FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Eco -

17.000

Chi­ne­sen le­ben und ar­bei­ten in der Tex­til­in­dus­trie in der ita­lie­ni­schen Re­gi­on Pra­to. Das sind acht Pro­zent der Be­völ­ke­rung.

Elf Pro­zent

der Wirt­schafts­leis­tung der Re­gi­on steu­ern die Be­klei­dungs­fir­men der Asia­ten bei. Auf der Stre­cke blei­ben Ita­li­ens Stoff­her­stel­ler. 4023 Be­klei­dungs­un­ter­neh­men 3.424 in chi­ne­si­schem Be­sitz, wäh­rend von den 2206 Tex­til­fa­bri­ken 1853 ita­lie­ni­sche Ei­gen­tü­mer ha­ben.

„Als die Chi­ne­sen kurz vor der Jahr­hun­dert­wen­de hier an­ka­men, wa­ren die Zei­ten der gro­ßen Auf­trä­ge und der stei­gen­den Um­sät­ze längst vor­bei“, be­merkt Bet­taz­zi. Am An­fang ar­bei­te­ten sie noch für die Ita­lie­ner, hat­ten aber bald an­de­res im Sinn. „Die Be­klei­dungs­spar­te war hier eher dürf­tig ver­tre­ten. Die Ein­hei­mi­schen dach­ten sich, war­um Di­ver­si­fi­zie­ren, wenn man mit Tex­ti­li­en so­wie­so ge­nug ver­dient. Dass sich die Zei­ten wan­deln könn­ten, dar­über mach­ten sich die we­nigs­ten Ge­dan­ken, ob­wohl die Glo­ba­li­sie­rung schon im An­marsch war.“Die Chi­ne­sen wa­ren weit­sich­ti­ger, und als ein Tex­til­un­ter­neh­men nach dem an­de­ren schlie­ßen muss­te, mie­te­ten sie leer­ste­hen­de Werk­hal­len. Der gro­ße Schub kam 2001 mit dem Ein­tritt der Volks­re­pu­blik in die WTO. Jetzt konn­te man die Tex­ti­li­en güns­tig aus Chi­na ein­füh­ren, sie hier ver­ar­bei­ten und das La­bel „ma­de in Ita­ly“auf­tra­gen. Kon­zer­ne drü­cken Prei­se. Seit der Jahr­hun­dert­wen­de ha­ben 50 Pro­zent der Tex­til­be­trie­be um Pra­to ge­schlos­sen. Ein har­ter Schlag, aber ir­gend­wie auch haus­ge­macht. Statt sich für den glo­ba­len Wett­be­werb zu rüs­ten, zo­gen vie­le Ein­hei­mi­sche es vor, die Hal­len zu ver­mie­ten. „Im­mer­hin kann man 50 bis 60 Euro pro Qua­drat­me­ter ver­lan­gen“sagt Ge­stri. In­di­vi­dua­lis­mus und Krea­ti­vi­tät zeich­nen Ita­li­en aus, die Mü­hen, die der Fort­schritt ab­ver­langt, je­doch nicht un­be­dingt. Heu­te wür­de es oh­ne Chi­ne­sen auch nicht mehr ge­hen. „Na­tür­lich wür­de die Wirt­schaft in Pra­to kol­la­bie­ren, soll­ten die Chi­ne­sen auf die Idee kom­men, weg­zu­zie­hen“, sagt Ge­stri. Le­ben doch fast 17.000 Chi­ne­sen in Pra­to (acht Pro­zent der Ge­samt­be­völ­ke­rung), die elf Pro­zent des BIP er­wirt­schaf­ten.

Stof­fe wer­den hier schon seit dem Mit­tel­al­ter her­ge­stellt. Nach dem zwei­ten Welt­krieg wur­den die Un­ter­neh­men im­mer klei­ner, die un­ter­schied­li­chen Pro­duk­ti­ons­pha­sen suk­zes­si­ve an Ter­zis­ti, Auf­trag­neh­mer, aus­ge­la­gert. Ein Mo­dell, das, in der Glo­ba­li­sie­rung, zu Ita­li­ens Paradigma wur­de. In­dus­trie­kon­glo­me­ra­te gibt es kaum noch.

Al­ber­to Ma­gel­lis Tex­til­un­ter­neh­men La Tor­re ist nicht gleich zu fin­den. Der Ein­gang be­fin­det sich näm­lich hin­ter ei­ner gro­ßen chi­ne­si­schen Werk­hal­le. Mag­rel­li be­schäf­tigt zehn Leu­te und macht ei­nen Jah­res­um­satz von un­ge- fähr sechs bis sie­ben Mil­lio­nen Euro. Die Pro­duk­ti­on, Spin­ne­rei, We­be­rei, Aus­rüs­tung ma­chen Ter­zis­ti. Im Haupt­quar­tier küm­mert man sich um den Ent­wurf der neu­en Stoff­kol­lek­tio­nen und stellt die Mus­ter zu­sam­men.

„Frü­her hat­ten wir ei­ne in­ter­ne We­be­rei und Aus­rüs­tungs­spar­te. Durch die sai­son­be­ding­ten Schwan­kun­gen bei den Auf­trä­gen kön­nen sich das aber die meis­ten nicht mehr leis­ten.“90 Pro­zent der Tex­til­be­trie­be um Pra­to glei­chen dem Be­triebs­mo­dell von La Tor­re. Ma­gel­li macht mit den Chi­ne­sen kei­ne Ge­schäf­te, es sind aber auch nicht sie, sagt er, die ihm das Le­ben schwer ma­chen. „Das Pro­blem ist, dass gro­ße Mar­ken, neh­men wir Zara, un­se­re Qua­li­tät wol­len, aber zu ih­ren Preis­be­din­gun­gen. Manch­mal wür­den ein, zwei Euro mehr für ein Me­ter ge­nü­gen, um zu in­ves­tie­ren. Aber statt ge­schlos­sen Preis­dum­ping zu ver­wei­gern, fin­det sich im­mer je­mand, der zu­sagt. Oder der Kun­de geht in die Tür­kei oder nach Chi­na.“

Na­tür­lich wür­de die Wirt­schaft in Pra­to kol­la­bie­ren, soll­ten die Chi­ne­sen weg­zie­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.