Un­ser Geld für un­se­re Leu­te?

Steigt durch Zu­wan­de­rung die He­te­ro­ge­ni­tät der Ge­sell­schaft, sinkt der Wunsch nach so­zia­ler Um­ver­tei­lung. Be­son­ders stark ist die­ser Ef­fekt bei den Ver­mö­gen­den, so Öko­no­men.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON JA­KOB ZIRM

Es ist ei­ne al­te und gut er­forsch­te Er­kennt­nis der Öko­no­mie, dass die Be­reit­schaft zu so­zia­ler Um­ver­tei­lung stark mit der ei­ge­nen Ein­kom­mens­si­tua­ti­on kor­re­liert. Wer ver­hält­nis­mä­ßig we­nig Geld ver­dient, hegt in der Re­gel eher den Wunsch nach ei­nem pro­gres­si­ven Steu­er­sys­tem und ei­nem gut aus­ge­bau­ten So­zi­al­sys­tem als je­mand, der am obe­ren En­de der Ein­kom­mens­hier­ar­chie zu fin­den ist.

We­sent­lich ge­rin­ger er­forscht ist bis­lang je­doch, wie an­de­re Fak­to­ren auf die­se Be­reit­schaft zur Um­ver­tei­lung Ein­fluss neh­men – et­wa die Fra­ge, wer kon­kret die so­zia­len Leis­tun­gen be­zieht. Ein Punkt, der an­ge­sichts der zu­neh­men­den Be­las­tun­gen für das So­zi­al­sys­tem durch die Übe­r­al­te­rung auf der ei­nen Sei­te und die Im­mi­gra­ti­on von nur schwer am Ar­beits­markt ver­mit­tel­ba­ren Flücht­lin­gen auf der an­de­ren Sei­te zu­neh­mend an Be­deu­tung ge­winnt.

Dass es ei­nen deut­li­chen Un­ter­schied in der Be­wer­tung der Leis­tungs­emp­fän­ger gibt, zeig­te der hol­län­di­sche Öko­nom Wim van Oor­schot be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren. Er wer­te­te für sei­ne Stu­die („Ma­king the dif­fe­rence in so­ci­al Eu­ro­pe: de­ser­ving­ness per­cep­ti­ons among ci­ti­zens of Eu­ro­pean wel­fa­re sta­tes“) Da­ten ei­ner EU-Um­fra­ge hin­sicht­lich der Fra­ge aus, wel­che Grup­pe am ehes­ten so­zia­le Leis­tun­gen „ver­die­ne“und wel­che am we­nigs­ten.

Das Er­geb­nis war in al­len eu­ro­päi­schen Län­dern gleich: Am ehes­ten wer­den Se­nio­ren So­zi­al­leis­tun­gen ver­gönnt, dann fol­gen mit ge­rin­gem Ab­stand be­hin­der­te Men­schen. Bei Ar­beits­lo­sen ist die Be­reit­schaft be­reits deut­lich ge­rin­ger, und Mi­gran­ten kom­men meist nur auf die Hälf­te des Wer­tes der Se­nio­ren. „Die Tat­sa­che, dass die Ab­stu­fung in der So­li­da­ri­tät ge­gen- über die­sen Grup­pen in al­len eu­ro­päi­schen Län­dern gleich ist, zeigt, dass die da­hin­ter lie­gen­den Grün­de tief ver­wur­zelt sind“, heißt es in der Stu­die. So­zi­al­kon­kur­renz? Frag­lich war bis­her, was die­se Er­kennt­nis im Hin­blick auf ver­mehr­te Zu­wan­de­rung be­deu­tet, wie sie et­wa in Fol­ge der Flücht­lings­kri­se zur Zeit in ganz Eu­ro­pa statt­fin­det. In der – von rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en an­ge­heiz­ten – po­li­ti­schen Dis­kus­si­on herrscht ja in der Re­gel die Er­war­tungs­hal­tung vor, dass es vor al­lem bei är­me­ren so­zia­len Schich­ten zu ei­ner Art Kon­kur­renz­den­ken um So­zi­al­leis­tun­gen ge­gen­über den Zu­wan­de­rern füh­ren könn­te, so­dass da­durch die all­ge­mei­ne Be­reit­schaft für so­zia­le Um­ver­tei­lung sin­ken wür­de.

Der bri­ti­sche Öko­nom Da­vid Rue­da von der Uni­ver­si­tät Ox­ford hat die­se An­nah­me, ge­stützt auf Da­ten ei­ner EU- So­zi­al­stu­die, un­ter­sucht und ist da­bei zu ei­ner über­ra­schen­den Er­kennt­nis ge­kom­men („Food Co­mes First, Then Morals: Re­dis­tri­bu­ti­on Pre­fe­ren­ces, Al­tru­ism and Group He­te­ro­gen­ei­ty in Wes­tern Eu­ro­pe“). So nimmt die Be­reit­schaft bei Är­me­ren für so­zia­le Um­ver­tei­lung im Schnitt zwar wie er­war­tet ab, wenn der An­teil von im Aus­land ge­bo­re­nen Ein­woh­nern ei­nes Lan­des zu­nimmt. Steigt Letz­te­rer et­wa von knapp fünf auf rund 15 Pro­zent, sinkt der Wunsch nach Um­ver­tei­lung bei Men­schen, die im un­ters­ten Ein­kom­mens­zehn­tel lie­gen von knapp acht­zig auf rund 75 Pro­zent.

Al­ler­dings wird die­ser Ab­fall um­so grö­ßer, je hö­her die Ein­kom­men sind. Beim Durch­schnitts­ein­kom­men re­du­ziert sich die Zu­stim­mung für um­ver­tei­len­de Maß­nah­men be­reits von 75 auf knapp un­ter 70 Pro­zent. Beim obers­ten Ein­kom­mens­zehn­tel er­folgt der Rück­gang so­gar von 60 auf 40 Pro­zent. „Die si­gni­fi­kan­ten Un­ter­schie­de in der Un­ter­stüt­zung von so­zia­ler Um­ver­tei­lung in We­st­eu­ro­pa ha­ben nur we­nig mit den Ar­men zu tun und sehr viel mit dem Al­tru­is­mus der Ver­mö­gen­den“, schreibt Rue­da.

Denn grund­sätz­lich sei Letz­te­rer in Eu­ro­pa stark aus­ge­prägt und rei­che „weit in je­ne so­zia­len Schich­ten, die selbst nicht di­rekt po­si­tiv von Um­ver­tei­lung be­ein­flusst wer­den“. Al­ler­dings ge­he die­se Be­reit­schaft eben deut­lich zu­rück, wenn die Ho­mo­ge­ni­tät der Ge­sell­schaft ab­nimmt. Das trifft laut Stu­die üb­ri­gens auch auf Men­schen zu, die sich selbst stark mit al­tru­is­ti­schen Po­si­tio­nen iden­ti­fi­zie­ren.

Mög­li­cher Grund für die ge­rin­ge­re So­li­da­ri­tät der Ver­mö­gen­den mit Zu­wan­de­rern könn­te laut Rue­da die ge­rin­ge­re Iden­ti­fi­ka­ti­on sein. Denn so­zia­le Um­ver­tei­lung wer­de von Ver­mö­gen­den im­mer auch als ei­ne Art „Ver­si­che­rung“ge­se­hen – soll­te das ei­ge­ne Le­ben sich ein­mal zum Schlech­ten wen­den. Kann man sich mit den Leis­tungs­emp­fän­gern und de­ren Le­bens­um­stän­den aber nur mehr kaum iden­ti­fi­zie­ren, dann fällt die­se Mo­ti­va­ti­on weg.

Ein­fluss auf die Be­reit­schaft für Um­ver­tei­lung ha­ben na­tur­ge­mäß aber auch in­di­vi­du­el­le Fak­to­ren, so die Stu­die. „Äl­te­re, Frau­en und Ge­werk­schafts­mit­glie­der ha­ben grund­sätz­lich ei­nen hö­he­ren Wunsch nach so­zia­ler Um­ver­tei­lung.“Ge­rin­ger ist er in­des bei Men­schen mit hö­he­rer Bil­dung oder aus­ge­präg­ter Re­li­gio­si­tät.

Je grö­ßer die Ein­kom­men, des­to ge­rin­ger der Wunsch nach Um­ver­tei­lung.

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