»Was, wenn doch et­was pas­siert?«

97 Pro­zent der Be­woh­ner im slo­wa­ki­schen Ga­bˇc´ıko­vo hat­ten ge­gen die Auf­nah­me von Asyl­wer­bern ge­stimmt. Die Sy­rer ka­men trotz­dem. Und jetzt? Ein Lo­kal­au­gen­schein.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON JÜR­GEN STREIHAMMER

Die Frau an der Bus­hal­te­stel­le setzt hin­ter ih­ren ge­tön­ten Bril­len­glä­sern ei­nen freund­li­chen Blick auf. Al­so über die Asyl­wer­ber hier in Gab­cˇ´ıko­vo kön­ne sie nun wirk­lich nichts Schlech­tes sa­gen. Es ge­be „über­haupt kei­ne Pro­ble­me“. „Sie ver­hal­ten sich sehr ar­tig, und man be­han­delt sie auch sehr gut.“Da­bei hat­te die pen­sio­nier­te Leh­re­rin beim Re­fe­ren­dum im Au­gust 2015 noch ge­gen de­ren Auf­nah­me in der be­schau­li­chen Do­nauge­mein­de ge­stimmt, so wie 97 Pro­zent der Orts­be­woh­ner. Al­les ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis al­so? Die Frau zieht an ih­rer Zi­ga­ret­te. „Ich wür­de wie­der mit ,Nein‘ stim­men.“Man wis­se ja nicht, ob nicht doch noch Ter­ro­ris­ten kä­men. „Ich se­he die Bil­der im Fern­se­hen.“Dann kommt sie auf das na­he Was­ser­kraft­werk zu spre­chen. „Was, wenn dort et­was pas­siert?“Sie meint ei­nen Ter­ror­akt.

Ein paar Hun­dert Me­ter tren­nen die Pen­sio­nis­tin von Ah­mad. Ge­fühlt sind es Wel­ten. Vor ei­ni­gen Wo­chen saß der Sy­rer in ei­nem Boot im Ägäi­schen Meer. 800 Dol­lar zahl­te er den Schlep­pern. Win­ter­ra­batt, weil we­gen der stür­mi­schen See die Nach­fra­ge nach­lässt. Jetzt steht er vor ei­nem grau­brau­nen Plat­ten­bau, der, nun ja, den Charme des Re­al­so­zia­lis­mus be­wahrt hat. Auf dem frü­he­ren Are­al der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Gab­cˇ´ıko­vo na­he Un­garns Gren­ze wur­den zwei Flü­gel zur Flücht­lings­un­ter­kunft um­funk­tio­niert. Ah­med war­tet hier auf den Ab­schluss sei­nes Ver­fah­rens, so wie der­zeit rund 470 an­de­re. Mit den Ein­hei­mi­schen, sagt er, gibt es kei­ne Pro­ble­me – und kei­nen Kon­takt.

Vom Re­fe­ren­dum ge­gen Flücht­lin­ge weiß der Sy­rer nichts, auch nicht von den Ti­ra­den ge­gen Mi­gran­ten in der Slo­wa­kei, die vor dem gest­ri­gen Ur­nen­gang zum gu­ten Wahl­kampf­ton ge­hör­ten. Pre­mier Ro­bert Fi­co, rech­ter So­zi­al­de­mo­krat, hat­te sich zu Äu­ße­run­gen wie „Al­le Mus­li­me im Land wer­den über­wacht“ver­stie­gen und me­di­en­wirk­sam Grenz­bar­rie­ren vor­ge­führt. Fi­co war mit sei­ner Hal­tung nicht al­lein. Fast al­le Par­tei­en schrien im Wahl­kampf ge­gen ein Phan­tom an – bei 2000 Mus­li­men im Land und acht an­er­kann­ten Flücht­lin- gen 2015. „Gab­cˇ´ıko­vo“, das war das ein­zi­ge Zu­ge­ständ­nis der Slo­wa­kei in der Flücht­lings­fra­ge. 500 Asyl­wer­ber aus Ös­ter­reich soll­te die 5000-See­len-Ge­mein­de auf­neh­men, vor­über­ge­hend, wäh­rend ihr Ver­fah­ren in Ös­ter­reich läuft. Zu­nächst woll­te das nie­mand, we­der die Ein­hei­mi­schen noch die Asyl­wer­ber. Bra­tis­la­va und Wi­en zo­gen das Pro­jekt aber durch. Für die Asyl­wer­ber in Gab­cˇ´ıko­vo, aus­schließ­lich Sy­rer, gibt es da­für ein Asyl­ver­fah­ren im Eil­tem­po. Im Schnitt soll es drei Mo­na­te statt mehr als ein hal­bes Jahr dau­ern.

Gab­cˇ´ıko­vo ist seit Jän­ner ei­ne Stadt. Auch das hat mit den Flücht­lin­gen zu tun. „Ich ha­be dem In­nen­mi­nis­ter un­se­ren An­trag mit­ge­ge­ben, als er hier war“, sagt Bür­ger­meis­ter Ivan´ Fe­nes schmun­zelnd. An­geb­lich soll hier auch der ge­för­der­te Ka­nal­bau vo- ran­kom­men, seit sein Ort zum zwei­ten Mal nach den Ju­go­sla­wi­en­krie­gen der 1990er Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men hat. „Es gab bis­her auch kei­ne Zwi­schen­fäl­le. Gott­sei­dank“, sagt Fe­nes. Das Re­fe­ren­dum wür­de aber ge­nau­so wie­der aus­ge­hen. Die Asyl­wer­ber „ha­ben eben ei­ne an­de­re Kul­tur. Das sind Frem­de.“Und wie je­der an­de­re slo­wa­ki­sche Ort wol­le sie auch Gab­cˇ´ıko­vo nicht ha­ben. Un­garn auf slo­wa­ki­schem Bo­den. Auf dem Schreib­tisch des Bür­ger­meis­ters steht ei­ne Büs­te von La­jos Kos­suth, dem un­ga­ri­schen Frei­heits­hel­den wäh­rend des Auf­stands 1848/49 ge­gen die Habs­bur­ger. In der Slo­wa­kei gilt die­ser Kos­suth al­ler­dings eher als Un­ter­drü­cker. Aber Fe­nes ist „ein Un­gar, der in der Slo­wa­kei“lebt, wie er es for­mu­liert. So wie die al­ler­meis­ten hier. Des­halb be­kommt die Re­gie­rungs­par­tei Smer in Gab­cˇ´ıko­vo kei­nen Fuß auf den Bo­den. Und des­halb ist hier al­les zwei­spra­chig: das Tür­schild des Bür­ger­meis­ters, die Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gun­gen, die aus den Laut­spre­chern in die Gas­sen dröh­nen. Drü­ben

Bür­ger­meis­ter Fe­nes.

We­gen der Über­fül­lung des Erst­auf­nah­me­zen­trums Trais­kir­chen hat sich die Slo­wa­kei im Som­mer be­reit er­klärt, 500 Flücht­lin­ge aus Ös­ter­reich je­weils für die Dau­er ih­res Asyl­ver­fah­rens zu be­treu­en. Die Slo­wa­kei kommt für Es­sen und Un­ter­kunft auf, das In­nen­mi­nis­te­ri­um über die Be­trei­ber­fir­ma ORS Slo­wa­kei für den Rest, al­so et­wa Trans­port, me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung usw. Für die Asyl­wer­ber gibt es in der Un­ter­kunft ein brei­tes Frei­zeit­an­ge­bot, Deutsch-Un­ter­richt, Film­vor­füh­run­gen so­wie ei­nen Spie­le­raum. Den Klei­nen steht ein Kin­der­gar­ten zur Ver­fü­gung. In der Vor­wo­che wur­den rund 470 Asyl­wer­ber in Ga­bˇc´ıko­vo be­treut. Seit Be­ginn der Ko­ope­ra­ti­on wa­ren nach An­ga­ben der slo­wa­ki­schen Re­gie­rung 1125 Asyl­wer­ber in Ga­bˇc´ıko­vo un­ter­ge­bracht. im Wirts­haus läuft un­ga­ri­sches Ra­dio, und der Chef, Al­f­red, steht an der The­ke un­ter dem un­ga­ri­schen Wap­pen. An­ders als die meis­ten hier schimpft er über die Asyl­wer­ber. „Sie hal­ten sich nicht an die Ver­kehrs­re­geln, und im Su­per­markt drän­geln sie sich vor.“Die An­schlä­ge in Pa­ris hät­ten sie be­ju­belt. Ein Bau­ar­bei­ter, der bis­her an sei­ner Sup­pe ge­löf­felt und in Gab­cˇ´ıko­vo be­ruf­lich zu tun hat, schal­tet sich ein: „Al­les Feig­lin­ge. Die sol­len für ihr Land kämp­fen.“ Der Vor­fall. Im Tes­co-Su­per­markt weiß ein Kun­de dann vom „ers­ten gro­ßen Zwi­schen­fall“. Er ha­be ge­hört, dass ein Mäd­chen am Sams­tag der Vor­wo­che von Asyl­wer­bern an­ge­grif­fen wur­de. „Sie flüch­te­te sich hin­ter das DJ-Pult in der Fi­nish-Bar. Die Po­li­zei kam. Fra­gen Sie den Bar­chef!“Es ist al­so doch pas­siert: Klein-Köln in Gab­cˇ´ıko­vo.

Al­so zur Fi­nish Bar. Die Kell­ne­rin weiß von ei­nem „Vor­fall“. Aber sie hat­te kei­nen Di­enst. War­ten auf den Bar­chef. „Es stimmt. Wir hat­ten ge­schlos­se­ne Ge­sell­schaft. Zwei Asyl­wer­ber und ein Mit­ar­bei­ter der Be­treu­ungs­stel­le ka­men. Sie wa­ren an­ge­trun­ken und woll­ten nicht ge­hen“, sagt er. Bis man die Po­li­zei rief. Der Über­griff? „So et­was gab es nicht.“Der­zeit sei­en mehr Frau­en mit Kin­dern hier und we­ni­ger jun­ge Män­ner. „Aber wenn sich das än­dert und die Frau­en im Som­mer Rö­cke tra­gen . . .“

Die Asyl­wer­ber sieht man am ehes­ten auf dem Weg zum Su­per­markt, in klei­nen Grup­pen mar­schie­ren sie auf dem Geh­steig mit wei­ßen Plas­tik­sä­cken in der Hand, aus de­nen Co­lafla­schen oder Brot her­vor­lu­gen. Un­ten, vor dem Plat­ten­bau, schie­ben Kopf­tuch tra­gen­de Frau­en ih­re Kin­der­wa­gen durch die Pfüt­zen, Män­ner mit über­ge­zo­ge­nen Ka­pu­zen zie­hen an Zi­ga­ret­ten. Die Flücht­lin­ge räu­men ein, dass sie es schlech­ter hät­ten tref­fen kön­nen. Aber Gab­cˇ´ıko­vo, das ist ist für sie ein War­te­saal. Man bleibt un­ter sich.

Des­halb sitzt Ah­mad im Deut­schund nicht im Slo­wa­kisch-Kurs, des­halb schaut er wie al­le an­de­ren, ob sein Na­me auf dem Zet­tel an der Re­zep­ti­on auf­taucht, auf dem „Trans­port“steht. „Trans­port“nach Ös­ter­reich.

Die Asyl­wer­ber in Ga­bˇc´ıko­vo be­lohnt Ös­ter­reich mit ei­nem schnel­le­ren Ver­fah­ren.

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