FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Man soll­te sich auf kei­nen Fall vom un­aus­sprech­li­chen Orts­na­men der größ­ten Hier­ony­mus-Bo­schAus­stel­lung al­ler Zei­ten, ir­gend­wo in der nie­der­län­di­schen Pam­pa, täu­schen las­sen: ’s-Hertogenbosch in Nord­bra­bant, ei­ne Bahn­stun­de von Ams­ter­dam ent­fernt. Be­vor sie rei­sen, re­ser­vie­ren sie vor­her on­li­ne Ein­tritts­kar­ten, un­be­dingt. Denn 200.000 der 250.000 Ti­ckets sind schon weg.

Zur heu­ri­gen 500-Jahr-Fei­er des be­rühm­tes­ten Sohns von „Den Bosch“, wie das Städt­chen kurz ge­nannt wird, ist hier vie­les an­ders: Nicht nur, dass über­haupt wie­der Ori­gi­nal­ge­mäl­de des Ge­nies an der Schwel­le von Mit­tel­al­ter zur Re­nais­sance wie­der an dem Ort zu se­hen sind, wo sie einst ent­stan­den (sonst muss man sich hier mit ei­ner kit­schi­gen Bosch-Ko­pi­en-Er­leb­nis­welt in ei­ner Kir­che be­gnü­gen). Son­dern es konn­ten auch über­haupt so vie­le Bosch-Ori­gi­na­le wie noch nie in ei­nem Mu­se­um ver­sam­melt wer­den: 17 der et­wa 25 er­hal­te­nen Ge­mäl­de, 20 der eben­falls et­wa 25 er­hal­te­nen Zeich­nun­gen.

Al­lein das wür­de schon recht­fer­ti­gen, dass der „Guar­di­an“die Aus­stel­lung für ei­ne der wich­tigs­ten des Jahr­hun­derts hält. Sie ist noch da­zu von fast zehn­jäh­ri­ger For­schungs­ar­beit be­glei­tet (groß­ar­ti­ge Home­page bosch­pro­ject.org) so­wie ex­zel­lent or­ga­ni­siert und ge­stal­tet wor­den. Ei­ne Rie­sen­leis­tung, noch da­zu für ei­ne re­gio­na­le In­sti­tu­ti­on, wie das Nord­bra­bant-Mu­se­um ei­ne ist.

Wür­de man nie den­ken, Ins­ze­nie­rung und Ver­mitt­lung sind per­fekt: die Räu­me ef­fekt­voll ab­ge­dun­kelt, In­for­ma­tio­nen er­hält man über Au­dio­Gui­de und Book­let. Den Fluss der sechs Ka­pi­tel lo­ckern im­mer wie­der ei­gens ge­mach­te Fil­me auf, die Na­h­auf­nah­men der Ge­mäl­de und Rönt­gen­bil­der zei­gen bzw. Ein­blick in die Vor­be- rei­tun­gen ge­ben. Et­wa in die Re­stau­rie­rung des Bil­des der Hl. Wil­ge­for­tis – der mit­tel­al­ter­li­chen Con­chi­ta-Wurst-Vor­gän­ge­rin, ei­ner Mär­ty­re­rin mit Bart, der ihr wuchs, da­mit sie sich ei­ner heid­ni­schen Zwangs­ehe ent­zie­hen konn­te. Mit Schau­dern sieht man im Film, wie die kost­ba­re Ei­chen­holz­ta­fel aus der Ac­ca­de­mia in Ve­ne­dig ver­packt und ver­la­den wird – auf ein schauk­li­ges Boot! Bei der an­schlie­ßen­den Re­stau­rie­rung kam dann tat­säch­lich der Bart­flaum wie­der zum Vor­schein, der nicht mehr zu er­ken­nen war. Neu­es Bosch-Ge­mäl­de zu­ge­schrie­ben. Eben­falls neu ist die Zu­schrei­bung ei­ner „An­to­ni­us“-Ta­fel aus dem Nel­son-At­kins-Mu­se­um in Kan­sas an den Meis­ter selbst, auf­grund der für Bosch ty­pi­schen, durch In­fra­ro­t­un­ter­su­chun­gen sicht­bar ge­wor­de­nen Un­ter­zeich­nung. Bosch hat­te of­fen­sicht­lich ei­nen Hang zu Ere­mi­ten wie sei­nem ei­ge­nen Na­mens­pa­tron und dem sei­nes Va­ters (An­to­ni­us) – für das eben­falls aus Ve­ne­dig an­ge­reis­te, un­sag­bar rät­sel­haf­te Ere­mi­ten-Tri­pty­chon voll Bosch’scher Mi­sch­we­sen und sur­rea­ler Ge­rät­schaft kam noch der Hl. Ägy­di­us da­zu.

Die For­schun­gen im Vor­feld führ­ten aber auch zu Är­ger­nis­sen. Vor al­lem für den Pra­do in Ma­drid, der kurz vor Er­öff­nung zwei Wer­ke ab­zog, „Die Ver­su­chung des Hl. An­to­ni­us“und „Der St­ein­schnei­der“. Sie wur­den von den For­schern des Bosch Re­se­arch and Con­ser­va­ti­on Pro­ject nicht mehr als ei­gen­hän­di­ge Wer­ke Boschs be­zeich­net, son­dern als Wer­ke ei­nes Nach­fol­gers oder der Werk­statt. Wor­auf der Pra­do sei­ne ei­ge­ne Bosch-Ju­bi­lä­um-Schau an­setz­te, die drei Wo­chen nach En­de der nie­der­län­di­schen be­ginnt (31. 5. bis 11. 9.).

Eben­falls nicht nach Den Bosch ver­lie­hen wur­de ei­nes der Haupt­wer­ke Boschs, das „Welt­ge­richt­stryp­ti­chon“aus der Wie­ner Ge­mäl­de­ga­le­rie der Aka­de­mie. Man ahnt es be­reits – es darf aus kon­ser­va­to­ri­schen Grün­den grund­sätz­lich nicht auf Rei­sen ge­hen. Al­so wird auch hier, am 14. De­zem­ber, ei­ne ei­ge­ne Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung er­öff­net, bei der die Er­geb­nis­se ei­nes FWF-Pro-

Hier­ony­mus Bosch

hieß ei­gent­lich Je­ro­en van Aken. Er wur­de um 1450 in ’s-Hertogenbosch ge­bo­ren, wo er 1516 auch starb.

Sein über­lie­fer­tes Werk

be­steht aus et­wa 25 Ge­mäl­den und 25 Zeich­nun­gen, es gibt im­mer wie­der Zu- und Ab­schrei­bun­gen an die Meis­ter­hand oder Werk­stät­te.

Boschs 500. To­des­tag

wird in sei­ner Ge­burts­stadt mit ei­nem gro­ßen Pro­gramm be­gan­gen, Hö­he­punkt ist die 17 ei­gen­hän­di­ge Ge­mäl­de um­fas­sen­de Aus­stel­lung. jekts zur Er­for­schung des Tri­pty­chons prä­sen­tiert wer­den. (Da­vor gibt es noch ein Tanz­pro­jekt und ei­ne Grup­pen­schau über Mons­ter und Dä­mo­nen.)

Aus Wi­en nach Den Bosch ge­reist sind aber ei­ni­ge ei­gen­hän­di­ge Zeich­nun­gen aus der Al­ber­ti­na; das Gra­fik­ka­pi­tel ar­bei­tet über­haupt vie­le Be­son­der­hei­ten Boschs her­vor: sein be­kann­tes Fai­b­le für die un­glaub­lichs­ten Fan­ta­sy­krea­tu­ren, aber auch sei­ne Vor­lie­be für Eu­len (es gibt drei ver­schie­de­ne Ar­ten in sei­nen Bil­dern), die da­mals we­ni­ger Zei­chen für Weis­heit als für dro­hen­des Un­heil wa­ren.

Die­ses Un­heil hat nie­mand der­art rea­lis­tisch und zeit­los dar­ge­stellt wie Bosch, aber auch nie­mand mit mehr Lust. Be­reits das Pa­ra­dies ist bei Bosch von selt­sa­men Krea­tu­ren un­ter­wan­dert. So­gar sich selbst scheint er als mys­ti­sches Zwi­schen­we­sen por­trä­tiert zu ha­ben: als klei­nes ge­flü­gel­tes Am­phib mit Men­schen­ge­sicht und Bril­le, rechts hin­ter dem Jo­han­nes, der auf Pat­mos gera­de sei­ne Apo­ka­lyp­sen­vi­si­on auf­schreibt. Un­ter die­ses ge­pan­zer­te Mons­ter­chen hat Jo­en van Aken erst-

Die Aus­stel­lung ist ex­zel­lent ge­macht – ei­ne Rie­sen­leis­tung für ein re­gio­na­les Mu­se­um. Nie­mand hat das Un­heil so rea­lis­tisch, zeit­los und lust­voll dar­ge­stellt wie Bosch.

mals die Si­gna­tur „Jhe­roni­mus bosch“ge­setzt, das Bild war für den Al­tar der Lieb­frau­en­bru­der­schaft in der gera­de neu er­bau­ten Ka­the­dra­le ge­dacht.

Bosch war Mit­glied die­ser Lai­en­or­ga­ni­sa­ti­on, zwei­mal wa­ren die Mit­glie­der in sei­nem Haus am Markt­platz zum tra­di­tio­nel­len Schwa­nen­es­sen ge­la­den, weiß man. Sonst weiß man we­nig über Bosch, schon gar nichts, was sein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Werk er­klä­ren wür­de: Er ent­stamm­te ei­ner Ma­ler­dy­nas­tie, war ver­hei­ra­tet, kin­der­los und starb mit un­ge­fähr 65. Ge­bo­ren und be­gra­ben in ’s-Hertogenbosch, im Wald des Her­zogs. Wo­hin jetzt erst­mals wie­der zu­rück­kehr­te, was mitt­ler­wei­le die gan­ze Welt in sei­nen Bann zieht.

No­ord­bra­bants Mu­se­um, gen­bosch, bis 8. Mai.

‘s-Her­to-

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