Der Wen­de-Kanz­ler

Wer­ner Fay­mann, neu­er­dings Staats­mann: Durch die Flücht­lings­kri­se hat er an Sta­tur ge­won­nen. Erst im Schat­ten von An­ge­la Mer­kel. Erst recht seit er sich von ihr eman­zi­piert hat. Oh­ne Druck von au­ßen wä­re das al­ler­dings nichts ge­wor­den.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Der Eu­ro­pa-Ab­le­ger des USOn­li­ne-Ma­ga­zins „Po­li­ti­co“kam die­se Wo­che un­ter dem Ti­tel „How Aus­tria un­wit­ting­ly sa­ved Mer­kel’s po­li­ti­cal ba­con“(„Wie Ös­ter­reich un­be­ab­sich­tigt Mer­kels Haut ret­te­te“) zu dem Schluss: Wer­ner Fay­mann ha­be An­ge­la Mer­kel in Mer­kel-Ma­nier ei­ne Lek­ti­on in „re­al­po­li­tik“er­teilt. Der ös­ter­rei­chi­sche Kanz­ler ha­be sich bin­nen we­ni­ger Mo­na­te von ih­rem engs­ten Ver­bün­de­ten zu ih­rer Ne­me­sis ge­wan­delt.

Auch der „Spie­gel“kam in sei­ner Co­ver­sto­ry nicht oh­ne Fay­mann-Mer­kel-Bild im Blatt­in­ne­ren aus. Und selbst Micha­el Jean­nee,´ nicht gera­de als größ­ter Fay­mann-Fan in der an sich kanz­ler­freund­li­chen „Kro­nen Zei­tung“be­kannt, kon­ze­dier­te am Mitt­woch: „Wer hät­te das noch vor ein paar Mo­na­ten ge­dacht: un­ser Kanz­ler, ein Mann mit Le­a­dership-Qua­li­tä­ten!“

Wer­ner Fay­mann, der Kanz­ler, der in der Flücht­lings­fra­ge ei­sern Kurs hält – auch ge­gen den Wi­der­stand aus Ber­lin, Brüs­sel und Wie­ner Bo­bo-Be­zir­ken. Ein un­ge­wohn­tes Bild, das da von ihm ge­zeich­net wird. Un­be­strit­ten ist: Fay­mann hat ei­ne 180-Grad-Wen­dung hin­ter sich. Sie ist al­ler­dings we­ni­ger aus ei­ge­nem An­trieb als viel­mehr durch Druck von au­ßen er­folgt. Ge­nau­er ge­sagt von vier Sei­ten.

Da war ein­mal der Ko­ali­ti­ons­part­ner, des­sen Par­tei­chef, Rein­hold Mit­ter­leh­ner, an­fangs noch ge­mein­sam mit Fay­mann auf der Re­fu­gees-wel- co­me-Wel­le se­gel­te, je­doch spä­tes­tens vor den Land­tags­wah­len im Herbst den Kurs än­der­te. Und zwar in je­ne Rich­tung, die Se­bas­ti­an Kurz und Jo­han­na Mikl-Leit­ner schon von Be­ginn der Flücht­lings­kri­se an vor­zu­ge­ben ver­sucht ha­ben. Die­ser Druck von­sei­ten der ÖVP auf Fay­mann war frei­lich der ge­rings­te, denn dem Ko­ali­ti­ons­part­ner zu wi­der­ste­hen, bringt grund­sätz­lich eher Plus­punk­te in der ei­ge­nen Par­tei.

Dann war da der schon ge­wich­ti­ge­re Druck von an­de­ren eu­ro­päi­schen Staa­ten, die nicht Deutsch­land hie­ßen. Die­se ga­ben Fay­mann zu ver­ste­hen, dass sie den deut­schen Weg für ei­nen Irr­weg hal­ten und nicht be­reit sei­en, die­sen mit­zu­ge­hen.

Dann wa­ren da vor al­lem die ei­ge­nen Ge­nos­sen. Nach der Wi­en-Wahl däm­mer­te auch der SPÖ-Füh­rung, dass die Par­tei­ba­sis so ganz an­ders denkt als im Wie­ner Wahl­kampf von der Par­tei vor­ge­ge­ben. Die ÖVP mit ih­rem weit­ver­zweig­ten Netz von Bür­ger­meis­tern auf dem fla­chen Land hat­te die kri­ti­sche Stim­mung in der Be­völ­ke­rung schon weit frü­her wahr­ge­nom­men. In der SPÖ wa­ren es Po­li­ti­ker wie der bur­gen­län­di­sche Lan­des­haupt­mann, Hans Niessl, die dar­auf auf­merk­sam mach­ten. Und heu­te heißt es so­gar aus der Wie­ner SPÖ, man ha­be nie­man­den ein­ge­la­den. Und über­haupt sei man ja schon im­mer für Men­sch­lich­keit und Ord­nung ein­ge­tre­ten. Die Macht und die „Kro­ne“. Und dann war da noch – und das hal­ten man­che für das ent­schei­den­de – die „Kro­nen Zei­tung“, die selbst lang um ih­re Li­nie rang, letzt­lich aber auf ei­ne re­strik­ti­ve ein­schwenk­te und Wer­ner Fay­mann über­zeug­te, das auch zu tun. Wo­bei der Druck von der SPÖ-Ba­sis und je­ner von der „Kro­ne“ge­wis­ser­ma­ßen Hand in Hand gin­gen.

„Wir ha­ben dann ei­ne Zeit lang noch ge­zit­tert – erst recht nach der von Kurz und Mikl-Leit­ner in­iti­ier­ten West­bal­kan-Kon­fe­renz –, ob Fay­mann auch wirk­lich hält“, heißt es in der ÖVP. „Aber er hat ge­hal­ten.“Auch ge­gen Wi­der­stän­de in sei­ner ei­ge­nen Par­tei.

In der SPÖ sieht man das ein we­nig an­ders: Wer­ner Fay­mann ha­be lang auf die eu­ro­päi­sche Lö­sung ge­setzt. Und er war sehr ent­täuscht, nicht zu­letzt über die EU-Kom­mis­si­on, dass die­se nie zu­stan­de kam. Nach Köln sei es dann zu ei­nem Stim­mungs­wan­del in der Be­völ­ke­rung ge­kom­men, den man nicht mehr igno­rie­ren konn­te. Und Vor­wür­fe, er hät­te nicht recht­zei­tig ge­han­delt, wenn im Som­mer 2016 wie­der so vie­le Flücht­lin­ge kä­men wie im Vor­jahr, ha­be sich der Bun­des­kanz­ler er­spa­ren wol­len.

Wer­ner Fay­mann hat in der Flücht­lings­kri­se an Sta­tur ge­won­nen. Zu­erst als An­walt der Hu­ma­ni­tät im Schat­ten An­ge­la Mer­kels. Und nun erst recht durch die Eman­zi­pa­ti­on von An­ge­la Mer­kel – als füh­ren­der Ver­tre­ter ei­ner Po­li­tik der Ver­nunft. Die frei­lich von an­de­ren in der Re­gie­rung wie Au­ßen­mi­nis­ter Kurz vor­ge­dacht wur­de. Streit mit Mer­kel am Te­le­fon. Der Preis da­für: das zer­rüt­te­te Ver­hält­nis zu An­ge­la Mer­kel. Die bei­den ge­hen mitt­ler­wei­le sehr scharf mit­ein­an­der um, ge­strit­ten wird auch am Te­le­fon. Mer­kel wirft Fay­mann vor, dass er noch hät­te zu­war­ten sol­len. Fay­mann kon­tert, das wä­re nicht mehr mög­lich ge­we­sen. Er müs­se auch auf die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung Rück­sicht neh­men. Und schließ­lich ha­be auch Deutsch­land Ta­geskon­tin­gen­te ein­ge­führt.

Wer­ner Fay­manns engs­te Ver­bün­de­te in der Eu­ro­päi­schen Uni­on sind nun Do-

Man ha­be ge­zit­tert, ob Fay­mann hält. Und er ha­be ge­hal­ten, heißt es in der ÖVP. Sei­ne engs­ten Mit­strei­ter in der EU sind nun Do­nald Tusk und Mat­teo Ren­zi.

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