In der Peep­show der Pop­mu­sik

Die Ge­schich­te der se­xu­el­len Be­frei­ung im Pop ist län­ger, als man glau­ben mag. Se­xua­li­sier­te Mu­sik gab es schon im Blues des 19. Jahr­hun­derts. Sie er­leb­te ers­te Hoch­blü­ten im Jazz und Vau­de­vil­le, wur­de mit dem Rock ’n’ Roll und mit Dis­co so rich­tig halt­lo

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON SA­MIR H. KÖCK

Nein, es war nicht der Rock ’n’ Roll. Lan­ge vor El­vis Pres­leys elas­ti­schen Hüf­ten wur­de ex­pli­zit Se­xu­el­les ins Zen­trum des mu­si­ka­li­schen Ge­sche­hens ge­rückt. Be­reits Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ope­rier­te der afro­ame­ri­ka­ni­sche Blues mit ei­ner Art Ge­heim­spra­che, die sei­ne se­xua­li­sier­ten Bot­schaf­ten so tarn­te, dass sie für die wei­ße Hö­rer­schaft nicht zu de­chif­frie­ren war. 2006 ver­öf­fent­lich­te die ame­ri­ka­ni­sche Au­to­rin De­bra DeSal­vo ihr wis­sen­schaft­lich fun­dier­tes Buch „The Lan­gua­ge of the Blues“. Sie geht da­rin dem Ur­sprung von häu­fig in Blues­songs ver­wen­de­ten, dop­pel­deu­ti­gen Aus­drü­cken wie „Jel­ly Roll“nach. In der Sphä­re der Wei­ßen be­zeich­ne­te das ganz un­schul­dig die Bis­kui­trou­la­de. In der ver­ruch­ten Welt des Blues war es ein ku­li­na­ri­scher Eu­phe­mis­mus für das weib­li­che Ge­ni­tal. „No­bo­dy in town can ba­ke a sweet jel­ly roll li­ke mi­ne“, sang die be­rühm­te Bes­sie Smith dop­pel­deu­tig. Mit dem Blues schwapp­te das Vo­ka­bel auch in Lie­der von Wei­ßen wie dem Iren Van Mor­ri­son: „I just wan­na rock your jel­ly roll soul“sang er schwär­me­risch in „In­to The Mys­tic“. Und in „He Ain’t Gi­ve You No­ne“ver­wen­de­te er es gar auch als Um­schrei­bung für das männ­li­che Ge­schlechts­teil.

DeSal­vo deckt in ih­rer ety­mo­lo­gi­schen For­schung auch die afri­ka­ni­schen Wur­zeln des Ter­mi­nus Jazz auf. In der Ban­tu­spra­che be­zeich­net „Ja“das Tan­zen, es verband sich mit „Yees“, dem Wort für „sehr le­ben­dig“aus der Spra­che der Wo­lof. Und so wur­de „Jass“im ame­ri­ka­ni­schen Sü­den bald das Slang-Wort für Ge­schlechts­ver­kehr. Das pass­te für den Jazz so lan­ge, wie er be­vor­zug­ter Sound­track zur Ent­gren­zung (auch der Wei­ßen) war. Als Gen­re­be­zeich­nung taugt der Be­griff ei­gent­lich schon seit den frü­hen Sech­zi- ger­jah­ren nicht mehr. Längst hat­te sich da die eins­ti­ge Bor­dell­tanz­mu­sik von ih­ren sinn­li­chen Ur­sprün­gen eman­zi­piert. Der glei­cher­ma­ßen spi­ri­tu­el­le wie abs­trak­te Jazz ei­nes John Col­tra­ne dien­te der Gott­su­che. An­de­re, wie Ar­chie Shepp und Charles Min­gus, stell­ten ih­re kom­ple­xe Mu­sik in den Di­enst po­li­ti­scher Er­neue­rung.

Die Sitt­lich­keit ih­res Pu­bli­kums zu de­sta­bi­li­sie­ren war auch die be­vor­zug­te Stra­te­gie von wei­ßen Vau­de­vil­leKünst­le­rin­nen. Um 1910 sorg­te die ka­na­di­sche Sän­ge­rin Eva Tan­gu­ay für Auf­se­hen: Mit ei­ner ziem­lich klei­nen Stim­me nur ge­seg­net, mach­te sie aus we­nig ganz viel. Sie kam auf die Idee, auf der Büh­ne se­xu­el­le Be­frie­di­gung zu si­mu­lie­ren. Sie ent­leer­te Cham­pa­gnerfla­schen über ih­rem Haupt, stöhn­te und kreisch­te da­zu. Ihr be­hörd­lich vor- ge­schrie­be­ner BH war ihr nichts als Last. Bei ih­ren wil­den Tän­zen zu Songs mit an­züg­li­chen Ti­teln wie „Go as Far as You Li­ke“hüpf­te ihr Bu­sen ver­läss­lich aus dem sitt­li­chen Tex­til. Tan­gu­ay, die ei­ne schreck­li­che Kind­heit hin­ter sich hat­te, tat auf wie auch ne­ben der Büh­ne al­les, um per­ma­nen­te Auf­merk­sam­keit zu be­kom­men.

Schon bald tauch­ten ähn­lich wil­de Frau­en auf Eu­ro­pas Büh­nen auf. Ma­ry Lloyd pro­vo­zier­te in der bri­ti­schen Mu­sic Hall. In Frank­reich hin­ter­ließ die ver­ruch­te Jean­ne Bour­geois ali­as Mis­tin­guett be­trächt­li­che Ir­ri­ta­tio­nen beim Pu­bli­kum. Die Lust an der grel­len Be­leuch­tung von Vor­gän­gen, die der bür­ger­li­che Ko­dex auf die Nacht­sei­te von Le­ben und Spre­chen ver­bannt hat, wa­ren Mis­tin­guetts größ­tes Ani­mo. Sie ex­por­tier­te ih­re Show bald nach Groß­bri­tan­ni­en und in die USA. Die akus­ti­schen Män­gel – Mi­kro­fo­ne und elek­tri­sche Ver­stär­kung gab es noch nicht – wur­den durch Ero­tik er­setzt. „Sie war von ani­ma­li­scher Sta­tur“, mein­te so­gar der In­tel­lek­tu­el­le Je­an Coc­teau. Mis­tin­guett war bald die best­be­zahl­te Frau der Welt, ih­re Bei­ne wa­ren auf ei­ne hal­be Mil­li­on fran­zö­si­scher Francs ver­si­chert. Sit­ten­spren­ger Rock ’n’ Roll. Der Pa­ra­dig­men­wech­sel von der geist­rei­chen Fri­vo­li­tät, wie sie jahr­hun­der­te­lang in Lied und Ge­dicht prak­ti­ziert wur­de, zur to­ta­len In­stru­men­ta­li­sie­rung der Se­xua­li­tät er­hielt nach dem Zwei­ten Welt­krieg durch den sit­ten­spren­gen­den Rock ’n’ Roll wei­te­ren Auf­trieb. Auch hier wa­ren es Afro­ame­ri­ka­ner, die den Trend vor­an­trie­ben. Der aus Mis­sis­sip­pi stam­men­de Ar­thur „Big Boy“Cru­dup kom­po­nier­te et­wa El­vis Pres­leys ers­ten Hit „That’s All Right Ma­ma“. Und Otis Black­well, der für Pres­ley nicht we­ni­ger als elf Hits schrieb, kom­po­nier­te auch das schwü­le „Fe­ver“, das be­son­ders in der Ver­si­on von Peg­gy Lee von der weib­li­chen Ju­gend zum Ab­bau an­er­zo­ge­ner Scham ge­nützt wur­de.

Den to­ta­len Bruch mit den Ta­bus ver­spra­chen dann die Sech­zi­ger­jah­re. Die sub­kul­tu­rel­le Lo­sung „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“wur­de al­ler­dings nie voll­stän­dig ver­wirk­licht. Gern zi­tier­te man zwar Wilhelm Reichs 1945 ver­öf­fent­lich­tes Werk „The Se­xu­al Re­vo­lu­ti­on“, das die se­xu­el­le Dop­pel­mo­ral gei­ßel­te und in nicht ge­leb­ter Se­xua­li­tät die Ur­sa­che für Ag­gres­si­on aus­mach­te. Und doch war die Hip­pieÄ­ra eher durch Dro­ge­na­busus und Po­li­tik ge­prägt. Freie Se­xua­li­tät wur­de zwar pro­pa­giert, aber kaum in mu­si­ka­li­scher Form um­ge­setzt. Jef­fer­son Air­planes „Some­bo­dy to Lo­ve“, ein Hit je­ner Ära, fo­kus­siert die Lie­be so­gar wie­der als Hort der Ge­bor­gen­heit und kei­nes­wegs als Ve­hi­kel zur sinn­li­chen Ent­gren­zung. „When the truth is found to be lies, and all the joy wi­t­hin you dies, don’t you want some­bo­dy to lo­ve?“, frag­te Sän­ge­rin Gra­ce Slick.

Frei­geis­ti­ger gab man sich in Eu­ro­pa. Das fran­zö­sisch/bri­ti­sche Pär- chen Ser­ge Gains­bourg und Ja­ne Bir­kin nahm 1969 „Je t’ai­me . . . moi non plus“, die Blaupau­se al­ler Stöhn­songs, in Lon­don auf. Die­se ur­sprüng­lich 1967 mit Bri­git­te Bar­dot auf­ge­nom­me­ne, spä­ter ver­nich­te­te, köst­li­che Obszö­ni­tät er­reich­te in vie­len Län­dern, dar­un­ter Groß­bri­tan­ni­en und Ös­ter­reich, Platz eins der Hit­pa­ra­de. Boy­kot­te und ein päpst­li­cher Bann­fluch er­höh­ten letzt­lich nur die Ab­satz­zah­len. In Ös­ter­reich nahm der Ma­ler Le­herb ge­mein­sam mit sei­ner Frau Lot­te Pro­fohs 1974 mit „Ir­re Gut“ei­ne hie­si­ge Va­ria­ti­on von „Je t’ai­me“auf. Stöh­nen im Takt. Ei­nen nächs­ten ge­wal­ti­gen Schub be­kam die schluss­end­lich zur Ge­win­n­op­ti­mie­rung be­frei­te Se­xua­li­tät in den Sieb­zi­ger­jah­ren. Zu­nächst passierte sie im Soul: Mar­vin Gaye wand­te sich 1973 ganz der Sinn­lich­keit zu, sei­ne Lie­der­samm­lung „Let’s Get It On“ist ein frü­hes Kon­zept­al­bum zum The­ma Ero­tik. Auf Lie­dern wie „You Su­re Lo­ve to Ball“und „Let’s Get It On“summ­ten lei­se Sa­xo­fo­ne und stöhn­ten Mäd­chen­stim­men. Im sel­ben Jahr lan­cier­te der be­leib­te Croo­ner Bar­ry Whi­te sei­nen ers­ten ero­ti­schen Hit „I’m Gon­na Lo­ve You Just a Litt­le Bit Mo­re“. Der glatz­köp­fi­ge Isaac Hayes wech­sel­te eben­falls 1973 vom Blax­ploi­ta­ti­on-Funk zu tes­to­ste­ron­hal­ti­gen, epi­schen Ero­tik­raps wie „Joy“.

Als sich dann ab 1975 mehr und mehr der Dis­co­beat durch­zu­set­zen be­gann, hat­te die in Wi­en und Mün­chen le­ben­de Afro­ame­ri­ka­ne­rin Don­na Sum­mer die Idee für „Lo­ve to Lo­ve You Ba­by“. Das Stück ging mit sei­nen 16 Mi­nu­ten, 50 Se­kun­den Län­ge über ei­ne gan­ze Plat­ten­sei­te und ent­hielt nicht we­ni­ger als 23 si­mu­lier­te Or­gas­men. Es wur­de ein in­ter­na­tio­na­ler Dis­co­hit. Don­na Sum­mer und spä­ter Mil­lie Jack­son („Fee­lin’ Bit­chy“) wur­den

1910: Eva Tan­gu­ay ent­leer­te Cham­pa­gnerfla­schen über ih­rem Haupt, kreisch­te da­zu. Ab den 1980er-Jah­ren hat­te Nackt­heit in der Pop­kul­tur vor al­lem Wa­ren­qua­li­tät.

wie ih­re männ­li­chen Pen­dants Isaac Hayes und Bar­ry Whi­te zu Sex­sym­bo­len der Sieb­zi­ger­jah­re.

In den Acht­zi­ger­jah­ren wur­de al­les, was in der Mu­sik mit Nackt­heit zu tun hat, char­me­be­frei­ter. Im Wir­bel der rasch wech­seln­den Tanz­mu­sik­sti­le wur­de das Ob­szö­ne zum fi­xen Be­stand­teil der po­pu­lä­ren Kul­tur. Es stif­te­te nicht mehr bloß (freie­re) Moral, son­dern dien­te ganz un­ge­niert der Ge­winn­ak­ku­mu­lie­rung. Ab so­fort hat­te die Preis­ga­be des nack­ten Lei­bes vor al­lem Wa­ren­qua­li­tät. Das zwi­schen­mensch­li­che, ero­ti­sche Knis­tern wur­de in vie­len Ins­ze­nie­run­gen durch Käl­te ab­ge­löst. Gra­ce Jo­nes fros­ti­ger Sex­ap­peal auf „Night­club­bing“evo­zier­te 1981 eher Angst­lust als Geil­heit. Auch Ge­or­ge Micha­el kam 1987 un­ver­blümt zur Sa­che: „Every man’s got his pa-

Is­land Re­cor­ds

Die bri­ti­sche Art-Rock-Band Ro­xy Mu­sic war be­rühmt für ih­re be­geh­rens­wer­ten Mo­dels auf den Co­vers. Das Lie­bes­le­ben ih­res Sän­gers, Bryan Fer­ry, war eben­falls ge­prägt von ih­nen.

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