut klir­rend über den St­ein­bo­den kul­ler­te. Er­schro­cken blick­te er sich um. Es war kurz nach 14 Uhr. Zwi­schen 13 und 15 Uhr herrsch­te in der Schre­ber­gar­ten­an­la­ge ein ab­so­lu­tes Ru­he­ge­bot. Ernst Lipp, der Vor­sit­zen­de des Ver­eins, ach­te­te mit Ar­gus­au­gen auf die strik­te Ein­hal­tung der Haus­ord­nung. Erst vor zwei Wo­chen hat­te er den Hin­aus­wurf ei­nes Päch­ters durch­ge­setzt, weil die­ser wäh­rend der Ru­he­zeit zu laut Mu­sik ge­spielt hat­te. Die stren­ge Über­wa­chung, der er hier aus­ge­setzt war, war Denk ein Gräu­el. Nur sei­ner Frau zu­lie­be hat­te er die Mit­glied­schaft noch nicht ge­kün­digt.

Er­leich­tert stell­te er fest, dass das klei­ne Miss­ge­schick mit der Fla­sche un­be­merkt ge­blie­ben war. Er mach­te es sich wie­der auf dem Ses­sel be­quem, um zu dö­sen. Trotz al­lem konn­te er nicht ver­heh­len, dass der Auf­ent­halt im Schre­ber­gar­ten auch Vor­zü­ge mit sich brach­te. Im­mer wenn sie hier wa­ren, ver­gaß El­fi auf ih­re Diät­be­mü­hun­gen und ließ ihm bei der Spei­sen­zu­be­rei­tung freie Hand. Heu­te Abend wür­de er zum ers­ten Mal in die­sem Jahr gril­len. Al­lein der Ge­dan­ke an die Schweins­ko­te­letts, die er am Vor­mit­tag bei sei­nem Lieb­lings­metz­ger be­sorgt hat­te, reich­ten, um ihm das Was­ser im Mund zu­sam­men­lau­fen zu las­sen.

Ein lau­ter Schrei riss ihn aus sei­nen Träu­men. Er sprang auf und späh­te in die Rich­tung, aus der der Hil­fe­ruf ge­kom­men war. In der Nä­he von Lipps Hüt­te stieg dich­ter Rauch in den Him­mel. Denk eil­te ge­mein­sam mit an­de­ren zum Grund­stück des Ver­eins­vor­sit­zen­den. Ei­ni­ge Män­ner stan­den mit ih­ren Feu­er­lö­schern be­reits vor dem bren­nen­den Ge­rä­te­schup­pen und be­müh­ten sich, die Flam­men zu er­sti­cken. Lipp saß be­nom­men auf dem Bo­den. Sein Ge­sicht war ruß­ge­schwärzt.

„Ich woll­te den Ra­sen mä­hen“, stam­mel­te er. „Wä­re ich nicht zum Schup­pen ge­gan­gen, um den Ra­sen­mä­her zu ho­len, hät­te ich das Feu­er nicht ent­deckt und wä­re er­bärm­lich ver­brannt.“Plötz­lich ver­zerr­te sich sein Ge­sicht vor Zorn. „Das war ein An-

HONIGWABE

Ernst Schmid

ist Haupt­schul­leh­rer in Linz und hat be­reits zahl­rei­che Ge­dicht­bän­de und Kri­mi­nal­ro­ma­ne ver­öf­fent­licht, zu­letzt „Das Him­mel­reich geht in die Luft“(2014, Kehr­was­ser Ver­lag).

www.kri­mi­au­to­ren.at schlag“, brüll­te er. „Ein An­schlag auf mich und die gan­ze Sied­lung. Und ich weiß auch, wer da­hin­ter­steckt.“Er wies mit der Hand Rich­tung Bun­des­stra­ße.

Dort wa­ren vor zwei Mo­na­ten in ei­nem leer ste­hen­den Ho­tel 30 Asyl­wer­ber un­ter­ge­bracht wor­den. Sehr zum Miss­fal­len von Lipp, der nichts un­ver­sucht ge­las­sen hat­te, ih­ren Ein­zug zu ver­hin­dern.

„Ich ha­be ge­ahnt, dass sie sich an mir rä­chen wol­len.“Denk wuss­te, wor­auf Lipp an­spiel­te. Am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de hat­ten sich zwei jun­ge Bur­schen aus dem Heim in den Schre­ber­gar­ten ver­irrt. Lipp hat­te sie ge­stellt und des Dieb­stahls be­zich­tigt. Nur dem Ein­grei­fen von Denk war es zu ver­dan­ken ge­we­sen, dass Lipp und die an­de­ren die bei­den nicht ver­prü­gelt hat­ten. Mit­hil­fe ei­nes Dol­met­schers hat­te er in Er­fah­rung ge­bracht, dass die man­geln­den Deutsch­kennt­nis­se Schuld an ih­rem un­er­laub­ten Ein­drin­gen tru­gen. Sie hat­ten den Hin­weis am Ein­gang, dass Un­be­fug­ten der Zu­tritt ver­bo­ten war, nicht ver­stan­den.

Auch jetzt schien die Stim­mung wie­der zu kip­pen. Ver­ein­zel­te Ru­fe wur­den laut, es dem Ges­in­del dort drü­ben ein­mal zu zei­gen.

„Und wer sagt dir, dass es nicht Mai­er war?“, warf ei­ner der Um­ste­hen­den ein, den Denk als sehr be­son­ne­nen Men­schen schät­zen ge­lernt hat­te. Mai­er war je­ner Päch­ter, den Lipp vor zwei Wo­chen hin­aus­ge­wor­fen hat­te. „Auch er hat ge­schwo­ren, es dir heim­zu­zah­len. Viel­leicht soll­ten wir es Kurt über­las­sen her­aus­zu­fin­den, wer das ge­tan hat.“

Die meis­ten pflich­te­ten dem Mann bei, wes­halb Denk nichts an­de­res üb­rig blieb, als sich der Sa­che an­zu­neh­men. Mit ge­misch­ten Ge­füh­len be­trat er das Asyl­wer­ber­heim. Ei­ne Be­fra­gung wie die­se war ei­ne äu­ßerst heik­le An­ge­le­gen­heit. Schnell ge­riet man in den Ver­dacht, et­was ge­gen Aus­län­der zu ha­ben. An­de­rer­seits war nicht von der Hand zu wei­sen, dass die bei­den ein Mo­tiv hat­ten. Im­mer­hin war Lipp nicht sehr zim­per­lich mit ih­nen um­ge­sprun­gen. Er fand die bei­den Bur­schen in der Kü­che. Auch die an­de­ren Heim­be­woh­ner hiel­ten sich dort auf. Im Raum roch es nach Rauch. Der Gestank moch­te al­ler­dings auch von dem al­ten Herd her­rüh­ren. Mit­hil­fe des Dol­met­schers, der zu­fäl­lig an­we­send war, kon-

BUCHSTABENBUND fron­tier­te er die bei­den mit den Vor­wür­fen. Als sie ver­stan­den, was er ih­nen un­ter­stell­te, schau­ten sie ihn ent­setzt an. „Sie sa­gen, dass sie Angst vor den Men­schen dort drü­ben ha­ben und nie wie­der in der Sied­lung spa­zie­ren ge­hen wer­den.“„Fra­gen Sie die bei­den, wo sie ge­gen 14 Uhr wa­ren!“Die Bur­schen er­wi­der­ten et­was, was die an­de­ren Heim­be­woh­ner zu be­stä­ti­gen schie­nen. „Sie wa­ren den gan­zen Tag im Haus. Das kön­nen die An­we­sen­den be­zeu­gen.“

Es gab kei­nen Grund, an ih­rer Aus­sa­ge zu zwei­feln. Trotz­dem stand das Ali­bi auf sehr wa­cke­li­gen Bei­nen. Fast hoff­te er, dass sich Mai­er als Tä­ter her­aus­stell­te. „Kurt, was ver­schafft mir das Ver­gnü­gen?“, be­grüß­te ihn die­ser über­rascht. Denk fa­ckel­te nicht lan­ge und er­zähl­te ihm, was pas­siert war. „Und jetzt will mir Lipp die­se Sa­che in die Schu­he schie­ben. Ich hof­fe, du glaubst ihm nicht.“Denk zuck­te mit den Ach­seln. „Im­mer­hin hast du bei dei­nem Ab­gang ge­droht, ihm die Bu­de über dem Kopf ab­zu­fa­ckeln.“„Das ha­be ich doch nicht so ge­meint. So et­was wür­de ich nie ma­chen.“„Trotz­dem muss ich dich fra­gen, wo du heu­te ge­gen 14 Uhr warst.“

Mai­er schau­te ihn un­si­cher an. „Ich war zu Hau­se und ha­be mein Mit­tags­schläf­chen ge­hal­ten.“„Gibt es da­für Zeu­gen?“„Lei­der nicht! Seit un­se­rem Hin­aus­wurf ver­bringt Sil­via je­de freie Mi­nu­te im Schre­ber­gar­ten ih­rer Freun­din.“Denk muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass er kei­nen Schritt wei­ter­ge­kom­men war. Was soll­te er nur den an­de­ren sa­gen? Sie er­war­te­ten von ihm, dass er ih­nen ei­nen Tä­ter prä­sen­tier­te.

Un­schlüs­sig blieb er vor dem Ein­gang zum Schre­ber­gar­ten ste­hen. Sein Blick fiel auf die Haus­ord­nung, die dort an­ge­bracht war, und plötz­lich wuss­te er, was er über­se­hen hat­te.

Wen ver­däch­tigt Denk? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Wo­her kennt Ernst Bit­te­rer die Tat­zeit, wenn er sei­ne Frau nicht ge­tö­tet hat?

KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.