Der Ab­schied vom Wir

Die Wie­ner SPÖ ent­wi­ckelt sich zur Kampf­zo­ne. In der Bun­des­re­gie­rung ist das Dau­er­du­ell be­reits All­tag ge­wor­den. Es fällt nur mehr auf, wenn der Kanz­ler Sonn­tag­abend im Fern­se­hen spricht.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON UL­RI­KE WEI­SER

Es ist ein Wort, das bei sol­chen Ge­le­gen­heit stark in Ge­brauch ist: Wir. Wir Ge­nos­sen, wir Freun­de, wir, die Wie­ner SPÖ – so tön­te es bei der Klub­klau­sur der Wie­ner SPÖ qua­si non­stop vom Red­ner­pult. Doch Ein­heit kön­nen die­se For­meln nicht her­auf­be­schwö­ren. Denn das ro­te Wie­ner Wir, das gibt es schon län­ger nicht mehr.

Die mäch­ti­ge Lan­des­par­tei ist an­ge­schla­gen. Das hat we­ni­ger mit ein paar Pro­test­schil­dern ge­gen den Bun­des­kanz­ler zu tun, viel­mehr mit den De­bat­ten hin­ter (mehr oder we­ni­ger) ver­schlos­se­nen Tü­ren. Micha­el Häupl kann den in­ter­nen Streit in der Flücht­lings­fra­ge noch so oft für be­en­det er­klä­ren, er geht wei­ter. Denn der ro­te Schwenk in Rich­tung Macht des Fak­ti­schen war für die Wie­ner Par­tei hef­tig. Im­mer­hin hat man hier mit der „Wir schaf­fen das“-Bot­schaft erst vor ein paar Mo­na­ten ei­ne Wahl ge­won­nen. Auch wenn das be­reits ewig her zu sein scheint. Seit­her be­fin­det sich Micha­el Häupl in ei­nem Dau­er­ba­l­an­ce­akt, um den so­zia­len Frie­den in der ei­ge­nen Par­tei zu wah­ren. Der prag­ma­ti­sche Flü­gel und die „Hal­tung kennt kei- ne Ober­gren­ze“-Frak­ti­on ste­hen sich in­zwi­schen ziem­lich un­ver­söhn­lich ge­gen­über. Der Bür­ger­meis­ter ist da­bei Me­dia­tor und Agi­ta­tor in ei­nem. Da er – aus Ei­tel­keit oder Stra­te­gie – kei­nen Nach­fol­ger aus ei­nem der bei­den La­ger auf­baut, wird die Par­tei zu­neh­mend zur Kar­rie­re­kampf­zo­ne. So­zia­le Fra­ge(n). Für Druck von au­ßen sorgt der­wei­len die ÖVP, im Dop­pel­pass-Spiel von Bund und Land. Die von der ÖVP ge­star­te­te De­bat­te über die Min­dest­si­che­rung ver­quickt mit der Flücht­lings­kri­se bringt die Wie­ner Ro­ten in Be­dräng­nis. Denn Wi­en hat ei­ner­seits die meis­ten Min­dest­si­che­rungs­be­zie­her und ist an­de­rer­seits Bin­nen­ziel vie­ler an­er­kann­ter Flücht­lin­ge. Wenn nun an­de­re Bun­des­län­der für Asyl­be­rech­tig­te die Min­dest­si­che­rung kür­zen, wird der Zustrom noch mehr stei­gen. Was macht die Wie­ner SPÖ dann? Ringt sie sich zu Ein­schrän­kun­gen et­wa bei den sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten – al­so je­nen, die kein Asyl ha­ben, aber nicht ab­ge­scho­ben wer­den – durch? Da­zu wird es in der Wie­ner SPÖ nur of­fi­zi­ell ei­ne ge­mein­sa­me Mei­nung ge­ben.

Apro­pos span­nen­de Fra­gen: Ist es ei­gent­lich in Ord­nung, dass der Kanz­ler heu­te „Im Zen­trum“ein So­lo­in­ter­view zu Flücht­lin­gen und Eu­ro­pa ge­ben wird? Die Fra­ge regt auf, ist aber un­spek­ta­ku­lär. An­de­re Län­der ma­chen das auch, von ih­nen hat man die Idee ja. Und ob es an In­ter­views et­was zu kri­ti­sie­ren gibt, weiß man erst hin­ter­her. Das ist letzt­lich auch hier so. Trotz der all­seits be­kann­ten Grün­de für die Auf­re­gung. So weiß man ers­tens, dass der Kanz­ler gern an­de­re In­ter­view­ein­la­dun­gen aus­schlägt. Zwei­tens na­hen ORF-Wah­len, drit­tens – da hat die ÖVP recht – prä­sen­tiert Wer­ner Fay­mann ei­ne von ihr ge­präg­te Li­nie, und vier­tens ist das An­spruchs­den­ken der Par­tei­en ge­gen­über dem ORF ein ewi­ges Di­lem­ma. Und fünf­tens gibt es da ei­nen klei­nen, ba­na­len Fak­tor, der pro­porz­mä­ßig be­setz­te De­bat­ten of­fen­bar so nö­tig macht: Fay­mann wird nicht als Re­gie­rungs­chef ge­se­hen. Son­dern nur als SPÖ-Par­tei­ob­mann. Ein „Wir, die Bun­des­re­gie­rung“gibt es schon lang nicht mehr. Es fällt uns bloß nicht mehr auf.

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