Ita­li­en geht der gu­te Stoff aus

In der nord­ita­lie­ni­schen Pro­vinz Pra­to ha­dert Eu­ro­pas größ­te Tex­til­in­dus­trie noch im­mer mit der Glo­ba­li­sie­rung. Längst stel­len hier vor al­lem Chi­ne­sen Klei­dung »ma­de in Ita­ly« her. Mit bil­li­gen Stof­fen und Ar­bei­tern aus Asi­en.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON ANDREA AFFATICATI

Der Him­mel hängt grau über Pra­to, und das Ge­wer­be­ge­län­de Ma­cro­lot­to 1 am Ran­de der Stadt er­scheint be­son­ders trist. Hun­der­te Fa­b­rik­hal­len rei­hen sich hier Sei­te an Sei­te. Über den Ein­gän­gen liest man die Fir­men­na­men: Sa­ra Con­fe­zio­ni, Ar­co­ba­le­no und gleich dar­un­ter chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen. Wirft man ei­nen Blick durch die of­fe­nen To­re, sieht man Ar­bei­ter, die sich an den voll­be­häng­ten Klei­der­stän­dern zu schaf­fen ma­chen oder Lie­fe­run­gen vor­be­rei­ten. Es sind aus­schließ­lich Chi­ne­sen. So­wie die Ar­bei­ter im na­he­ge­le­ge­nen Ma­cro­lot­to 0, wo täg­lich ei­ne Mil­li­on Be­klei­dungs­stü­cke her­ge­stellt wer­den: Pron­ta Mo­da, ma­de in Ita­ly. „Das Ma­cro­lot­to 1 ist das größ­te Ein­kaufs­zen­trum eu­ro­pa­weit“, er­klärt Lam­ber­to Ge­stri, ehe­ma­li­ger Prä­si­dent der Pro­vinz Pra­to. Die Kund­schaft kommt von übe­r­all, vor­wie­gend aber aus Nord- und Ost­eu­ro­pa. „Hier be­kommt man ,100 Pro­zent ma­de in Ita­ly‘ zu ei­nem Spott­preis. Wo­bei das mit dem 100-pro­zen­tig nicht ganz stimmt“, fügt Ge­stri hin­zu.

Pra­tos Ruhm be­ruht seit eh und je auf der Tex­til­wirt­schaft: Hier wer­den nicht nur die bes­ten Stof­fe her­ge­stellt, son­dern auch die größ­ten Men­gen in Eu­ro­pa. 2014 er­wirt­schaf­te­ten die hie­si­gen Tex­til­un­ter­neh­men 2,728 Mil­li­ar­den Euro und ex­por­tier­ten welt­weit für ei­nen Ge­samt­wert von 1,622 Mil­li­ar­den Euro. Die Chi­ne­sen kau­fen aber nicht bei den ita­lie­ni­schen Nach­barn. Sie im­por­tie­ren die Stof­fe aus Chi­na. „Seit Jah­ren ver­su­chen wir uns des­we­gen in Brüs­sel Ge­hör zu ver­schaf­fen“, sagt Ge­stri, „lei­der er­folg­los. Wer will schon auf Je­ans ,ma­de in Ita­ly‘ zu sie­ben Euro das Stück ver­zich­ten. Und es sind in ers­ter Li­nie die Nord­eu­ro­pä­er, die sich taub­stel­len.“Sie­ben Euro ei­ne Je­ans, ein Preis, der zu­min­dest in Eu­ro­pa stut­zig ma­chen müss­te. Denn wer sich da­mit über Was­ser hält, der muss ge­zwun­ge­ner­ma­ßen wo­an­ders ge­hö­rig spa­ren. Ein Euro St­un­den­lohn. Un­ter wel­chen Be­din­gun­gen in manch ei­ner der chi­ne­si­schen Kon­fek­ti­ons­fa­bri­ken ge­ar­bei­tet wird, er­fuhr man 2013. Da­mals ent­fach­te sich in der Nacht vom 1. zum 2. De­zem­ber in ei­ner von Chi­ne­sen ge­führ­ten Fa­b­rik­hal­le im Ma­cro­lot­to 0 ein Brand, bei dem sie­ben Ar­bei­ter ums Le­ben ka­men. Als sich die Feu­er­wehr­män­ner den Weg durch die Flam­men bahn­ten, ent­deck­ten sie hin­ter Gips­kar­ton­wän­den ein Schlaf­la­ger. Die Tra­gö­die und die auf­ge­deck­ten Ar­beits­be­din­gun­gen mach­ten welt­weit Schlag­zei­len. Hun­der­te von Chi­ne­sen wür­den in den Fa­b­rik­hal­len um Pra­to il­le­gal und zu ei­nem Hungerlohn von manch­mal so­gar nur ei­nem Euro die St­un­de ar­bei­ten und le­ben, hieß es.

In Pra­to war das ein of­fe­nes Ge­heim­nis, doch erst nach die­ser Tra­gö­die wur­den ge­ziel­te Maß­nah­men er­grif­fen. Die Re­gi­on Tos­ka­na star­te­te das Pro­gramm „Pakt si­che­re Ar­beit“. „Wer dar­an teil­nimmt, hat sechs Mo­na­te Zeit, sei­nen Be­trieb den gel­ten­den Si­cher­heits- und Ar­beits­nor­men an­zu­pas­sen“, er­klärt Clau­dio Bet­taz­zi, Vor­sit­zen­der

Hun­der­te Chi­ne­sen ar­bei­ten il­le­gal zu ei­nem Hungerlohn in den Fa­b­rik­hal­len.

des Ge­wer­be­ver­ban­des CNA Pra­to. „Und mitt­ler­wei­le kön­nen wir auch ers­te Er­fol­ge vor­wei­sen. Schwarz­ar­beit gibt es noch im­mer, aber zahl­rei­che Chi­ne­sen ha­ben die Chan­ce auch wahr­ge­nom­men.“Laut ei­ner ak­tu­el­len Stu­die stel­len chi­ne­si­sche Fir­men auch zu­neh­mend ita­lie­ni­sche Fach­kräf­te ein: vor­wie­gend in der Buch­hal­tung und im krea­ti­ven Be­reich. Die Dis­tanz zwi­schen den ein­hei­mi­schen Tex­til­her­stel­lern und den chi­ne­si­schen Pron­toMo­da-Un­ter­neh­mern in Pra­to bleibt aber wei­ter be­ste­hen. So sind von den

Jo­erg Mueller/pic­tu­re­desk.com

Hier ent­ste­hen Sie­ben-Euro-Je­ans „ma­de in Ita­ly“.

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