Bo­li­vi­en: Der Auf­stieg der In­di­ge­nen

Lan­ge galt Bo­li­vi­ens zweit­größ­te Stadt El Al­to als häss­li­cher Back­stein­mo­loch. Doch ein neu­er Ar­chi­tek­tur­stil re­vo­lu­tio­niert das Stadt­bild. Er steht für ei­ne auf­stre­ben­de Schicht in­di­ge­ner Ein­woh­ner, die von Bo­li­vi­ens Wirt­schafts­wachs­tum pro­fi­tie­ren.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON FE­LIX LILL

Als er ein klei­ner Jun­ge war, hat Fred­dy Ma­ma­ni der An­blick sei­ner Hei­mat­stadt oft ge­lang­weilt. „Die­sen Grund­ton aus grau, rot und braun fand ich im­mer so trist“, sagt der 48-Jäh­ri­ge, als er durch ei­ne stau­bi­ge Haupt­stra­ße sei­nes Vier­tels mar­schiert, auf der au­ßer Be­ton, As­phalt und Back­stein nicht viel zu se­hen ist. Der Bau­herr gibt ei­ne Tour durch sei­ne selt­sa­me Hei­mat, die zu­gleich zu sei­nem Spiel­platz ge­wor­den ist. „Bäu­me ha­ben wir hier ja auch kei­ne“, sagt Ma­ma­ni ach­sel­zu­ckend. So galt das in­dus­tri­el­le El Al­to, die zweit­größ­te Stadt Bo­li­vi­ens, bis­her als lan­des­wei­ter In­be­griff von Häss­lich­keit.

Aber als Fred­dy Ma­ma­ni ein paar Häu­ser­blö­cke zu­rück­ge­legt hat, sticht aus dem erd­far­be­nen Ei­ner­lei ein grel­ler, mehr­stö­cki­ger Neu­bau mit ei­ner ver­spiel­ten Glas­wand her­aus. „Hab’ ich ge­baut“, sagt er bei­läu­fig, oh­ne ste­hen zu blei­ben. Ei­nen Block spä­ter ragt ei­ne ähn­li­che Vil­la, ge­nau­so prunk­voll, ed­ler als all die Stan­dard­häu­ser aus Back­stein, her­vor. Knall­gel­be oder -blaue Fas­sa­den, ge­stützt von quietsch­grü­nen Säu­len, dar­über ver­spiel­te Fens­ter­wän­de in schwung­vol­len Mus­tern. Sol­che Bau­ten schie­ßen in El Al­to seit Jah­ren wie Pil­ze aus dem Bo­den und brin­gen das al­te Stadt­bild durch­ein­an­der. Mehr als 200 bun­te Mi­nischlös­ser ste­hen schon, ähn­lich vie­le sind in Pla­nung.

Schril­le Ar­chi­tek­tur ist hier in Mo­de ge­kom­men. Da­für ver­ant­wort­lich ist Fred­dy Ma­ma­ni, die­ser ge­drun­ge­ne Mann mit for­schem Gang, der mit sei­nen durch­ge­tre­te­nen Schu­hen, der stau­bi­gen Je­ans und der ver­wa­sche­nen Bom­ber­ja­cke eher wie ein Bau­ar­bei­ter an­mu­tet. Ma­ma­ni ist wohl der ein­fluss­reichs­te Ar­chi­tekt und Bau­herr und ei­ner der be­kann­tes­ten Un­ter­neh­mer sei­nes Lan­des. In Bo­li­vi­en hat er mit sei­ner ver­spiel­ten Bau­art ei­ne ar­chi­tek­to­ni­sche Re­vo­lu­ti­on los­ge­tre­ten. Neue Iden­ti­tät. Aka­de­mi­ker ha­ben sie schon auf „neo­an­di­ni­sche Ar­chi­tek­tur“ge­tauft, aus­ge­zeich­net durch An­spie­lun­gen auf die Tra­di­tio­nen der Ay­ma­ra, der größ­ten Volks­grup­pe Bo­li­vi­ens. Die Far­ben äh­neln de­nen auf Pon­chos und an­de­ren Trach­ten aus dem Al­ti­pla­no, die For­men er­in­nern oft an Schmet­ter­lin­ge, Schlan­gen oder Kon­do­re, die in der My­tho­lo­gie der Ay­ma­ra ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len. Aber ob­wohl Ma­ma­ni, der sein ers­tes der­ar­ti­ges Ge­bäu­de um die Jahr­tau­send­wen­de ent­warf, auf Tra­di­ti­on schwört: Der Stil ist völ­lig neu.

„Ich will mei­ner Stadt ei­ne Iden­ti­tät ge­ben“, ruft der Ar­chi­tekt stolz durch den Au­to­lärm. „Wir Ay­ma­ra sind der Na­tur stark ver­bun­den. Wir wol­len sie auch in un­se­ren Häu­sern ha­ben.“Dem spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­stil, den man sonst aus Latein­ame­ri­ka kennt, macht Ma­ma­ni ge­nau­so ei­ne Ab­sa­ge wie den fas- sa­den­lo­sen Back­stein­bau­ten, die El Al­to bis­her do­mi­nie­ren. „Mei­ne Ar­chi­tek­tur soll die Ay­ma­ra und Bo­li­vi­ens Ge­schich­te zum Strah­len brin­gen.“

Dass die­ser Stil gera­de in El Al­to Er­folg hat, ist kein Zu­fall. Wie kei­ne an­de­re Stadt Bo­li­vi­ens steht sie für das Auf­stre­ben der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten in im­mer grö­ße­ren Zah­len ihr Glück in den Städ­ten ver­such­te. Erst zo­gen Land­flüch­ti­ge in die auf 3600 Me­tern Hö­he ge­le­ge­ne Re­gie­rungs­stadt La Paz. Da die­se aber in ei­nem Tal liegt, platz­te sie ir­gend­wann aus al­len Näh­ten. An den Hän­gen und auf ei­nem Hoch­pla­teau auf 4000 Me­tern brei­te­te sich El Al­to aus.

Das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum ist bis heu­te ra­sant. Den Sta­tus ei­ner Stadt er­reich­te El Al­to 1985, vor drei Jah­ren wur­den 840.000 Ein­woh­ner ge­zählt, mitt­ler­wei­le ist El Al­to grö­ßer als das im Ko­lo­ni­al­stil stol­zie­ren­de La Paz. Man ver­mu­tet schon ei­ne Mil­li­on Men­schen. „Wir sind ei­ne Händ­ler­stadt“, sagt Fred­dy Ma­ma­ni. „Die meis­ten sind oh­ne viel Geld ge­kom­men. Des­halb wur­de auch nie auf Ar­chi­tek­tur oder Stadt­pla­nung ge­ach­tet.“Und Back­stein war im­mer die bil­ligs­te Bau­art.

Mitt­ler­wei­le wird El Al­to aber auch „der tro­cke­ne Ha­fen Bo­li­vi­ens“ge­nannt, weil es zum Haupt­um­schlag­platz für Im- und Ex­por­te ge­wor­den ist. Seit der So­zia­list Evo Mora­les 2005 zu Bo­li­vi­ens ers­tem in­di­ge­nen Prä­si­den­ten ge­wählt wur­de, boomt die Wirt­schaft all­ge­mein, der An­teil der ex­tre­men Ar­mut konn­te um ein Drit­tel ge­senkt wer­den. Gera­de un­ter den Ay­ma­ra, zu de­nen auch Mora­les und Ma­ma­ni ge­hö­ren, ist ei­ne Schicht neu­er Wohl­ha­ben­der ent­stan­den. Auf­schwung un­ter Mora­les. Die Wirt­schafts­leis­tung pro Kopf hat sich seit dem Amts­an­tritt Mora­les‘ auf 3000 USDol­lar im Jahr mehr als ver­drei­facht. Laut UNO ha­ben zwi­schen 2006 und 2012 rund 1,2 Mil­lio­nen Bo­li­via­ner die Mit­tel­klas­se er­reicht. Übe­r­all im Land wer­den Shop­ping­cen­ter ge­baut, der Bin­nen­kon­sum zieht an. Mit et­was Über­trei­bung prahl­te Fi­nanz­mi­nis­ter Lu­is Ar­ce Cat­a­co­ra des­halb: „In Bo­li­vi­en kann je­der reich wer­den, die Öko­no­mie von heu­te ist für je­den da.“Vie­le die­ser Auf­stei­ger sind In­di­ge­ne.

Und Fred­dy Ma­ma­nis Häu­ser sind zum Sta­tus­sym­bol die­ser Klas­se ge­wor­den. Im Schnitt zah­len sei­ne Kun­den 300.000 US-Dol­lar nur für Pla­nung und Bau, Ma­te­ri­al­kos­ten kom­men da­zu. „Vie­le wol­len Mar­mor, Ke­ra­mik oder ed­le St­ei­ne. Dann wird es na­tür­lich teu­rer“, sagt Ma­ma­ni grin­send. „Das ist ty­pisch für uns Ay­ma­ra. Wenn wir Geld ha­ben, zei­gen wir das auch gern.“

An der Haupt­stra­ße stoppt Fred­dy Ma­ma­ni ei­nen her­an­rau­schen­den Mi­ni­bus, drückt dem Fah­rer ein paar Mün­zen in die Hand, vier Blocks spä­ter steigt er wie­der aus. Da über­ragt sein nächs­tes Werk ei­ne Häu­ser­wand aus Back­stein. Die­se sechs­stö­cki­ge, grell­or­an­ge Vil­la sei ein ty­pi­sches sei­ner Häu­ser: im Erd­ge­schoß ei­ne La­den­zei­le, auf dem Dach liegt ein klei­nes Fuß­ball­feld. Den zwei­ten Stock be­legt ein zwei­stö­cki­ger Tanz­saal mit neun Kron­leuch­tern, un­zäh­li­gen Ti­schen, bun­ter Wand­ma­le­rei und ei­ner Bar mit Spie­gel­glas. Dar­über, un­ter dem Fuß­ball­platz, wohnt die In­ha­ber­fa­mi­lie. „Die­ser Kun­de han­delt mit Ke­ra­mik, glau­be ich“, sagt Ma­ma­ni. „Der gan­ze Auf­trag war knapp zwei Mil­lio­nen Dol­lar wert.“

In ganz Bo­li­vi­en ist Fred­dy Ma­ma­ni durch sei­ne Bau­art zu ei­ner Be­rühmt­heit ge­wor­den. Aber er hat sich nicht nur Freun­de ge­macht. An­ders­wo im

bun­te Mi­nischlös­ser

hat Fred­dy Ma­ma­ni schon ge­baut. Ähn­lich vie­le sind in Pla­nung.

US-Dol­lar

be­zah­len sei­ne Kun­den im Schnitt nur für Pla­nung und Bau. Die Ma­te­ri­al­kos­ten kom­men noch da­zu. Land, wo auch Prä­si­dent Evo Mora­les vie­le Geg­ner hat, gilt die Ar­chi­tek­tur als ge­schmack­lo­ser Protz für neue Rei­che. Ein Sym­bol „ei­ner neu­en Grup­pe Mäch­ti­ger“wur­de sie in der füh­ren­den Ta­ges­zei­tung „El De­ber“ge­nannt, die in der von Mes­ti­zen ge­präg­ten Me­tro­po­le San­ta Cruz sitzt. Auch der Be­griff „ar­qui­tec­tu­ra cho­la“fällt häu­fig, was auf et­was ab­schät­zi­ge Art so viel heißt wie: „Baustil der Zu­ge­zo­ge­nen.“

Fred­dy Ma­ma­ni ver­let­zen sol­che Be­zeich­nun­gen. Er fin­det sein El Al­to

»Ich will mei­ner Stadt ei­ne Iden­ti­tät ge­ben«, sagt der Ar­chi­tekt Fred­dy Ma­ma­ni. Man­chen gel­ten Ma­ma­nis Häu­ser als ge­schmack­lo­ser Protz für neue Rei­che.

heu­te viel bun­ter und schö­ner als zu sei­ner Kind­heit. Nach­dem er die Prunk­vil­la mit den Me­tall­lö­wen an der Tür ver­las­sen hat, geht er im Abend­dun­kel zu sei­nem Bü­ro. Er macht wie­der zü­gi­ge Schrit­te und blickt zum ers­ten Mal grim­mig. „Mich nervt es“, sagt er, „dass vie­le Leu­te den Ay­ma­ra die Fä­hig­keit zu gu­ter Ar­chi­tek­tur ab­spre­chen.“Tat­säch­lich sind in La Paz so­wie in San­ta Cruz oft ver­ächt­li­che Be­mer­kun­gen über Ma­ma­nis Stil zu hö­ren. Ers­te Nach­ah­mer. Im­mer­hin hat ihn sein Klein­be­trieb Con­s­tec, der vor al­lem Werks­ar­bei­ter be­schäf­tigt, zu ei­nem wohl­ha­ben­den Mann ge­macht. Hin­ter ei­ner Mau­er und ei­nem stau­bi­gen Hof, in dem vier Pick-ups ste­hen, lädt ei­ne brei­te Glas­tür in sein Bü­ro ein. Drin­nen sind die Wän­de so bunt und knal­lig wie die Fas­sa­den sei­ner Häu­ser auf El Altos Stra­ßen. In ei­nem Re­gal ste­hen Bü­cher mit Ti­teln wie: „Geld ma­chen oh­ne Geld“oder „Die Mil­lio­närs­men­ta­li­tät“.

„In zwan­zig Jah­ren wird die Hälf­te der Häu­ser hier in mei­nem Stil ge­baut sein“, sagt Ma­ma­ni. Und viel­leicht schlägt das Neo­an­di­ne bald auch an­ders­wo Wur­zeln. Trotz al­ler fach­li­chen Kri­tik gibt Ma­ma­ni re­gel­mä­ßig Kur­se an Uni­ver­si­tä­ten, sein Stil wird ko­piert. So­gar aus San­ta Cruz, Bo­li­vi­ens Hoch­burg der Mes­ti­zen, wo man den Auf­stieg der In­di­ge­nen oft mit Arg­wohn be­ob­ach­tet, lie­gen schon An­fra­gen vor.

Reu­ters

Die Ar­chi­tek­tur von Fred­dy Ma­ma­ni prägt El Al­to.

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