Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VO N BET­TI­NA STEI­NER

Nach­dem letz­tes Jahr al­le Welt der »Pro­kras­ti­na­ti­on« ge­hul­digt hat, statt die Din­ge ein­fach alt­mo­disch auf­zu­schie­ben, hat neu­er­dings je­der ein »Guil­ty Plea­su­re«.

Mir geht das Wort ja schon län­ger auf die Ner­ven. Ei­gent­lich, seit es mir das ers­te Mal un­ter­ge­kom­men ist, in ei­nem harm­lo­sen E-Mail-Ver­kehr: Er wid­me sich jetzt der Pro­kras­ti­na­ti­on, schrieb ein Freund. Selt­sam, dach­te ich. Und weil ich kein Latein kann, ob­wohl ich es nach sechs Jah­ren hef­ti­gen Un­ter­richts kön­nen soll­te, muss­te ich nach­schla­gen: Er­le­di­gungs­blo­cka­de, er­klär­te mir Goog­le. Und dass man als Pro­kras­ti­nie­ren­der Din­ge auf­schiebt, die ei­nem un­an­ge­nehm sind.

Gut, das ist ja nicht neu. Das gab es schon im­mer. Frü­her hat man halt die Kin­der mit Sprü­chen wie „Mor­gen, mor­gen nur nicht heu­te“her­um­ge­scheucht oder man hat „be­sor­gen“auf „mor­gen“ge­reimt. Heu­te be­vor­zugt man ein Fremd­wort und ist ir­gend­wie stolz dar­auf. Wie konn­te es da­zu kom­men? Ich ver­mu­te, die Pro­kras­ti­na­ti­on ist zum Sta­tus­sym­bol ge­wor­den. Wer sagt, er pro­kras­ti­nie­re, der will sei­ner Umwelt zei­gen, dass er es sich leis­ten kann, Din­ge nicht oder nicht recht­zei­tig oder am al­ler­letz­ten Drü­cker zu er­le­di­gen, im Ge­gen­satz zu all den bra­ven Men­schen, die schon ei­ne Wo­che vor der Prü­fung an­fan­gen zu ler­nen und den Ar­ti­kel nicht erst kurz vor Blatt­schluss ab­ge­ben. Pro­kras­ti­nie­rer tun gern so, als un­ter­wan­der­ten sie die Leis­tungs­ge­sell­schaft, als ver­wei­ger­ten sie sich ei­nem Sys­tem, das Ef­fi­zi­enz über al­les stellt. Aber sie täu­schen sich: Nichts ist ef­fi­zi­en­ter, als ei­ne auf­wen­di­ge Ar­beit in den letz­ten zwei Ta­gen vor Ab­ga­be­schluss nie­der­zu­fet­zen. Die Frei­zeit will ge­nützt wer­den. Ganz ähn­lich funk­tio­niert ein an­de­res Vo­ka­bel, das gera­de sehr en vogue ist: „Guil­ty Plea­su­re“, al­so in et­wa schuld­be­haf­te­tes Ver­gnü­gen. Frü­her gab es Ar­beit und Frei­zeit, wo­bei der ar­bei­ten­de Mensch nütz­lich war, der ru­hen­de un­nütz und da­mit ten­den­zi­ell ge­fähr­det, al­ler­lei Un­fug an­zu­stel­len und sich mit dem Teu­fel zu ver­bün­den. Heu­te wird auch noch die Frei­zeit in sinn­voll und sinn­los ver­brach­te ein­ge­teilt: Wer nicht schul­dig wer­den will, geht ins Thea­ter, joggt ei­ne Run­de, be­sucht die Go­dard-Re­tro­spek­ti­ve im Film­mu­se­um oder schaut we­nigs­tens „Hou­se of Cards“, und zwar in der Ori­gi­nal­fas­sung oh­ne Un­ter­ti­tel, da­mit er sein Eng­lisch po­liert. Schuld­be­la­den sind da­ge­gen Han­dy­spie­le oder Se­ri­en wie „Grey’s Ana­to­my“. Di­rekt in die Höl­le führt et­wa das „Dschun­gel­camp“. Wer so et­was an­de­ren ge­gen­über als sein „Guil­ty Plea­su­re“be­zeich­net, sagt da­mit: Ich ver­tröd­le hier zwar mei­ne Zeit, aber im Ge­gen­satz zu den an­de­ren Dep­pen amü­sie­re ich mich be­wusst un­ter mei­nem Ni­veau. Das soll ul­tra­ent­spannt wir­ken, da­bei trägt es den Leis­tungs­ge­dan­ken so­gar in die Frei­zeit.

Und jetzt ent­schul­di­gen Sie mich bit­te, ich spie­le jetzt Can­dy Crush. Ich bin auf Le­vel 1542.

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