Wie Vä­ter lei­den und war­um Müt­ter bes­ser Kon­takt hal­ten

Dass Frau­en nach dem Aus­zug der Kin­der de­pres­siv wer­den, kommt heu­te sel­te­ner vor. Das Em­pty-Nest-Syn­drom hat sich ver­än­dert. Ein Ge­spräch über Bu­me­rang-Kin­der und ri­tu­el­le Kaf­fee­haus­be­su­che.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON I S A B E L L A WA L L N Ö F E R

Sie for­schen seit Län­ge­rem zum Phä­no­men des Em­pty-Nest-Syn­droms. Pas­qua­li­na Per­rig-Chiel­lo: Wir ha­ben vor ein paar Jah­ren ei­ne sehr gro­ße Stu­die ge­macht, un­ter an­de­rem zur Fra­ge: Was geht in den El­tern vor, wenn das letz­te oder ein­zi­ge Kind aus­zieht? Trifft das Phä­no­men des Em­pty-Nest-Syn­droms un­ter den ver­än­der­ten fa­mi­liä­ren Rea­li­tä­ten noch zu? Und in der Tat ist das, was in den 1950er-, 60er- oder 70er-Jah­ren das lee­re Nest war, das bei Müt­tern De­pres­sio­nen oder ein Ge­fühl der Lee­re hin­ter­ließ, in der Zwi­schen­zeit ziem­lich an­ders ge­wor­den. War­um hat sich das ge­än­dert? Frau­en de­fi­nie­ren sich nicht mehr aus­schließ­lich über die Mut­ter­rol­le, sie sind bes­ser aus­ge­bil­det, be­rufs­ori­en­tiert, ha­ben ein Tanz­bein auch au­ßer­halb des Hau­ses. Re­agie­ren Frau­en und Män­ner auf den Aus­zug der Kin­der an­ders? Im Vor­feld un­se­rer Stu­die hat ein gu­tes Drit­tel der Frau­en ge­sagt: „Das wird wahr­schein­lich nicht ganz ein­fach“, ein Drit­tel sah dem mit ge­misch­ten Ge­füh­len ent­ge­gen, ein Drit­tel po­si­tiv. Die Män­ner hin­ge­gen ha­ben dem Gan­zen weit po­si­ti­ver ent­ge­gen­ge­se­hen – et­wa die Hälf­te hat ge­sagt: „Das wird schon gut.“Nach er­folg­tem Aus­zug der Kin­der sah die Sa­che an­ders aus. Es hat­ten nicht die Frau­en mehr Pro­ble­me da­mit, son­dern eher die Män­ner. Sie er­kann­ten, dass es doch nicht so toll war, dass et­was un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren war. War­um tun sich die Frau­en leich­ter? Ana­ly­sen ha­ben ge­zeigt, dass Frau­en ex­trem im Vor­teil sind, was die Be­zie­hun­gen nach dem Aus­zug an­geht: Sie ha­ben im­mer noch Kon­takt via SMS oder Te­le­fon oder weil die Kin­der die Wä­sche nach Hau­se brin­gen. Bei Män­nern hin­ge­gen wird der Kon­takt über die Part­ne­rin­nen ver­mit­telt – vie­le füh­len sich wie ab­ge­hängt. Wo liegt das Pro­blem der Män­ner? Da hat selbst die heu­ti­ge Ge­ne­ra­ti­on Män­ner ih­re Achil­les­fer­se: Sie ge­stal­ten ih­re so­zia­len Kon­tak­te nicht pro­ak­tiv selbst, son­dern die­se lau­fen zu­meist im­mer noch über die Frau­en, die Part­ne­rin­nen. Da­her sind die Frau­en in sol­chen Si­tua­tio­nen viel bes­ser ab­ge­fe­dert. Bei den Män­nern gab es häu­fig ein Nach­trau­ern, ein Be­dau­ern, dass sie frü­her nicht mehr in die Be­zie­hung zu ih­ren Kin­dern in­ves­tiert hat­ten. Sie sa­gen, das Em­pty Nest gibt es in der Form nicht mehr. Was dann? Wir spre­chen im Ge­gen­teil vom Ne­ver Em­pty Nest. Das Nest wird im Ver­gleich zu frü­her erst sehr spät oder gar nicht rich­tig leer. Woran liegt das? Die Aus­bil­dungs­pha­se dau­ert viel län­ger, und die Ju­gend­li­chen ha­ben nicht mehr den Drang, von zu Hau­se weg­zu­kom­men. Ge­ne­ra­ti­ons­kon­flik­te sind nicht mehr so stark oder ha­ben sich auf­ge­löst. Frü­her flüch­te­ten Ju­gend­li­che zu­meist aus dem Haus, aus au­to­ri­tä­ren Ver­hält­nis­sen. Heu­te kom­men sie im­mer wie­der zu­rück oder sind Bu­me­rang-Kin­der, die als Er­wach­se­ne wie­der nach Hau­se zu­rück­keh­ren, so­bald et­wa ih­re Be­zie­hung in die Brü­che geht. Den Aus­zug als Zä­sur im Le­ben, die­sen bio­gra­fi­schen Wen­de­punkt, gibt es nicht mehr, son­dern ei­ne ge­mäch­li­che Tran­si­ti­on in die Ei­gen­stän­dig­keit. Das ist ein Zei­chen da­für, dass man gern zu­rück ins Nest geht. Es hat aber auch mit der fi­nan­zi­el­len Ab­hän­gig­keit zu tun. Man­che El­tern re­agie­ren auf den Aus­zug der Kin­der mit De­pres­sio­nen oder Trau­er. Das ist ei­ne Min­der­zahl. Aber ja, es gibt Frau­en, die im Kind noch das Bin­de­glied in der Fa­mi­lie ge­se­hen ha­ben und de­ren Bin­dung zum Kind ex­trem stark ist. Es gibt Frau­en, die Angst ha­ben, Be­zie­hun­gen los­zu­las­sen und neu zu ge­stal­ten, viel­leicht weil sie al­lein­ste­hend sind oder die Part­ner­schaft nicht gut ist. Das darf man nicht ba­ga­tel­li­sie­ren, aber auch nicht pa­tho­lo­gi­sie­ren – das muss man ernst neh­men. Kann das der Part­ner­schaft scha­den? Wenn das Kind so zen­tral war, kann es schon sein, dass das Va­ku­um, das durch des­sen Aus­zug ent­steht, auch Ehe­pro­ble­me ak­zen­tu­iert. Wenn man sich in der Be­zie­hung nicht mehr über das Kind de­fi­nie­ren kann, wenn die Part­ner nichts mit­ein­an­der an­zu­fan­gen wis­sen, dann ist das ei­ne har­te Pro­be für die Be­zie­hung – und das kann Aus­wir­kun­gen auf die psy­chi­sche Be­find­lich­keit ha­ben. Wann ist der idea­le Zeit­punkt? Wann dür­fen, sol­len, müs­sen die Kin­der ge­hen? Das ist schwie­rig zu sa­gen. Wir wis­sen, bis Ju­gend­li­che wirk­lich auf ei­ge­nen Bei­nen ste­hen kön­nen, kann das bis weit in de­ren 20er ge­hen, al­so bis sie 26 oder 27 Jah­re alt sind. Das wird ziem­lich dis­ku­tiert, da­her will ich mich nicht auf ein Al­ter ein­las­sen. Was sind die Grün­de für sehr frü­hes oder sehr spä­tes Aus­zie­hen? Die Spät­aus­zie­hen­den sind viel­leicht un­si­cher, ha­ben es schwer, au­ßer­halb der Fa­mi­lie Be­zie­hun­gen auf­zu­bau­en. Die trau­en sich nicht zu, auf ei­ge­nen Bei­nen zu ste­hen – es gibt aber auch Kin­der, die mit Fug und Recht noch mit 30 zu Hau­se woh­nen, weil es wirt­schaft­lich nicht an­ders mög­lich ist. Ju­gend­li­che aus ar­men, aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen oder Kin­der aus Schei­dungs­ehen zie­hen si­gni­fi­kant frü­her aus als die, bei de­nen Va­ter und Mut­ter noch da sind oder die fi­nan­zi­ell bes­ser ge­stellt sind. Frü­hes Aus­zie­hen kann ei­ne Flucht aus Loya­li­täts­kon­flik­ten sein, spä­tes Aus­zie­hen ein In­di­ka­tor für man­geln­de Au­to­no­mie. Man kann al­so nicht ein­fach sa­gen, es ist zu früh oder zu spät. Wie kön­nen El­tern mit dem Drang der Kin­der nach Ei­gen­stän­dig­keit um­ge­hen? Das Bes­te ist, dass man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass die Kin­der nicht un­ser Be­sitz sind, dass es un­se­re Auf­ga­be ist, die­se Ju­gend­li­chen zu ei­gen­stän­di­gen, au­to­no­men und zu­frie­de­nen Er­wach­se­nen zu ma­chen und ih­nen da­zu zu ver­hel­fen, ih­ren Platz in der Ge­sell­schaft zu fin­den. Wie kann man gut in Kon­takt blei­ben? Am bes­ten ri­tua­li­siert oder rhyth­mi­siert man sol­che Tref­fen – aber nicht stur. Ein ge­mein­sa­mes Es­sen al­le 14 Ta­ge, ab und zu Kaf­fee trin­ken ge­hen, klei­ne Ge­wohn­hei­ten, die aber nicht ner­ven dür­fen. Wenn die Be­zie­hung stimmt, dann wer­den bei­de Sei­ten nach Mög­lich­kei­ten su­chen, dass man sich sieht.

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