Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VO N MICHA­EL PRÜL­LER

700.000 Hells An­gels. War­um un­ser Blick auf die Flücht­lin­ge viel da­mit zu tun hat, ob sie spä­ter ein­mal un­se­re Welt ra­di­kal ab­leh­nen – oder lie­ber ins Wo­chen­end­haus fah­ren.

Der US-Sa­ti­ri­ker P. J. O’Rour­ke ist ein sel­ten ge­wor­de­ner Ty­pus: ein geist­rei­cher Re­pu­bli­ka­ner. Vor Jah­ren hat er ein­mal er­klärt, wie er den Ter­ro­ris­mus be­kämp­fen wür­de – nicht durch mehr Po­li­zei, son­dern durch mehr Wohl­stand: „Ich möch­te ei­ne Welt, in der Osa­ma bin La­den ein Mit­glied ei­ner Schlä­fer­zel­le an­ruft, je­man­den, der vor vie­len Jah­ren als un­auf­fäl­li­ger Bür­ger in die USA ge­schickt wor­den ist. Und ich möch­te, dass der Mann am Te­le­fon sagt: ,Osa­ma, schön von dir zu hö­ren! Pa­ris in die Luft ja­gen, am Don­ners­tag? Tja, Osa­ma, an sich gern, aber am Don­ners­tag hat un­se­re Klei­ne Bal­lett­auf­füh­rung. Wenn man da zu spät kommt, ver­zeiht sie das nie. Frei­tag? Geht auch nicht. Ich muss mei­ne Mut­ter zu ih­rer Ber­mu­da-Kreuz­fahrt brin­gen. Es ist Fa­ti­mas Yo­ga­tag. Ich ha­be ein gro­ßes Golf­tur­nier im Klub. Und Sams­tag ist aus­ge­schlos­sen, wir fah­ren übers Wo­che­n­en­de in die Hamp­tons.‘“

Ech­te Ter­ro­ris­ten kann man wohl eher sel­ten durch Wohl­stand ent­ra­di­ka­li­sie­ren. Aber bei Mi­gran­ten, die we­gen ei­ner bes­se­ren Le­bens­per­spek­ti­ve da sind, nimmt ein at­trak­ti­ver, in­te­grie­ren­der Way of Li­fe dem Fa­na­tis­mus die Luft. Um­ge­kehrt wird Ra­di­ka­li­tät be­feu­ert, wenn Men­schen in ih­ren Hoff­nun­gen be­tro­gen, in ih­rer Wür­de ge­kränkt wer­den. Wenn man sie ver­ach­tet und sie das spü­ren lässt. Wenn sie im Hin­ter­hof des Reich­tums selbst im Dreck ver­har­ren müs­sen. Wer kei­ne An­er­ken­nung ge­win­nen kann, hat nichts mehr zu ver­lie­ren. Und wer von vorn­her­ein als Ge­walt­tä­ter an­ge­se­hen wird, hat gu­te Chan­cen, ei­ner zu wer­den.

Da geht es nicht nur um die psy­cho­lo­gi­schen Fol­gen der vie­len Fa­cet­ten der eu­ro­päi­schen Lieb­lings­po­li­tik der Flücht­lings­ver­grä­mung. Es geht auch um den ab­schät­zi­gen Blick. Der „Spie­gel“-Re­dak­teur Thi­lo Thiel­ke schrieb kürz­lich: „Die we­nigs­ten Deut­schen ha­ben die ih­nen an­ge­dich­te­te dif­fu­se Angst vor den Frem­den. Ih­nen ist un­wohl an­ge­sichts der vie­len auf Kra­wall ge­bürs­te­ten Jung­män­ner aus dem ara­bi­schen Raum – so wie ih­nen un­wohl wä­re, wenn man 700.000 Hells An­gels oder An­hän­ger der Bo­rus­sen­front in ih­rer Nach­bar­schaft an­sie­deln wür­de.“Spricht aber nicht aus ge­nau die­sem Bild dif­fu­se Angst? Je­der männ­li­che Flücht­ling ein ju­gend­li­cher Schlä­ger.

Schub­la­di­sie­rung re­du­ziert die Kom­ple­xi­tät des Pro­blems und ver­heißt da­durch ein­fa­che Lö­sun­gen. Aber sie ver­ne­belt die Rea­li­tät. Flücht­lin­ge sind nicht ganz gut oder ganz bö­se, son­dern viel­fäl­ti­ge Men­schen. Bei den meis­ten ist die Hoff­nung auf ein Le­ben in Wür­de zu­nächst grö­ßer als ih­re Frus­tra­ti­on. Man kann das ne­gie­ren – oder dar­auf auf­bau­en. Letz­te­res hal­te ich für das aus­sichts­rei­che­re Frie­dens­pro­jekt. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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