Die Lie­be ei­nes Va­ters

Wie lebt man mit der schwe­ren Be­hin­de­rung sei­nes Kin­des? Der bra­si­lia­ni­sche Au­tor Dio­go Mai­nar­di hat die Er­fah­rung in 424 Schrit­ten ver­ar­bei­tet.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON DORIS KRAUS

Den ers­ten Schlag in die Ma­gen­gru­be lan­det Dio­go Mai­nar­di be­reits nach 22 Zei­len. Da er­zählt er, wie er mit sei­ner Frau An­na vor dem Kran­ken­haus von Ve­ne­dig am Cam­po San­ti Gio­van­ni e Pao­lo steht. Es ist der 30. Sep­tem­ber 2000, der Tag, an dem ihr Sohn Ti­to ge­bo­ren wer­den soll. „Ich ha­be Angst vor der Ge­burt“, sagt An­na. Das Spi­tal, das sie aus­ge­sucht ha­ben, steht seit ei­ni­ger Zeit im­mer wie­der we­gen sei­ner Be­hand­lungs­feh­ler in der Kri­tik. Dio­go Mai­nar­di ant­wor­tet nicht, be­trach­tet nur ver­sun­ken das spek­ta­ku­lä­re Por­tal des Kran­ken­hau­ses aus dem Jahr 1489, ent­wor­fen von Pie­tro Lom­bar­do. „Bei die­ser Fas­sa­de“, sagt er schließ­lich, „neh­me ich so­gar ein ver­krüp­pel­tes Kind.“

Wenn es im Le­ben ei­nes je­den Men­schen ei­nen Satz gibt, an den man im­mer wie­der mit Schau­dern zu­rück­denkt, dann ist es für Dio­go Mai­nar­di die­se läs­sig hin­ge­wor­fe­ne Be­mer­kung. Denn die Ent­bin­dung Ti­tos ge­rät zum Alb­traum. Die dienst­ha­ben­de Ärz­tin be­schließt, die Frucht­bla­se zu öff­nen. Nach­dem die Ge­burt aber für ei­nen sol­chen Ein­griff noch nicht weit ge­nug fort­ge­schrit­ten ist, wird die Sau­er­stoff­zu­fuhr ab­ge­klemmt und Ti­to er­lei­det ei­nen Hirn­scha­den. Die­ser hat Aus­wir­kun­gen auf sei­nen Be­we­gungs­ap­pa­rat. Die end­gül­ti­ge Dia­gno­se er­folgt, kurz be­vor Ti­to ein hal­bes Jahr alt wird: Ze­re­b­ral­pa­re­se, spas­ti­sche Hirn­läh­mung. Jahr­zehnt der Emo­ti­on. Dio­go Mai­nar­dis Welt ge­riet am 30. Sep­tem­ber 2000 aus den Fu­gen, sechs Mo­na­te spä­ter stürz­te sie voll­ends ein – doch an ih­rer Stel­le ent­stand ei­ne neue. Der aus Bra­si­li­en stam­men­de Ro­man­au­tor und Jour­na­list, ein Mann des Geis­tes, ein Be­wun­de­rer der Schön­heit, der ge­drech­sel­ten Wor­te und der in­tel­lek­tu­el­len Lei­den­schaf­ten, fand sich plötz­lich ei­nem Säug­ling ge­gen­über, der im Kreuz­gang des Kran­ken­hau­ses wie tot in sei­nem Trans­port­wa­gen lag, mit grü­nem Ge­sicht und ei­nem Schlauch in der Na­se. Und er fand in sich ei­ne über­wäl­ti­gen­de ani­ma­li­sche Lie­be, wie er sie noch nie emp­fun­den hat­te. „Ich ha­be Gott nie ver­ehrt, ich ha­be den Men­schen nie ver­ehrt. Ti­to aber ver­eh­re ich. [. . .] Ti­to ist al­les.“

Zehn Jah­re nach der Ge­burt sei­nes Soh­nes schrieb er sei­ne Er­in­ne­run­gen nie­der. „Ich emp­fand das drin­gen­de Be­dürf­nis, die­ses Jahr­zehnt der Emo­ti­on und die be­din­gungs­lo­se Lie­be, die mich so lan­ge do­mi­niert hat­te, auch in­tel­lek­tu­ell zu ver­ar­bei­ten“, sagt Mai­nar­di. Das Er­geb­nis ist ein er­staun­li- ches Buch, das die­ser Ta­ge er­schie­nen ist. Es ist ei­ne Col­la­ge aus his­to­ri­schen Fak­ten und per­sön­li­chen Ein­bli­cken, aus Il­lus­tra­tio­nen, Ge­mäl­den und pri­va­ten Fo­tos, ein emo­tio­na­les Scrap­book, ei­ne Mi­schung aus Selbst­kri­tik und An­kla­ge­schrift, ei­ne Rei­se zwi­schen den Ka­nä­len von Ve­ne­dig und dem Strand von Ipa­ne­ma in Rio de Janei­ro. Und es legt be­ein­dru­ckend Zeug­nis da­von ab, wie ei­ne Fa­mi­lie sich der Be­hin­de­rung ih­res Kin­des mit Ent­schlos­sen­heit, Ein­falls­reich­tum und Hu­mor stellt. „Ich ha­be die­ses mein ver­krüp­pel­tes Kind mit Freu­de an­ge­nom­men, und mit wel­cher Freu­de noch da­zu. Ich ha­be ihn vom ers­ten Mo­ment an ein­fach über al­les ge­liebt.“

Ein gu­tes Bei­spiel für die „Me­tho­de Mai­nar­di“ist der Fall, der dem Buch zu sei­nem Ti­tel ver­half. Die­ser Fall war ver­ant­wort­lich da­für, dass die Angst vor Ti­tos Be­hin­de­rung sehr bald vor­über­ging. „Ti­to lag in mei­nem Schoß“, schreibt Mai­nar­di. „Ich saß auf dem So­fa im Wohn­zim­mer und las Zei­tung. Mei­ne Frau lief ge­schäf­tig hin und her, da­bei ver­fing sie sich mit dem Fuß an ei­ner Tep­pich­kan­te und stürz­te di­rekt vor un­se­rer Na­se hin. Als Ti­to den Sturz sah, lach­te er laut auf. Al­so täusch­ten wir wei­te­re Stür­ze vor. Und er lach­te, lach­te und lach­te. Wir lach­ten mit ihm.“Der Slap­stick wur­de ei­ne Spra­che, die sie al­le ver­stan­den.

Ti­to lacht auch, wenn er selbst fällt. Und er fällt sehr oft. Auf­grund sei­ner Be­hin­de­rung kann er nicht selbst­stän­dig ge­hen. Sein ers­tes Fort­be­we­gungs­mit­tel ist sein Va­ter, sein zwei­tes ein Rut­sch­au­to, das drit­te sein Geh­wa­gen, der ihn bis heu­te be­glei­tet. Da­zwi­schen übt er im­mer wie­der, oh­ne Hil­fe zu ge­hen. Dio­go zählt Ti­tos Schrit­te. Bei je­dem Fall be­ginnt er wie­der von Neu­em. Win­ter in Bra­si­li­en. Doch selbst, wenn Ti­to sich auf­grund sei­nes son­ni­gen Ge­müts über sei­ne Stür­ze amü­siert, ver­letzt er sich auch. Als ein Arzt rät, die feuch­ten ve­ne­zia­ni­schen Win­ter­mo­na­te zu mei­den, fliegt die Fa­mi­lie nach Bra­si­li­en. Für Dio­go Mai­nar­di ist das kei­ne ge­plan­te Rück­kehr. „Ich bin aus Bra­si­li­en weg­ge­gan­gen, um weit weg von Bra­si­li­en zu sein“, schreibt er. Doch jetzt bie­tet der Strand von Ipa­ne­ma der Fa­mi­lie al­les, was Ti­to braucht: Was­ser, Sand und die Mög­lich­keit, ge- fahr­los zu fal­len. Und da­bei zu la­chen. Als Dio­go und An­na aus dem Flug­zeug stei­gen, ha­ben sie vor, zwei Mo­na­te zu blei­ben. Dar­aus wer­den neun Jah­re.

In die­ser Zeit macht Ti­to mit der Hil­fe ei­ner Bo­bath-The­ra­peu­tin, die auf die Be­hand­lung von Pa­ti­en­ten mit Ze­re­b­ral­pa­re­se spe­zia­li­siert ist, er­staun­li­che Fort­schrit­te. Er lernt zu­erst, mit­hil­fe ei­nes Ap­pa­rats zu kom­mu­ni­zie­ren, bei dem er auf bun­te Bild­chen drückt, um mit­zu­tei­len, was er braucht. Sein Bru­der Ni­co wird ge­bo­ren. Ti­to be­ginnt zu spre­chen. Und hört nicht mehr auf. Zwar ver­steht ihn am An­fang nie­mand, doch das bes­sert sich bald. Ti­to kann im­mer wei­ter ge­hen, er lernt, sich zu ver­stän­di­gen, er tritt als Be­schüt­zer sei­nes klei­nen Bru­ders auf. „Uns ging es gut in Rio“, schreibt Mai­nar­di. „Wir wa­ren be­reit weg­zu­ge­hen.“Das klingt nur im ers­ten Mo­ment nach ei­nem Wi­der­spruch. „Mei­ne Frau ist Ve­ne­zia­ne­rin. Doch auch ich lieb­te Ve­ne­dig, ich lieb­te mein al­tes Le­ben in Ve­ne­dig. Das woll­te ich zu­rück­ha­ben, auch für mei­ne Kin­der“, sagt Mai­nar­di. „Noch wich­ti­ger aber war, dass Ti­to nicht mehr so in­ten­si­ve Be­treu­ung be­nö­tig­te und in Ve­ne­dig ei­nen Grad an Frei­heit fand, den es in Rio nie für ihn ge­ge­ben hät­te. Hier kann er spa­zie­ren ge­hen, er kann ein Va­po­ret­to neh­men, er kann al­lein in die Schu­le ge­hen. Er ist frei.“

Nach 424 Schrit­ten ist auch sein Va­ter frei. Dio­go Mai­nar­di geht mit Ti­to in Ve­ne­dig über Brü­cken, über Ram­pen, über tü­cki­sches Kat­zen­kopf­pflas­ter. Er zählt die Schrit­te sei­nes Soh­nes, wie schon seit fast zehn Jah­ren. Ti­to strau­chelt, Ti­to stürzt bei­na­he, Dio­go be­ginnt von Neu­em zu zäh­len. Dann schafft der Jun­ge 424 Schrit­te am Stück. „Ti­to ist noch nie so viel ge­lau­fen. Ein gu­ter Wer­fer könn­te ihn noch mit ei­nem St­ein tref­fen [. . .]. Doch ein gu­ter Wer­fer könn­te je­den Men­schen mit ei­nem St­ein tref­fen, gleich, wie weit er läuft.“Ti­to geht wei­ter, in Rich­tung sei­nes ei­ge­nen Le­bens. Und sein Va­ter hört auf, sei­ne Schrit­te zu zäh­len.

Der Slap­stick wur­de ei­ne Spra­che, die sie al­le ver­stan­den.

Ern­ani d’Al­mei­da

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