Wenn Kin­der aus­zie­hen: Ei­ne An­lei­tung zum L

Vor al­lem Müt­ter ge­win­nen ei­ne neue Frei­heit, wenn die Kin­der das Haus ver­las­sen. Trotz­dem wei­nen vie­le heim­lich, wenn sie plötz­lich vor dem lee­ren Nest ste­hen. Der Ab­schied fällt schwer, birgt aber auch die Chan­ce auf ei­nen Neu­an­fang.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON ISA­BEL­LA WALLNÖFER

Es kam ganz plötz­lich – mit­ten im Ma­tu­rast­ress. Ei­nes Ta­ges stand ich im Zim­mer mei­ner Toch­ter und kämpf­te mit den Trä­nen. Der Raum kam mir so leer vor. Da­bei sah es aus wie im­mer: der Klei­der­berg auf dem Bo­den, die Zet­tel­wirt­schaft auf dem Tisch, die auf­ge­schla­ge­ne Bett­de­cke. Nach der Schu­le wür­de sie heim­kom­men und mich mit ih­rem fröh­li­chen „Wie geht’s dir, Ma­ma?“be­grü­ßen. Doch zum ers­ten Mal stell­te ich mir die Fra­ge: Wie lang noch?

We­nig spä­ter spür­te sie mei­ne Ge­dan­ken und woll­te mich trös­tend in den Arm neh­men. „Ma­ma, du musst dich auf die Stu­fe stel­len“, for­der­te sie mich auf. „War­um?“, frag­te ich. „Du musst grö­ßer sein als ich.“Seit bald 19 Jah­ren ist es als „Grö­ße­re“mei­ne Auf­ga­be, den Kin­dern Halt und Ge­bor­gen­heit zu ge­ben. Al­so stieg ich auf die Stu­fe und ließ mich um­ar­men.

Aber war­um war da die­se Trau­rig­keit? Geht es an­de­ren El­tern auch so? Psy­cho­lo­gin Ger­trud Kuff­ner kennt das Phä­no­men, auch wenn sich vie­le El­tern des­sen nicht be­wusst sind. „Die meis­ten kom­men mit sehr dif­fu­sen Be­ein­träch­ti­gun­gen. Oft ist mei­nen Kli­en­ten nicht klar, dass der Aus­zug der Kin­der für sie ein The­ma ist. Wenn ich es in der The­ra­pie aber an­spre­che, flie­ßen die Trä­nen.“Meist kom­men meh­re­re Din­ge zu­sam­men – bei den Frau­en fällt der Weg­gang der Kin­der oft in die Zeit der Wech­sel­jah­re, die schon schwie­rig ge­nug ist. Da darf man Emo­tio­nen frei­en Lauf las­sen, fin­det Kuff­ner: „Trä­nen dür­fen sein. Es ist schließ­lich ein Ab­schied, ei­ne Trau­er­pha­se: Wir kom­men von ei­nem si­che­ren Be­reich un­se­res Le­bens, in dem die Au­gen auf das Kind ge­rich­tet sind, in ei­ne Frei­heits­pha­se, die sehr schön sein kann, die wir aber

Los­las­sen.

In dem Buch be­schreibt die Psy­cho­the­ra­peu­tin Verena Kast die Pha­sen des Ab­lö­sungs­pro­zes­ses von El­tern und Kin­dern – und zeigt auf, wie es ge­lin­gen kann, sich selbst neu zu fin­den (Her­der). auch als Un­si­cher­heit und Lee­re emp­fin­den kön­nen.“Die Kin­der wer­den flüg­ge, ver­las­sen das Nest – es packt ei­nen das Em­pty-Nest-Syn­drom. Ein biss­chen Trau­rig­keit ist nor­mal – und kein Grund, zum The­ra­peu­ten zu pil­gern. Es kann je­doch vor­kom­men, dass pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung nö­tig wird: bei ex­tre­mer Schlaf­lo­sig­keit, bei gro­ßer Trau­rig­keit, Lust­lo­sig­keit, Ap­pe­tit­lo­sig­keit, wenn es in Rich­tung De­pres­si­on geht. „Dann soll­te man schon ge­nau­er hin­schau­en“, rät die Ex­per­tin. Ein neu­es Maß an Frei­heit. Frau­en, die ar­bei­ten, fällt es leich­ter, sich auf die neue Si­tua­ti­on ein­zu­stel­len, sagt Kuff­ner. Ganz leicht aber auch nicht, wie In­grid Amon schil­dert. Die Sprech­trai­ne­rin, Au­to­rin und Vor­tra­gen­de ist al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter. Als die 19-jäh­ri­ge Toch­ter „von heu­te auf mor­gen“zum Stu­di­um nach Pots­dam ging, sei sie wo­chen­lang zu be­schäf­tigt ge­we­sen, um dar­über nach­zu­den­ken. „Nach acht Wo­chen ha­be ich mit­ge­kriegt, dass ich mich dem stel­len muss, sonst traue­re ich ewig.“Sie traf Freun­din­nen, de­nen es ähn­lich er­ging, und „wir ha­ben ge­mein­sam ein bissl ge­heult“– vor der Toch­ter hät­te sie aber nie ge­weint.

Plötz­lich ist der Kühl­schrank halb leer. Es ver­schwin­det nichts mehr aus dem Klei­der­schrank. Der Tisch ist ihr zu groß. „In der ers­ten Pha­se der Trau­er ha­be ich mir so­gar über­legt, ob ich über­haupt ei­nen Christ­baum da­heim ste­hen ha­ben will.“Gleich­zei­tig sei sie be­ruf­lich heu­te we­sent­lich frei­er als frü­her. „Man muss nicht mehr nach Hau­se het­zen, weil man noch mit dem Kind es­sen will.“Sie ha­be nun „ein enor­mes Maß an Frei­heit“: „Das ist schön und gleich­zei­tig ir­ri­tie­rend.“Auch für die Ju­gend­li­chen ist der Aus­zug ei­ne un­si­che­re Pha­se, sagt Kuff­ner, „aber sie ha­ben die Auf­bruch­stim­mung, das Un­be­schwer­te, wäh­rend wir schon die­sen grau­en Blick ha­ben und nur se­hen, was al­les pas­sie­ren könn­te, wenn man al­lein wohnt, und fra­gen: ,Sperrst du auch abends die Tür zu?‘“

»Trä­nen dür­fen sein. Es ist schließ­lich ein Ab­schied«, sagt Psy­cho­lo­gin Ger­trud Kuff­ner.

Ge­wöh­nungs­be­dürf­tig sei es schon ge­we­sen, plötz­lich al­lein zu le­ben, er­zählt Kat­ha­ri­na Rau­ter. Nach der Schei­dung der El­tern zog sie mit 18 in ei­ne ei­ge­ne Woh­nung. „In der ers­ten Nacht woll­te sie, dass ich bei ihr schla­fe“, er­zählt ih­re Mut­ter Eva, der es „über­haupt nicht leicht“ge­fal­len ist, das Kind ge­hen zu las­sen. „Sie war ja erst 18. Und es ist al­les so schnell ge­gan­gen – das hat mich über­rum­pelt.“Und dann hat das Kind auch noch den ge­lieb­ten Ka­ter mit­ge­nom­men.

Sie sei aber auch sehr stolz, dass ih­re Toch­ter so selbst­stän­dig sei. Kein Pro­blem für Kat­ha­ri­na, die schon vor­her „re­la­tiv viel al­lein“war, weil die Mut­ter ein Ge­schäft be­treibt. „Am An­fang ist es aber schon ko­misch, wenn man weiß, es kommt nie­mand heim.“Seit sie sich dar­an ge­wöhnt hat – Ka­ter Al­f­red leis­tet Ge­sell­schaft – fin­det es die WU-Stu­den­tin „cool“und trifft sich mit der Mut­ter auf Au­gen­hö­he: „Wir früh­stü­cken manch­mal mit-

In der Woh­nung von Toch­ter Kat­ha­ri­na ist Eva Rau­ter nur hin und wie­der zu Be­such. Die Toch­ter fin­det es „co

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