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Mo­di­sche Zom­bie-Abs­trak­ti­on hat in­ter­na­tio­nal Kon­junk­tur. In Wi­en zei­gen zwei Ga­le­ri­en kon­se­quent ge­wach­se­ne Po­si­tio­nen post­mo­der­ner Abs­trak­ti­on.

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON SA­BI­NE B. VO­GEL

In Auk­tio­nen hat abs­trak­te Ma­le­rei Hoch­kon­junk­tur, un­ter Kunst­käu­fern ge­hört die­se Spar­te zu den be­lieb­tes­ten Spe­ku­la­ti­ons­ob­jek­ten. Man­che er­klä­ren das da­mit, dass in den un­ge­gen­ständ­li­chen Bil­dern kei­ne re­gio­na­le Kul­tur er­kenn­bar sei – was noch zu er­for­schen wä­re. An­de­re schät­zen den ho­hen De­ko­ra­ti­ons­fak­tor der meist auf we­ni­ge Far­ben und For­men re­du­zier­ten Wer­ke – das passt per­fekt zu un­se­ren mo­der­nen Ein­rich­tun­gen.

Denn da­rin sind sich al­le ei­nig: Die Abs­trak­ti­on gilt als der In­be­griff der Mo­der­ne. Nichts hat die Kunst des letz­ten Jahr­hun­derts der­art be­ein­flusst wie die­ser Schritt. War der Ge­gen­stand als Re­fe­renz erst ein­mal auf­ge­ge­ben, konn­te der Bild­raum gänz­lich frei ge­füllt wer­den, von ir­ri­tie­ren­der Lee­re bis zu ob­ses­si­ven Schich­tun­gen. Man­che Künst­ler ex­pe­ri­men­tier­ten mit For­men, die wie in der Op-Art ei­ne Il­lu­si­on von Be­we­gung er­zeu­gen; an­de­re such­ten nur über die Far­be flir­ren­de, tie­fe Bild­räu­me wie Mark Roth­ko oder ho­ben wie Frank Stel­la die Be­gren­zung der Lein­wand auf. Wie aber ge­hen die Künst­ler seit En­de der Mo­der­ne mit der Abs­trak­ti­on um? In zwei Wie­ner Ga­le­ri­en sind da­zu gera­de zwei gänz­lich un­ter­schied­li­che und doch ver­wand­te Wer­ke zu se­hen: Hel­ga Philipp (Ga­le­rie Win­ter) und Til­man Kai­ser (Ga­le­rie Ema­nu­el Layr).

Die 1939 ge­bo­re­ne, 2002 ver­stor­be­ne Hel­ga Philipp ge­hört zu je­nen Künst­le­rin­nen, die gera­de vom Kunst­markt wie­der­ent­deckt wer­den. Mit 14 wur­de sie an der An­ge­wand­ten auf­ge­nom­men, stu­dier­te Bild­haue­rei und zähl­te in den 1960er-Jah­ren mit ih­ren ki­ne­ti­schen Ob­jek­ten und Op-Art-Bil­dern zur in­ter­na­tio­na­len Avant­gar­de. Ei­ni­ge Wer­ke die­ser Pha­se sind gera­de im 21er-Haus in der Grup­pen­aus­stel­lung Ab­stract Lo­op Aus­tria zu se­hen (bis 29. 5.). In den 1980ern ver­schwand ihr Werk fast völ­lig vom Markt, denn da­mals be­gann der Sie­ges­zug der Jun­gen Wil­den. Philipp ließ sich da­von aber nicht be­ir­ren, und in der Ga­le­rie Hu­bert Win­ter kann man jetzt se­hen, was zwi­schen 1988 bis 1996 ent­stand: weit­ge­hend schwar­ze, über­ra­schend ele­gan­te Bil­der auf Kar­ton, Lein­wand und Trans­pa­rent­pa­pier.

Wun­der­bar, wie viel­schich­tig Philipp ver­schie­de­ne Wei­sen der Abs­trak­ti­on ver­knüpft: Meh­re­re La­gen trans­pa­ren­ter Fo­li­en, die mit un­ter­schied­lich star­ken Gra­fit­schraf­fu­ren be­deckt sind, lie­gen über­ein­an­der. Das er­zeugt Bal­ken, Qua­dra­te, Py­ra­mi­den. Aber die Stren­ge der geo­me­tri­schen For­men ist durch die me­di­ta­ti­ve Tech­nik der Schraf­fu­ren auf­ge­bro­chen, die Bil­der le­ben durch die Farb­nu­an­cen. Es sind „vi­su­el­le Aben­teu­er“, wie es Phil­ipps Toch­ter Ol­ga Oku­nev nennt. Ga­le­rist Win­ter spricht bei ei­nem viel­tei­li­gen Werk an­ge­sichts des Zu­sam­men­spiels von Licht und Gra­fit­schraf­fur von ei­ner Hin­ter­grund­strah­lung – die nicht mit den Mit­teln der Il­lu­si­on er­zeugt wird, son­dern mit rea­len Re­fle­xio­nen. Ob­wohl Phil­ipps Wer­ke in fast je­der ös­ter­rei­chi­schen Mu­se­ums­samm­lung sind, kos­ten ih­re Ar­bei­ten erst 12.000 bis 36.000 Euro – der ös­ter­rei­chi­sche Kunst­markt ent­wi­ckelt sich lang­sam. Ti­man Kai­ser bei Layr. Nur auf schwarz-wei­ße Farb­tö­ne re­du­ziert auch Til­man Kai­ser sei­ne neue Bild­se­rie in der Ga­le­rie Ema­nu­el Layr. Der 1972 in Graz ge­bo­re­ne Künst­ler ar­bei­te­te mehr als ein Jahr an den 13 Groß­for­ma­ten. Auch er ver­wen­det das Prin­zip der Schich­tun­gen, sucht aber nicht die stren­gen Ab­gren­zun­gen, son­dern das Cha­os ei­nes kon­trol­lier­ten Zu­falls. Aus­gangs­punkt der Bil­der sind Fo­to­gram­me, die auf klei­nen, mit Fo­to­emul­si­on be­schich­te­ten Blät­tern ent­ste­hen. Fo­to­gram­me wer­den nicht mit ei­ner Ka­me­ra ge­schos­sen, son­dern mit ei­ner Ta­schen­lam­pe be­lich­tet – die wei­ßen Flä­chen stam­men von den Ab­de­ckun­gen, der Rest ist schwarz.

Für das ers­te Werk bat Kai­ser sei­ne Nach­ba­rin, sich auf die Blät­ter zu le­gen, auf an­de­ren er­kennt man zer­bro­che­ne Glas­schei­ben oder auch nur Krit­ze­lei­en. Kai­ser ent­wi­ckelt Blatt für Blatt in ei­ner Fo­to­wan­ne, fügt die Tei­le lo­cker zu ei­nem gro­ßen Bild zu­sam­men und legt zu­letzt noch ei­ne ma­le­ri­sche Schicht dar­über: ex­ak­te Li­ni­en in kris­tal­li­nen Mus­tern, manch­mal auch als ro­te, wel­len­för­mi­ge Krei­se. Ähn­lich wie die Schraf­fu­ren bei Philipp sind auch die­se Mus­ter Aus­drucks­for­men in­ne­rer Vor­gän­ge – des Un­be­wuss­ten, Traum­haf­ten, Sur­rea­len. „Kai­ser in­ter­es­siert sich sehr für die For­men­spra­che der Mo­der­ne, sucht da­rin aber die Bre­chun­gen“, er­klärt Ga­le­rist Layr. 18.000 Euro kos­tet ein Bild, der Markt für zeit­ge­nös­si­sche Abs­trak­ti­on be­ginnt gleich auf ei­nem hö­he­ren Preis­ni­veau, ei­ni­ge

In den 1980ern fast völ­lig ver­ges­sen, wird Hel­ga Phil­ipps Werk jetzt wie­der­ent­deckt. Der Markt für zeit­ge­nös­si­sche Abs­trak­ti­on be­ginnt gleich auf ei­nem hö­he­ren Preis­ni­veau.

sind schon nach New York ver­kauft. Die­se Bre­chun­gen ma­chen den Un­ter­schied zu den Abs­trak­tio­nen der Mo­der­ne aus. In Phil­ipps Gra­fi­ken er­staunt der Kon­trast zu den stren­gen For­men, die sich durch die zar­ten Schraf­fu­ren er­ge­ben. Wenn Kai­ser die Far­be in den Fo­to­gram­men mit ei­nem Be­sen auf­trägt, wird die Bre­chung als Stil­ele­ment un­über­seh­bar. Bei­de su­chen ei­ne Ord­nung, die zu­gleich Rück­zugs­ort und Frei­raum für Sub­jek­ti­ves be­inhal­tet – ein Mo­dell für ei­ne Welt, in der der Glau­be an die ei­ne, rich­ti­ge Ent­schei­dung ver­lo­ren ge­gan­gen ist.

Ga­le­rie Hu­bert Win­ter, Brei­te Gas­se 17, Hel­ga Philipp bis 31. 3.

Ga­le­rie Ema­nu­el Layr, Sei­ler­stät­te 2, Til­man Kai­ser, bis 9. 4.

Courtesy Ga­le­rie Win­ter

Vi­su­el­le Aben­teu­er aus fei­nen Schraf­fu­ren: „O. T.“, Hel­ga Philipp, um 1990.

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