Wie lang kratzt die Na­del?

Jetzt ist die Ju­ke­box­fir­ma Wur­lit­zer in­sol­vent. Ih­re Ap­pa­ra­te sind schon lang in der Ewig­keit. Dort kann man sie be­su­chen, zum Bei­spiel in der Wie­ner Lan­des­ge­richts­stra­ße.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON THO­MAS KRAMAR

Hey, Mis­ter DJ, put a re­cord on, I wan­na dan­ce with my ba­by“, sang Ma­don­na im Song „Mu­sic“. Das war im Sep­tem­ber 2000: So ge­nau lässt sich da­tie­ren, wann sie alt und schrul­lig wur­de. Denn na­tür­lich war und ist es hoch­not­pein­lich, ei­nen Plat­ten­ver­le­ger (wie man 2000 gern sag­te) so an­zu­spre­chen. Ein DJ-Abend ist kein Wunsch­kon­zert! Auch in Lo­ka­li­tä­ten, wo die Mu­sik per Com­pu­ter­pro­gramm ge­steu­ert wird – das hat sich selt­sa­mer­wei­se eher auf dem Land durch­ge­setzt –, ist es kaum er­wünscht, dass ein Gast die Kon­trol­le zu über­neh­men ver­sucht.

War das je an­ders? Der Chor der Al­ten ant­wor­tet: Ja, das war sei­ner­zeit an­ders. Sei­ner­zeit hat­ten die Mu­sik­lo­ka­le sehr wohl ple­bis­zi­tä­ren Cha­rak­ter. Sei­ner­zeit, als es noch die Ju­ke­box gab, im Ide­al­fall pro­du­ziert von der se­li­gen Ru­dol­ph Wur­lit­zer Com­pa­ny. Se­lig darf man sie jetzt mit noch mehr Recht nen­nen, denn das Amts­ge­richt in Bie­le­feld – je­ner Stadt, vor der wir trotz im­mer wie­der ge­äu­ßer­ter Zwei­fel doch an­neh­men wol­len, dass sie exis­tiert – hat am An­fang des lau­fen­den Mo­nats be­stä­tigt, dass das In­sol­venz­ver­fah­ren über die deut­sche Toch­ter­fir­ma von Wur­lit­zer er­öff­net sei.

„Das wär doch et­was für dich“, sag­te die Che­fin un­se­res „Le­ben“-Res­sorts. „Magst nicht et­was Nach­denk­li­ches über die Ju­ke­box schrei­ben?“Was sie nicht sag­te (aber trotz­dem zu hö­ren war): Du bist ja wohl alt ge­nug.

Dan­ke. Sehr nett. Muss man ein­ste­cken. Ich darf aber ver­si­chern: Die Ju­ke­box war schon alt, als ich jung war. Schon in den spä­ten Sieb­zi­ger­jah­ren war sie nost­al­gisch, wie Pol­ka­dots, Pfer­de­schwän­ze und Pe­ter Kraus, um nicht El­vis Pres­ley zu sa­gen. Na­tür­lich, die­se Au­to­ma­ten glit­zer­ten in vie­len Gast­stät­ten, aber wir, Punks im Her­zen, Si­cher­heits­na­deln an den Sak­kos, ha­ben sie nie oh­ne Iro­nie be­dient. Oder? Ja, viel­leicht an die­sem ei­nen Abend in der letz­ten of­fe­nen Hüt­te in die­sem elen­den Ski­ort, als wir Schil­ling um Schil­ling ein­war­fen, um noch ein­mal und noch ein­mal „The Lo­gi­cal Song“von Su­per­tramp zu hö­ren und da­zu so aus­drucks­voll zu tan­zen, dass der Rest der Gäs­te ent­setzt „Sperr­stun­de!“rief. Ein schreck­li­cher Song, kei­ne Fra­ge, aber es gab kei­nen bes­se­ren in die­sem Wur­lit­zer, und mit je­dem Ach­tel Ri­bi­sel­wein wur­de er bes­ser. Wer das ei­ne schö­ne Ju­gend nennt, hat sie nicht er­lebt. „Hupf in Gatsch und schlag’ a Well’n“, wie Ge­org Dan­zer sang. Auch das war ein Ju­ke­box­song, mit ei­ner groß­ar­ti­gen B-Sei­te: „Ru­af mi net an“. Über­haupt die B-Sei­ten. Wenn ei­nem ir­gend­was an den Vi­nyl­sin­gles ab­geht (und ei­gent­lich will man ja nicht, dass ei­nem was ab­geht), dann die B-Sei­ten. Nur ein Bei­spiel: Wenn man in ei­ner Ju­ke­box „Jum­pin’ Jack Flash“von den Rol­ling Sto­nes fand – oh­ne­hin schon ein Glück! –, dann war da auf der Rück­sei­te „Child of the Moon“, und da­mit konn­te man das trübs­te Bei­sel in ei­ne psy­che­de­li­sche Wun­der­kam­mer ver­wan­deln, da­mit wur­de aus dem schals­ten Mül­ler-Thur­gau ein Zau­ber­trank. So wur­de man zum Gestal­ter, zum Sound­track­meis­ter, zum Welt­ver­bes­se­rer.

Pe­ter Hand­ke, der das na­tür­lich noch in ei­ner Jetzt­zeit, nost­al­gie­frei, akut er­lebt hat, schrieb 1990 in sei­nem „Ver­such über die Ju­ke­box“: „In dem hal­len­den Stahl­gi­tar­ren-Ritt von ,Apa­che‘ wur­de das mief­kal­te und ver­rülps­te ,Es­pres­so-Stüb­chen‘ an der Durch­fahrts­stra­ße von der ,Stadt der Volks­er­he­bung von 1920‘ zur ,Stadt der Volks­er­he­bung von 1938‘ an­ge­schlos­sen an ei­ne ganz an­de­re Elek­tri­fi­zie­rung, mit der man, an der leuch­ten­den Ska­la in Hüft­hö­he, die Num­mern von , Mem­phis, Ten­nes­see‘ wäh­len konn­te, in sich selbst den ge­heim­nis­vol­len , Schö­nen Frem­den Mann‘ her­an­wach­sen spür­te und das Rum­peln und Quiet­schen der Las­ter drau­ßen auf der Bun­des­stra­ße um­ge­wan­delt hör­te in das gleich­mä­ßig so­no­re Da­hin­zie­hen ei­nes Trecks auf der ,Rou­te 66‘, mit dem Ge­dan­ken: Gleich wo­hin ein­mal – nur Auf­bruch!“

Er­in­ne­rung an ei­nen Auf­bruch: Je­der, der trotz al­lem im­mer noch der Pop­mu­sik treu blei­ben will, ihr treu bleibt, er­tappt sich da­bei, dass er nur mehr das in ihr und aus ihr hört. Ge­fan­gen im kleb­ri­gen Netz der Nost­al­gie. Re­tro. „One Mo­re Ti­me“, wie die fran­zö­si­sche Band Daft Punk 2001 sang. Ne­bel im Bendl. „One Mo­re Ti­me“steht auch auf der Wur­lit­zer-Ju­ke­box in Wi­en, die wohl heu­te noch am in­ten­sivs­ten in Be­trieb ist. Sie steht im Ca­fe´ Bendl, Lan­des­ge­richts­stra­ße 6. Wer be­auf­tragt wur­de, über das Phä­no­men Ju­ke­box zu schrei­ben, muss dort­hin. Und trifft gleich ei­nen Be­kann­ten, den man seit 20 Jah­ren nicht mehr ge­se­hen hat. Viel­leicht, weil man selbst seit 20 Jah­ren nicht mehr im Bendl war. Dort ist al­les gelb­braun, ne­be­lig und un­ver­än­dert, der Be­kann­te und die Ju­ke­box auch. „Zwickt’s mi“, „YMCA“, „An­gie“, „Do It Again“. Die neu­es­te Num­mer:

Wer »Jum­pin’ Jack Flash« fand, fand auch das ma­gi­sche »Child of the Moon«. Hier steht für im­mer »Jim­my Hen­d­rix«, in der Ewig­keit gibt es kei­ne Kor­rek­to­ren.

Han­si Or­so­lics, „Mei pot­scher­tes Leb’n“, 1986. Bei „Hey Joe“steht im­mer noch „Jim­my Hen­d­rix“, in der Ewig­keit gibt es kei­ne Kor­rek­to­ren. Man trinkt Wein aus Was­ser­glä­sern oder „Koks“(In­län­der-Rum mit Kaf­fee­boh­nen), man wirft mit Bier­de­ckeln. Hier sit­zen kei­ne Al­ten, son­dern Stu­den­ten – und hö­ren das Pro­gramm von 1975, Abend für Abend, Mün­ze für Mün­ze. Es kracht und gram­melt, die Hö­hen feh­len längst, hier läuft ein grau­sa­mes Lang­zeit­ex­pe­ri­ment: Wie lang kann ei­ne Na­del über ei­ne Schall­plat­te krat­zen, bis die Ril­len leer sind, bis der letz­te Ton her­aus­ge­kratzt, die Plat­te ab­ge­kratzt ist?

Lang noch. Ewig währt am längs­ten, aber die Ju­ke­box hält sich auch ganz gut. Nichts wie weg hier. Auf­bruch. Sperr­stun­de!

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